SPIEGEL TV-Dokumentation: Interviews mit Hitlers engstem Umfeld - DER SPIEGEL
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Neu entdeckte Filmaufnahmen: Interviews mit Hitlers engsten Vertrauten

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Neu entdeckte Filmaufnahmen Interviews mit Hitlers engsten Vertrauten

Sie sprechen über Hitlers Lieblingslied, sein Testament und die Vergiftung seines Hundes Blondi: 1948 begann ein Richter Vertraute des "Führers" nach den letzten Tagen in dessen Leben zu befragen - und filmte die Gespräche. In einer SPIEGEL TV-Dokumentation werden die Aufnahmen nun erstmals gezeigt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Fachkreisen zählten sie zu den meistgesuchten Filmen der Welt. Ob sie überhaupt noch existierten, war indes ungewiss. Waren sie vernichtet worden oder verrottet? Schlummerten sie unentdeckt in einem Kopierwerk oder vergessen auf einem Dachboden? Die Sachlage war kompliziert: 1950 veröffentlichte der amerikanische Richter Michael A. Musmanno die Ergebnisse seiner umfangreichen Recherchen zu den Umständen des Todes von Adolf Hitler in seinem aufsehenerregenden Bestseller "Ten Days to Die", zu Deutsch "In zehn Tagen kommt der Tod".

Musmanno hatte in Deutschland fast 100 Zeitzeugen gefunden, befragt und die Erzählungen in einen blumig formulierten Tatsachenbericht verwandelt. In dem Buch finden sich auch Fotos von Interviewsituationen. Merkwürdig dabei: Einige der Zeugen sitzen vor einem neutralen Hintergrund, mal mit Übersetzer im Bild, mal ohne - wie in einem Studio. Der Verdacht lag nahe, dass auch eine Filmkamera dabei war und Teile der Interviews aufzeichnete. Über einen Dokumentarfilm zum Buch aber ist nichts bekannt. Musmanno verstarb 1968 in Pittsburgh, den Nachlass verwahrt eine Universität.

Doch wer nach der Existenz von Filmrollen fragte, erhielt die Antwort, dass sich dort keine solchen Objekte befinden. Sie sollen existiert haben, glaubten die örtlichen Experten zu wissen, über den Verbleib konnten sie jedoch keine Angaben machen. Die Geschichte der Filme aber ließ sich rekonstruieren.

Michael Musmanno begann seine Juristenkarriere in Pennsylvania, wo er unter anderem als Anwalt für die später hingerichteten Anarchisten Ferdinando "Nicola" Sacco und Bartolomeo Vanzetti tätig wurde. Als Konteradmiral der US Marine kam er 1945 über den Kriegsschauplatz Italien ins besetzte Deutschland. Dort berief ihn die amerikanische Anklagebehörde als Richter in den Nürnberger Nachfolgeprozessen. Musmanno verhandelte den Fall von Hermann Görings Luftwaffenfeldmarschall Erhard Milch und brachte SS-Einsatzgruppenführer an den Galgen. Die herausgehobene Position verhalf ihm zu sensiblen Informationen der alliierten Geheimdienste und ermöglichte ihm Zugang zu in Nürnberg internierten Nazi-Größen. Denn mit seinen Aufgaben im Gerichtssaal war Musmanno offenbar nicht ausgelastet, und so verfolgte er eine zweite Mission.

Amerikaner glaubten an Hitlers Überleben

Mehr als die Hälfte aller Amerikaner glaubte 1948 noch, dass Adolf Hitler den Sturm auf Berlin überlebt hätte und sich in Argentinien oder anderswo aufhalte. Bereits im Herbst 1945 hatte der britische Geheimdienstoffizier Hugh Trevor-Roper im Auftrag seiner Majestät Informationen über das Ende im Bunker gesammelt, seine Ergebnisse veröffentlichte er 1947 in Buchform als "Hitlers letzte Tage". Ob Michael Musmanno den Analysen Trevor-Ropers, der 1983 als Gutachter der Hitler-Tagebücher seine Reputation als Historiker verspielte, nicht traute oder einfach den Kick suchte, das Rätsel auf eigene Faust zu lösen, ist unklar. Einen offiziellen Auftrag hatte er wahrscheinlich nicht. Sicher ist, er reiste schon kurz nach seiner Ankunft 1945 durch die britische und amerikanische Zone, drückte Überlebenden, die aus dem von der Roten Armee eroberten Berlin entkommen waren, seine Visitenkarte in die Hand und fragte nach dem Verbleib Hitlers.

So recht kam er nicht weiter, erst in Nürnberg verfügte er über genug Einfluss und Verbindungen, um die notwendigen Adressen und Besuchsgenehmigungen zu bekommen. Nicht alle Wunschkandidaten waren verfügbar. So verschaffte sich der Richter beispielsweise Vernehmungsprotokolle der hingerichteten Nazi-Größen Wilhelm Frick und Alfred Jodl, sowie des zu zwanzig Jahren Haft verurteilten Albert Speer.

Anfang 1948, das belegen die Abschriften der Gespräche, zog Musmanno los, um die Zeugen des Untergangs zu befragen. Das gesamte Who's who der Entourage des Diktators ist vertreten, darunter die Sekretärinnen Gerda Christian und Traudl Junge, sowie die Adjutanten Nikolaus von Below und Julius Schaub; des Weiteren die Generäle Walther Wenck und Karl Koller, aber auch die Familie von Eva Braun und die Regisseurin Leni Riefenstahl.

