Spießer mit Machtinstinkt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 16 / 31

Spießer mit Machtinstinkt

Erich Honecker organisierte den Mauerbau und drängte seinen Ziehvater Walter Ulbricht mit Intrigen aus dem Amt. 18 Jahre stand er an der Spitze der DDR, die er mit seiner Subventionspolitik in den Ruin führte.
• aus SPIEGEL Geschichte 2/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der erste Mann im zweiten deutschen Staat gab oft ein jammervolles Bild ab, wenn er, mit leierndem Singsang und ganze Silben verschluckend, seine Reden vom Blatt ablas. Erich Honeckers linkische Art bei öffentlichen Auftritten wirkte bisweilen peinlich. Steif und hölzern erlebten ihn westliche Gesprächspartner, die er mit propagandistischen Floskeln traktierte.

»Mir ist nie klargeworden«, wunderte sich Helmut Schmidt, »wie dieser mittelmäßige Mann sich an der Spitze des Politbüros so lange hat halten können.« Immerhin prägte Honecker die Geschichte des geteilten Landes mehr als ein Vierteljahrhundert; 18 Jahre lang führte er die DDR-Staatspartei SED - länger, als jeder westdeutsche Kanzler regierte.

Das gelang ihm, weil er sich, von wenigen ihm intellektuell überlegenen Genossen abgesehen, im obersten Führungsgremium mit lauter Jasagern und Kopfnickern umgab. Selbst Stasi-Chef Erich Mielke, der auch nur insgeheim über den Parteichef moserte, resignierte vor der Unterwürfigkeit seiner Politbüro-Kollegen gegenüber Honecker: »Alle haben Angst vor Erich.«

Honeckers Defizit an intellektuellen und rhetorischen Fähigkeiten verleitete indes auch leicht dazu, den grauen Parteifunktionär zu unterschätzen. Was dem SED-Generalsekretär an Geist und Ausstrahlungskraft fehlte, machte er mit Machtinstinkt, taktischem Talent und Bauernschläue wett.

Der 1912 geborene Saarländer mit abgebrochener Dachdeckerlehre, der seine Schulung vorwiegend in Kaderschmieden der Kommunistischen Partei erhalten und unter den Nazis im Zuchthaus gesessen hatte, machte nach dem Zweiten Weltkrieg in der sowjetisch besetzten Zone und späteren DDR rasch Karriere: Erst avancierte er zum Chef der »Freien Deutschen Jugend«, dann wurde er Politbüro-Mitglied und Sekretär für Sicherheitsfragen im SED-Zentralkomitee. In dieser Eigenschaft organisierte er 1961 den Bau der Berliner Mauer mit höchster Präzision - sein Gesellenstück, das ihn zur Nummer zwei in der Parteihierarchie machte.

Von 1963 an ging Honecker, bis dahin ein treuer Paladin Walter Ulbrichts, auf Konfrontationskurs zu seinem Förderer. Der hatte gerade eine vorsichtige Liberalisierung der Jugend- und Kulturpolitik verordnet. Auf der 11. Tagung des SED-Zentralkomitees im Dezember 1965, die als »Kahlschlag-Plenum« in die Geschichte der DDR einging, trat Honecker als Hardliner auf und setzte strenge Zensurmaßnahmen in Literatur und Film durch.

Offensichtlich opponierte er nicht aus innerer Überzeugung gegen seinen Ziehvater, sondern aus Lust am Widerspruch und aus Machtstreben. Denn er attackierte Ulbricht unter anderem wegen dessen Gesprächsbereitschaft gegenüber westdeutschen Politikern, die er später selbst pflegte. Honecker schwärzte Ulbricht beim Kreml-Fürsten Leonid Breschnew an und entmachtete ihn schließlich 1971 auf demütigende Weise: Er ließ Fotos verbreiten, die Ulbricht als gebrechlichen Kranken in Morgenmantel, Trainingshose und Pantoffeln zeigten.

Honecker, privat ein spießiger Kleinbürger, der in seiner plüschig eingerichteten Dienstvilla regelmäßig mit drei Skatfreunden Karten spielte und als Lieblingsspeisen »gegrillte Wurst mit Kartoffelpüree« und »Makkaroni mit Speck« angab, mutierte zu einem sozialistischen Sonnenkönig.

