Sommerferien 1965: Dritter Klasse nach Ceuta
Sommerferien 1965 Dritter Klasse nach Ceuta
Die Sommerferien 1965 hatten begonnen. Mein Freund Tom und ich hatten beschlossen, nach Marokko zu trampen. Unsere Klassenkameraden beneideten uns.
"Das würden unsere Eltern nie erlauben", sagten sie und erzählten, wie ihre Ferien so aussehen würden. Es ging mit den Eltern nach Österreich, manche fuhren nach Dänemark, andere steuerten Italien an, einige mussten die Ferien gar zu Hause verbringen...
Wir fühlten uns privilegiert. Tom, weil er Vollwaise war und keine Eltern hatte, die ihm Vorschriften machen konnten. Ich, weil meine Mutter in der DDR lebte und auch keinen Einfluss auf meine Ferienpläne nehmen konnte.
Nachdem wir uns mit den nötigen Utensilien wie Zelt, Luftmatratze, Schlafsack usw. ausgerüstet hatte, stellten wir fest, dass wir ziemlich viel Gepäck zu schleppen hatten... und Afrika war weit.
Im Schweizer Ford Anglia nach Gibraltar
Tom hatte unser Reiseziel "Marokko - Maroc" auf unser Gepäck gepinselt, schwarzrotgoldene Wimpel am Rucksack befestigt. Nach seiner Theorie würde das bewirken, dass uns fast jeder freudig mitnähme. Ich vertrat die gegenteilige Ansicht, wollte auch nicht gern von vornherein als "Kraut" identifiziert werden, aber ich konnte ihm nun schlecht verbieten, ein "Winkelelement" mit sich zu führen. In mir weckte dies eher unangenehme Assoziationen, es war mir peinlich.
Als uns in der Schweiz ein Autofahrer mitnahm und bemerkte, ihm sei das Schwarz-Rot-Gold aufgefallen, platzte Tom vor Stolz, Recht behalten zu haben. Ich bemerkte daraufhin bei jedem uns ignorierenden Fahrzeug, dass der Fahrer nur nicht angehalten habe, weil er uns als Deutsche erkannt hatte. Beweisen konnte ich das leider nicht.
Erinnerungswerte Stationen unserer Reise waren: Solothurn, Aix-les-Bains, Montpellier, Barcelona, Málaga, Algeciras, Gibraltar, Tétouan und Tanger.
Nach Gibraltar nahm uns ein tramperfreundlicher Schweizer mit, aber auf die Einreise mussten wir länger warten. 1965 schwelte mal wieder der Streit zwischen England und Spanien um die Besitzrechte an den sechseinhalb Quadratmetern Sand und Fels, irgendetwas war eskaliert, und wir waren die Leidtragenden: Die spanischen Grenzhüter hatten den Übergang von La Linea nach Gibraltar geschlossen, öffneten demonstrativ nur zu jeder vollen Stunde den Schlagbaum, ließen dann genau ein Fahrzeug passieren, und senkten hinter diesem den Schlagbaum mit bedeutungsschwangeren Mienen wieder. Die wartenden Autofahrer schimpften, denn sie konnten sich bei dieser Vorgehensweise genau ausrechnen, wann sie die Grenze passieren würden.
Nach fünf Stunden war es auch für uns soweit. "Unser" Ford Anglia mit Schweizer Nummernschildern fuhr endlich in Gibraltar ein, quer über den Flugplatz. Und wir waren sehr aufgeregt.
Dritter Klasse nach Ceuta
Wir fanden eine Art Jugendherberge, das "Toc H", quartierten uns dort ein und besichtigten die Stadt und den Felsen. Afrika war nun nur noch zwei Fährfahrten entfernt. Am 11. Juli bestiegen wir ein erstes Schiff, das die Bucht von Gibraltar querte und uns in knapp 20 Minuten nach Algeciras auf der spanischen Seite brachte. Dort kauften wir uns Karten für die zweite Schiffspassage des Tages, mit der "Virgen de Ceuta" von Algeciras nach Ceuta, in die spanische Exklave auf afrikanischem Boden. Bis zum Ablegen unserer "Virgen" lungerten wir noch in der Stadt herum.
Wir fuhren dann dritter Klasse, trafen dabei zwei Engländer sowie einen Tramper aus Hildesheim, der auch nach Marokko wollte. Später gesellte sich ein Gammler aus Koblenz zu uns, so dass wir auf eine sechs Mann starke Truppe anwuchsen.
Die Überfahrt dauerte etwa zwei Stunden. In Ceuta angekommen staunten wir über die Menschenmenge, die sich am Hafen eingefunden hatte, aber es war Fiesta in der spanischen Exklave. Wir hatten erst Mühe voranzukommen, wanderten dann in Richtung marokkanischer Grenze und schlugen kurz vor ihre am Strand unser Lager auf. Tom und ich verkrochen uns in unsere Schlafsäcke, die Jugendherbergsschlafsäcke und die Luftmatratzen verteilten wir an die anderen Mitreisenden.
Ein hartnäckiger Reiseführer
Am nächsten Tag passierten wir die Grenze ohne Schwierigkeiten. Unsere "schwarz" umgetauschten Dirhams wurden nicht entdeckt, und direkt hinter der Grenze stürzten wir uns ins Meer.
In Marokko wollte niemand uns Tramper mitnehmen, so mussten wir nach Tétouan das Taxi nehmen, was uns zusammen fünf Dirham (damals etwa 4 DM) kostete. Von hier gab es einen "Lift" nach Tanger, dort angekommen fragten wir uns zur Jugendherberge durch, und ein hilfsbereiter Araber begleitete uns.
Wir richteten uns in der Jugendherberge ein, duschten und machten uns daran, die Stadt zu erkunden. Vor der Eingangstür der Herberge wartete unser hilfsbereiter Marokkaner, der uns fortan nicht mehr von der Seite wich, denn er wollte uns all das zeigen, was wir partout nicht sehen wollten: Bars, Teppichläden, zwielichtige Etablissements. Als wir endlich merkten, dass es ihm mehr um unsere Dirham ging als um die touristischen Sehenswürdigkeiten Tangers, versuchten wir, ihn in die Wüste zu schicken - natürlich nur im übertragenen Sinn. Doch wir hatten seine Hartnäckigkeit unterschätzt, und an jedem einzelnen Tag, den wir in Tanger verbrachten, heftete er sich verlässlich an unsere Fersen.
Auf nach Elze, zum Abitur
Nicht zuletzt deswegen fiel uns der Abschied von Tanger leicht, wir freuten uns wieder auf Spanien. An der Costa del Sol wollten wir noch einige Badetage einlegen.
Sicherlich hatten wir in Marokko eine Art Kulturschock erlitten. Das uns fremde Sozialverhalten der Menschen, ihre unbefangene Neugier und ihre Aufdringlichkeit machten uns zu schaffen. Wir waren weit davon entfernt, erfahrene Reisende zu sein, aber weitere Reisen, weitere Erfahrungen würden folgen.
Unsere Rückfahrt nach Deutschland verlief problemlos - mit leerer Reisekasse, aber voll neuer Eindrücke, begannen wir das letzte Schuljahr in Elze. Endlich war das Abitur für uns in greifbare Nähe gerückt.