Traudl Junges erstes Interview

Fragen über Fragen stellte der wissensdurstige Richter, verzettelte sich manches Mal in unwichtige Details und schreckte auch vor Boulevardthemen nicht zurück. Irgendwann im Sommer 1948 überredete er 20 der Zeugen zu Interviews vor der Kamera, ließ sie nach Nürnberg bringen und bereiste mit ihnen Schauplätze wie Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg. Wie viele Rollen Film belichtet wurden, ist unklar. Erst vor kurzem gelang es einem findigen Rechercheur, Verwandte Musmannos in den USA ausfindig zu machen und entdeckte schließlich doch Filmmaterial, das jetzt von den Erben und den Nachlassinhabern SPIEGEL TV exklusiv zur Auswertung überlassen wurde.

Knapp fünfzig Minuten Film sind es, die für die Reportage "Zeugen des Untergangs – die verschollenen Interviews von 1948" zur Verfügung standen, wahrscheinlich gab es noch mehr Rohmaterial, denn es handelt sich offenbar um einen Zusammenschnitt ohne filmische Struktur. Musmanno setzt sich darin selbst in Szene, formuliert in pathetischen Worten, er sei sich sicher, dass " Adolf Hitler - Deutschlands Führer, der schlimmste Verbrecher der Welt, der größte Gangster der Menschheit - tot ist". Auch in den Interviewsequenzen ist er präsent, bemüht sich um eine freundliche, aber auch ernsthafte Gesprächsatmosphäre. Die Antworten wirken teilweise vorbereitet, aber nicht auswendig gelernt.

Seine erste Zeugin ist ausgerechnet Traudl Junge, die seit 1943 als Sekretärin in Diensten Hitlers war. Es ist der erste öffentliche Auftritt in einer umstrittenen Karriere als Zeitzeugin ("Im toten Winkel"). Bis zu ihrem Tod 2002 beeinflussen ihre Erzählungen aus dem Leben mit dem Führer viele Bücher und Filme, so Bernd Eichingers Spielfilm "Der Untergang". Die 28-Jährige antwortet auf Englisch, das genauso perfekt ist wie ihr Auftreten.

Es macht ihr sichtlich Spaß, auch die Frage zu beantworten, ob Hitler Liebesbriefe von fanatischen Anhängerinnen erhielt. Ihre Ausführungen über die letzten Tage im Bunker decken sich fast wörtlich mit Interviews, die sie fünfzig Jahre später gab. Über das Diktat des privaten und politischen Testaments beispielsweise sagt sie: "Ich dachte, er würde seine Taten rechtfertigen und erklären, warum sich Deutschland in dieser Lage befindet. Dass er einen Ausweg weist aus unserer furchtbaren Tragödie. Er wiederholte aber nur die alten Parolen, die er in seinen Reden immer wieder benutzt hatte."

Die Vergiftung von Hitlers Blondi

Neues über Hitler und sein Ableben erfährt man nicht, doch die Filmaufnahmen sind faszinierend. Denn niemals zuvor hat man die engsten Mitarbeiter des "Führers" so gesehen, wie sie in etwa auch 1945 aussahen.

Immer wieder will der Amerikaner von den Zeugen wissen, in welcher Verfassung der Diktator war, welche Atmosphäre im Bunker herrschte und ob Hitler tatsächlich Selbstmord begangen hat. Es treten die Boten Heinz Lorenz und Wilhelm Johannmeier auf, die Kopien der Testamente aus Berlin brachten. Der Luftwaffenadjutant Bernd Freytag von Loringhoven berichtet über die Vergiftung von Hund "Blondi". Zwei Kriminalpolizisten, Zeugen der Verbrennung der Leichen im Garten der Reichskanzlei, haben sich ebenfalls zum Interview bereit erklärt. Dann ist Colonel Holsten mit im Bild, der stoisch selbst skurrile Einlassungen ("Erstarrt blieb ich stehen und erhob meinen Arm noch mal zum Gruß") direkt ins Englische übersetzt. Schließlich ist der Dokumentarfilm fürs amerikanische Publikum gedacht. Der wissbegierige Richter aus Pennsylvania ist offenbar entschlossen, nicht nur den Tod Hitlers zu belegen, auch das Privatleben des "Führers" interessiert ihn. Besonders die Beziehung zu Eva Braun, die der Diktator am 29. April 1945 geheiratet hat. Hitlers Hausintendant Arthur Kannenberg beantwortet sogar die Frage nach dessen Lieblingslied.

Dann wird es doch wieder ernst, denn Musmanno interviewt Artur Axmann. Der 35 Jahre alte ehemalige "Reichsjugendführer" konnte am 1. Mai 1945 aus dem Bunker entkommen und wurde schließlich verhaftet. In einem Internierungslager wartete Axmann auf seinen Prozeß. Endlich hatte Musmanno einen Zeugen gefunden, der das Geheimnis um Hitlers Tod am 30. April lüften kann. Schließlich fand er auch Zeugen, die etwas über den Verbleib der sterblichen Überreste Hitlers aussagen konnten, die nicht vollständig verbrannten. Der Fall ist abgeschlossen. Zeuge Willi Johannmeyer spricht noch in die Kamera, dass mit Hilfe des Dokumentarfilms "die objektive Wahrheit bekannt wird. Wir hoffen und sind überzeugt, dass die Wahrheit ihren Beitrag zu Erziehung und Aufklärung leistet".

Dieser Wunsch wird erst jetzt, 65 Jahre danach, erfüllt.