Spanier und Deutsche - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Spanier und Deutsche: Als die Gastarbeiter kamen

Foto: Flesch/ dpa

Spanier und Deutsche Als die Gastarbeiter kamen

Es war der Beginn einer wundervollen Freundschaft: Als Lehrling bekam Ernst Pelzing den Auftrag, spanische Gastarbeiter vom Zug abzuholen - fortan wurde die Hilfe für iberische Migranten zu seinem Lebensinhalt. Und natürlich heiratete er eine Spanierin.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Meine Geschichte beginnt Anfang der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Ich machte eine Lehre als Industriekaufmann bei einem Großunternehmen im Bereich Lüftung, Kessel- und Apparatebau mit eigenen Produktionsstätten im Ruhrgebiet. Die Wirtschaft boomte, die Auftragslage war allgemein gut, so dass Fach- und Hilfsarbeiter gesucht wurden.

Zu diesem Zeitpunkt verfügte ich bereits über Spanischkenntnisse, wenn auch nicht über viel Sprachpraxis - noch nicht. Ein Härtetest stand kurz bevor, ohne dass ich dies ahnen konnte. Eines Tages gab mir mein Vorgesetzter einen Auftrag etwa folgenden Inhalts: "Herr Pelzing, wie ich hörte, können Sie Spanisch. Morgen kommen sechs spanische Gastarbeiter zu uns. Die können kein Deutsch. Was halten Sie davon, wenn Sie die Herrschaften vom Bahnhof und am nächsten Tag vom Hotel abholen? "

Ich muss wohl reichlich verdutzt ausgesehen haben, doch die Antwort war wohl ja. So fuhren ein Fahrer und ich am Abend zum Bahnhof, um die neuen Mitarbeiter in Empfang zu nehmen. Der Zug lief pünktlich ein - und da waren sie, unverkennbar, wie man sich hierzulande eben Spanier vorstellte. Jetzt musste ich sprachlich die Initiative ergreifen, denn wer sonst?

Das Eis war schnell gebrochen

Ich gab mir einen Ruck. Kurze Vorstellung, ein Willkommen im Namen der Firma, dann war das Eis gebrochen. Die Neuankömmlinge hatten meinen Vornamen behalten, den ich vorher zur Erleichterung der Aussprache hispanisiert hatte. Ich brauchte meinerseits allerdings etwas länger, um mir ihre Vornamen zu merken. Wir waren schnell beim Du.

Die Neuen waren nach der langen Bahnfahrt nicht gerade putzmunter. Der Zug war etwa gegen 10 Uhr abends eingetroffen, also zu einem Zeitpunkt, an dem man in Spanien zu Abend aß. Die Firma hatte mich mit ausreichend Geld versorgt, so dass ich die Ankömmlinge zum Abendessen einlud. Wir suchten ein passendes Lokal auf. Vor Ort bedurfte es dann einiger Improvisationskünste, um uns auf etwas Bestimmtes zu einigen. Was den Spaniern von der teutonischen Küche ins Auge stach, das waren die reichlich vorhandenen Kartoffeln. Ein starker Schritt weg von der gewohnten mediterranen Kost.

Mit dieser Erkenntnis und dem schmackhaften deutschen Bier mussten sich die Neuankömmlinge - zumindest vorerst - zufrieden geben. Die Spanier hatten eine Flasche Cognac im Reisegepäck, dem wir nach Rücksprache mit dem Wirt reichlich zusprachen. So begann der gemütliche Teil des Abends, den ich so schnell nicht vergessen sollte. Am Ende war die Flasche leer und ich ... voll. Die Spanier waren besser im Training als ich, so dass der Abend für sie mehr oder weniger normal ablief, für mich aber nicht ganz.

Für Abwechslung war gesorgt

Der folgende Morgen sah mich nicht in bester Verfassung. Da ging es dann zur Personalabteilung zur Vorlage der offiziellen Arbeitsverträge. Im Prinzip galt: ohne Vertrag kein Job. Es gab zwar das eine oder andere schwarze Schaf unter den zahlreichen "emigrantes" auf spanischer Seite, das scheinbar als Tourist einreiste, um sich später die nötigen Papiere zu besorgen. Doch das war die Ausnahme.

Langsam "schoss" ich mich bei meinen häufigen innerbetrieblichen Kontakten auf die mir bis dahin kaum bekannten Aussprachevarianten des Spanischen ein. Grammatikkenntnisse sind in der Praxis verständlicherweise nicht alles, und nicht jeder sprach die Hochsprache. Die sechs Neuankömmlinge kamen aus unterschiedlichen Regionen: Andalusien, Galicien und Madrid - für sprachliche Abwechslung war somit gesorgt. Diese Arbeit war viel interessanter als die normale Lehrlingstätigkeit wie Buchführung et cetera.

Meine Einsätze beschränkten sich nicht auf den Betrieb. Häufig fielen Behördengänge und Arztbesuche im Raum Bochum, Herne und Wanne-Eickel an, auf denen ich meine "Schützlinge" begleitete. Da es unheimlich viel sprachliches Neuland gab, legte ich mir einen Notizblock zu, um Interessantes zu notieren. Das war häufig nicht unbedingt in gängigen Wörterbüchern zu finden. Für diese deutsche Systematik handelte ich mir den Spitznamen "el agendas" ein. Ich nahm's gelassen zur Kenntnis.

