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Sport und Politik: Aufschlag Peking

Foto: Peter Bizer

Sport und Politik Aufschlag Peking

Ping-Pong-Diplomatie: Mit einer Einladung an die deutsche Tischtennis-Nationalmannschaft nach Peking öffneten Maos Funktionäre dem isolierten China 1972 die Tür zum internationalen Sport - und zu Olympia. Peter Bizer wurde Zeuge einer folgenreichen Begegnung im Reich der Mitte.
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Christfest in Peking 1972. An dem bunten Weihnachtsbaum fehlten nur die Kerzen. Die Zweige waren dicht gewachsen, die Nadeln grün, die Kugeln rot und gelb. Als sich alle satt gesehen hatten, verspeiste die fröhliche Runde das potemkinsche Bäumchen als Festmahl an Heilig Abend. Niemand am Tisch konnte ahnen, dass damit Olympia 2008 eingeläutet worden war.

Der Christbaum aus fantasiereich geschnitzten Gemüse- und Obstsorten wurde von chinesischen Küchenmeistern zu Ehren deutscher Tischtennisspieler serviert. Zum Beispiel für Eberhard Schöler, einem der damals Weltbesten. Er war Kapitän der (west-)deutschen Nationalmannschaft und unfreiwillig sportpolitischer Missionär im Kalten Krieg. Das erfuhr man erst viel später. Am 24. Dezember 1972 ließ er sich noch ahnungslos eine knusprige Peking-Ente schmecken und das ungewöhnliche Dessert ebenfalls.

China hatte die Nationalmannschaft aus der Bundesrepublik zu Freundschaftsspielen in Peking und danach in Shanghai und Kanton eingeladen. Das klingt undramatisch, war es aber nicht. Gerade erst acht Monate zuvor hatte der amerikanische Präsident Richard Nixon zum ersten Mal mit Chinas "großem Steuermann" Mao Zedong in Peking grünen Tee getrunken. Dies war eine politische Weltsensation gewesen, höchst diskret vorbereitet nach mehreren geheimgehaltenen Besuchen von US-Außenminister Henry Kissinger. Das Reich der Mitte hatte damit nach jahrzehntelanger, selbst gewählter Isolation und nach dem Ende der blutigen "Kulturrevolution" wieder die Tür zum Westen geöffnet. Später war von Ping-Pong-Diplomatie die Rede.

Deutsche auf der Großen Mauer

Ein halbes Jahr vor Nixons Visite war die amerikanische Tischtennismannschaft in Peking an die Platten gebeten worden - von der Weltöffentlichkeit kaum beachtet. Chinas hielt sich vom internationalen Sport fern und zählte sich seit 1948 auch nicht mehr zur "olympischen Familie". Lediglich die Tischtennisspieler reisten ins Ausland. Bei den Weltmeisterschaften 1971 besiegten sie in der japanischen Stadt Nagano die einheimischen Titelverteidiger - und luden die vergleichsweise (sportlich) harmlosen Amerikaner nach Peking ein.

Als Nächste waren die Westdeutschen dran - als erste Europäer. Das lag zum einen an deren respektablen Leistungen, hatte aber vor allem mit einem gewissen Jupp Schlaf zu tun. Der Mann aus Frankfurt war nicht nur körperlich eine beeindruckende Gestalt, sondern bekleidete auch schwergewichtige Ämter. Er war Generalsekretär des Tischtennisbundes und auch Präsident des europäischen Verbandes.

Gesättigt von Ente und Fruchtbaum spielten die Deutschen im Dezember 1972 nicht nur vor 18.000 seltsam schweigsamen Chinesen in Pekings Sporthalle, sondern wurden mit recht klapprigen Bussen auch zu den Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt und natürlich zur großen Mauer chauffiert. Außerdem öffneten sich ihnen die Tore der Sporthochschule wie zuvor nur einigen Trainern aus der Sowjetunion und der DDR: Auf dem riesigen Gelände von Sportplätzen und Hallen schien sich China nicht nur im Tischtennis auf den Kampf gegen den Rest der Welt vorzubereiten, so der Eindruck der Reiseteilnehmer.