Er gab Anweisung, auf flüchtende DDR-Bürger rücksichtslos zu schießen, beschied Eingaben seiner Untertanen nach feudalherrlichem Gutdünken ("Einverstanden E. H.") und buhlte mit dosierten Wohltaten, etwa genormtem Plattenbau (vulgo »Arbeiterschließfächer"), um die Zuneigung seines Volkes.

Er verkündete die »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik« - ein ideologisch motiviertes Subventionssystem, das zum Scheitern verurteilt war. Wenn etwa gebackenes Brot billiger war als Getreide, wurde eben Brot an die Schweine verfüttert. Weil mit den lächerlich geringen Mieten die Häuser nicht einmal notdürftig instand gehalten werden konnten, verfiel die Bausubstanz. Die verordneten Löhne, so niedrig sie waren, entsprachen bei weitem nicht der Produktivität - die kollabierte DDR hinterließ schließlich eine marode Industrie und eine ökologische Giftküche.

Anfangs kokettierte Honecker noch damit, dass er in wirtschaftlichen Dingen ein Laie sei. Später hielt er sich für einen Experten: »In Ökonomie macht mir keiner was vor.«

Wie entrückt Honecker zuletzt war, zeigte sich im Januar 1989, als er bekräftigte, die Mauer werde »in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind«. Das sei, sagte er, auch deshalb »erforderlich, um unsere Republik vor Räubern zu schützen, ganz zu schweigen von denen, die gern bereit sind, Stabilität und Frieden in Europa zu stören«.

Honecker, sein Leben lang ein Satrap der Sowjetunion, verstand die Signale nicht mehr, die von Moskau ausgingen. Vor Glasnost und Perestroika schottete er seine kleine Republik hermetisch ab. Vergebens mahnte ihn der Reformer Michail Gorbatschow beim 40. Jahrestag der DDR-Gründung am 7. Oktober 1989: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.«

Gut eine Woche später wollte Honecker sogar Panzer durch Leipzig rollen lassen, zwecks Abschreckung der hunderttausend Montagsdemonstranten, die er als »Mob« beschimpfte. Die Idee ließ er sich ausreden. »Na, denn nicht«, gab er kleinlaut nach. Seinen Sturz am 17. Oktober beschloss er widerwillig, aber systemkonform im Politbüro mit - es musste ja immer Einstimmigkeit herrschen im Gremium der Gerontokraten.

Vertrieben aus dem Bonzenparadies Wandlitz, fand der Atheist Honecker erst Unterschlupf bei einem Pastor, dessen Kinder im DDR-System um ihre Bildungschancen gebracht worden waren, dann begab er sich in die Obhut der noch in Ostdeutschland stationierten Sowjetarmee. Seiner drohenden Verhaftung entzog er sich im März 1991 durch Flucht nach Moskau.

Dem Drängen Bonns auf Auslieferung gaben, nach dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991, der russische Präsident Boris Jelzin und die konservative chilenische Regierung nach, in deren Botschaft sich der ehemalige DDR-Machthaber zuletzt geflüchtet hatte.

Eine manipulierte Krankenakte erleichterte die Abschiebung des unerwünschten Gastes: Dieselben Ärzte einer Moskauer Klinik, die im Februar 1992 einen Tumor in der Leber diagnostiziert hatten, fanden drei Wochen später angeblich keinen Krebsherd mehr - Honecker stand als Simulant da.

Schon die erste medizinische Untersuchung in Deutschland bestätigte indes, dass das Moskauer Gutachten verfälscht worden war. Aber nach seiner Rückführung konnte Honecker in Berlin der Prozess wegen der Todesschüsse an der innerdeutschen Grenze gemacht werden - ein fragwürdiger Versuch, die moralische und politische Schuld eines Staatsmannes unter die Normen des Strafrechts zu bringen.

Als klar war, dass Honecker das Ende des Prozesses nicht mehr erleben würde, wurde er im Januar 1993 aus der Haft entlassen, das Verfahren eingestellt. So verabschiedete er sich als gebrochener, todkranker Greis aus der Weltgeschichte. Am 29. Mai 1994 starb er in Chile.

Zur Ausgabe
Artikel 16 / 31

Mehr lesen über