Gründung des ersten spanischen Klubs in Bochum

Parallel zu dieser Entwicklung der "colonia española" gab es auch im privaten Umfeld der Spanier zu tun, so beispielsweise dann, wenn im Wohnheim, dem Kolpinghaus, oder bei Vermietern etwas zu klären war. Somit verbrachte ich zunehmend mehr Freizeit mit ihnen - und lernte in der Zeit auch meine spätere Frau kennen, eine waschechte "madrileña". Über die Sprache, versteht sich. So ließ sich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.

Zu der Zeit wurde auch der erste spanische Klub in Bochum mit Vereinslokal in den Räumen einer Gaststätte gegründet. Als "presidente" fungierte ein Vetter meiner Zukünftigen. Doch aus den verschiedensten Gründen hielt sich dieser Klub nicht lange.

Der private Einsatz wurde im Laufe der Zeit erheblich erweitert. Viele Gastarbeiter kamen nur mit dem Nötigsten versehen ins Land. Ich hatte inzwischen geheiratet. Meine Frau kümmerte sich hauptsächlich um Gastarbeiterfrauen mit Kleinkindern. Dort mangelte es an allen Ecken und Kanten. Kinderwagen, Kleidung.

Meine Frau begleitete Spanierinnen häufig zu ärztlichen Untersuchungen und auf Behördengängen. Es galt, nicht nur sprachliche Schwierigkeiten zu überwinden, sondern ihnen den Sprung in eine ungewohnte Umgebung zu erleichtern. Nicht immer war es einfach, es gab auch manche menschliche Enttäuschung.

Selbstorganisierter Deutschunterricht für die "Gastarbeiter

Meine ständige Präsenz führte dazu, dass ich selbst sprachlich enorm profitierte, die Spanier als Gruppe jedoch nicht. Mein Angebot, ihnen Deutschunterricht zu geben, wurde zwar gerne angenommen, scheiterte jedoch in der Praxis kläglich. Überstunden, ein Normalfall in der gut laufenden Wirtschaft, und sonstige Voraussetzungen der Interessenten waren zu unterschiedlich, als dass alle unter einen Hut zu bekommen waren.

Um diese Lücke zu schließen, setzte ich mich mit der VHS Hattingen in Verbindung, von der ich wusste, dass man dort in dieser Hinsicht recht kooperativ war. Es gab dort und im vorderen Sauerland zahlreiche portugiesische Gastarbeiter. Die Portugiesen verfügten sogar über einen funktionierenden Klub in Hattingen. Die Initiative, die ich mit einem brasilianischen Freund anstieß, fruchtete: Wir konnten spanischen und portugiesischen Gastarbeitern Deutschkurse erteilen. Dieses Engagement war jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, ein erweiterter Einsatz war erforderlich. Die spanische Kolonie im Raum Bochum hatte einen gut deutsch sprechenden Sozialassistenten mit Büro im Kolpinghaus Bochum. Er war Anlaufstelle für alle die Spanier, die "der Schuh irgendwo drückte", sei es in privaten oder behördlichen Fragen.

Tapas in der Bochumer Peña

Die katholische Kirche im weiteren und Caritas im engeren Sinne taten ein Übriges im seelsorgerischen und sozialen Bereich. Über einen katholischen Pfarrer verfügte die spanische Gemeinschaft in Bochum und Umgebung ebenfalls, dazu über eine ihn in seelsorgerischen und sozialen Belangen unterstützende weibliche Hilfskraft sowie weitere freiwillige Helfer.

Mit der steigenden Anzahl spanischer Gastarbeiter ergab sich die Notwendigkeit, den Betreuungs- und Veranstaltungsrahmen zu erweitern. So bestand etwa neben dem muttersprachlichen Schulunterricht (zusätzlich zur Schulpflicht) der Kinder die Möglichkeit, in der spanischen Pfarrei an Ergänzungsunterricht für Spanisch, an Musik- und sonstigen Kursen teilzunehmen. Die Eltern der schulpflichtigen spanischen Kinder gründeten einen Interessenverband mit eigenen Veranstaltungen.

Außerdem wurde der Grundstein gelegt für einen Jugendklub und eine "peña", einen Klub für Erwachsene, der sich in den dem Bistum Essen gehörenden Räumen einer Bochumer Pfarrei niederließ. Dort wurde ein Ausschank mit Getränken und "tapas" zu vertretbaren Preisen eingerichtet. Samstags und sonntags traf man sich zum Gedankenaustausch und selbstverständlich zum Kartenspielen. An Gelegenheiten, Feiern abzuhalten, fehlte es nicht. Heute ist der Jugendklub praktisch aufgelöst, der Klub der Erwachsenen besteht auf Grund der starken Abwanderung nur noch in Restbeständen.

Im Schoß Europas

Viele der zu Spitzenzeiten in Deutschland lebenden rund 270.000 spanischen Gastarbeiter sind nach einem Berufsleben in der Fremde als Rentner in ihre Heimat zurückgekehrt. Der spanische Staat half mit seinem "Retorno"-Programm. Ihre Kinder saßen sprachlich und soziokulturell noch zwischen zwei Stühlen. Sie hatten Spanien verlassen, waren aber noch nicht in Deutschland angekommen. Die kaum vorhandenen Integrationsbemühungen von offizieller deutscher Seite bei der ersten Generation - es waren ja Gastarbeiter, also Arbeiter auf Zeit - sind heute in der dritten Generation kein Thema mehr. Sie sind im Schoß der EU gelandet.

Heute ist Spanien selbst Einwanderungsland - gewollt oder ungewollt.