Das Hochsprung-Wunder

Staunend stand die deutsche Delegation in einer eisig kalten Halle, auf deren Lehmboden dutzende von Hochsprunganlagen aufgebaut waren. Diszipliniert reihten sich davor junge Athleten auf und warteten auf das Kommando zum Sprung. Und wie es wohl der große Vorsitzende Mao befohlen hatte, schien ihnen keine Hürde zu hoch: Keine der Latten fiel zu Boden. Konnten sie auch nicht, denn sie waren aus Eisen und angeschraubt. Ob die sprunggewaltigen Athleten unter ihren etwas unförmigen Trainingshosen Knieschützer trugen, blieb den erstaunten Betrachtern verborgen.

So wie auch Ni Tschi Tschin nicht zu sehen war, der Weltrekordmann im Hochsprung, über den die chinesischen Zeitungen Wunderdinge berichteten - und die internationalen Nachrichtenagenturen ebenfalls: Seine Bestmarke stand auf 2,29 Meter. Die vier mitgereisten Journalisten aus Deutschland aber warteten vergebens auf eine Begegnung mit ihm und das erhoffte Interview. Chinas volkseigener Star war angeblich auf Reisen.

Dafür war der Direktor der Sporthochschule da, Herr Li Tung-Ming. Ein weißhaariger Mann im schwarzen Mao-Anzug, auf der Brust ein kleines, blechernes Mao-Abbild. Er empfing die Gäste und auf dem Weg zu seinem Büro standen junge Sportlerinnen mit bunten Schleifchen in den Zöpfen Spalier und klatschen freundlich lächelnd Beifall.

Geheimer Brief aus München

Teetrinken und anständig Qualmen, so beginnt jede offizielle Begegnung in China. Der gute Herr Schlaf aus Frankfurt musste sich also bis ans Ende der höflichen Konversation gedulden, bis er endlich einen Brief aus der Tasche ziehen und diesen Herrn Li mit leichter Verbeugung überreichen durfte. Der schien auf diesen kleinen Staatsakt gewartet zu haben und machte, wie auch Herr Schlaf, eine bedeutende Miene.

Was in dem Brief stand, kann vielleicht in Kopie in den Archiven des IOC oder der Pekinger Sporthochschule nachgelesen werden. Der Absender jedenfalls war bekannt: Willi Daume, Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees, Präsident des deutschen NOK und Organisationschef der Spiele von München 1972. Es durfte und darf spekuliert werden, dass er China in wohlgesetzten, vielleicht sogar blumigen Worten einen Willkommensgruss des IOC schrieb.

Nicht vergeblich, wie man weiß. Ein Jahr später kehrte China zuerst in den asiatischen Sport und 1980 in die olympische Arena zurück. 2004 in Athen holte China nach den USA die meisten Olympiamedaillen. Und am Ende der Spiele von Peking könnte die 1972 begonnene Mission endgültig abgeschlossen sein: China als Weltmacht des Sports.

Übrigens: Eberhard Schöler bereiste seither mit seiner Frau Diana, ebenfalls einst erfolgreiche an der Platte, regelmäßig China und durfte feststellen, dass zumindest im Reich der Ping-Pong-Spieler sein Name noch nicht vergessen ist. Erst im vergangenen Jahr musste er irgendwo in einer Provinzstadt zum Schläger greifen, weil jemand von seiner Anwesenheit erfahren hatte und ihn zum Duell herausforderte. Und vielleicht hat er seinem chinesischen Gegner nach ein paar Gläschen Mao-Tai-Schnaps erzählt, was ihm anno 1972 beim ersten Verlassen seines Pekinger Hotels passierte. Pekings Polizei hatte schon damals ein wachsames Auge auf diese Fremden und nahm die "Langnase" von der Straße weg für ein paar Stunden unter Arrest.