Sprachverwirrung - DER SPIEGEL
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Sprachverwirrung Deutschstunde im Osten

Was macht eigentlich ein "Kaderleiter"? Als der Jurist Karl Wilhelm Meier nach der Wende seinen Job in den neuen Bundesländern antrat, kam das Gespräch mit den neuen Kollegen gelegentlich ins Stocken. Die deutsch-deutsche Teilung hatte ihre Spuren hinterlassen - auch in der Geschäftssprache.
Das Foto zeigt den klassischer Büroalltag in der ehemaligen DDR, aufgenommen in Ost-Berlin Mitte der achtziger Jahre.
Das Foto zeigt den klassischer Büroalltag in der ehemaligen DDR, aufgenommen in Ost-Berlin Mitte der achtziger Jahre.

Das Foto zeigt den klassischer Büroalltag in der ehemaligen DDR, aufgenommen in Ost-Berlin Mitte der achtziger Jahre.

Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mein Chef wollte Anfang der neunziger Jahre beim Aufbau Ost ganz groß ins Baugeschäft der ehemaligen DDR einsteigen. Er beabsichtigte, Unternehmen zu sanieren, um sie gewinnbringend wieder zu verkaufen. Ich wurde als Teil dieses Plans in den Osten geschickt. In Schwerin, Rostock und Neubrandenburg sollte ich als gelernter Jurist die damaligen Justiziare ersetzen. Als Experte für bundesdeutsches Recht würde ich den Betrieben helfen, sich den neuen Regeln der Wirtschaft anzupassen.

Schon nach kürzester Zeit zeigte sich, dass dieser Auftrag eine echte Herausforderung war. Meine Kollegen aus den neuen Bundesländern sprachen eine andere Sprache als ich. Verständigungsschwierigkeiten waren vorprogrammiert.

Eines der ersten Missverständnisse drehte sich um den Termin beim Vorstandschef. Meine neue Sekretärin hatte für mich ein erstes Kennenlernen vereinbart. Als ich sie dann kurz vor dem Treffen nach dem Büro des Vorstandsvorsitzenden fragte, schaute sie mich fragend an. Ich sah, wie sie grübelte. Dann antwortete sie überrascht: "Ach, Sie meinen den Direktor!" Für mich waren "Direktoren" Abteilungsleiter, aber Hauptsache, ich traf den richtigen Mann.

Kollektiv statt Team

Später erfuhr ich, dass sich die Bezeichnung offenbar eingebürgert hatte. Als es in der DDR noch eine staatliche Wohnungsbauorganisation gab, hieß der Geschäftsführer eines Wohnungsbaukombinats "Direktor".

Als ich nach dem Termin wieder zurück in mein Büro kam, war die zweite Mitarbeiterin eingetroffen. "Wir werden schon ein gutes Kollektiv", verkündete die Kollegin optimistisch. Ich war überrascht: "Ein Kollektiv"? Ich ahnte, dass sie wohl so etwas wie ein "Team" meinte, sagte aber nichts. Ich war schließlich nicht als Missionar geschickt worden, sondern als Mitarbeiter. So beschloss ich, mir die fremden Begriffe trotz aller Vorbehalte zu eigen zu machen, so fern dies nicht einer Selbstverleugnung gleich käme.

In den Betrieben hatte es massenhaft Kündigungen gegeben. Viele der ehemaligen Angestellten klagten dagegen. Deshalb bat mich der Personalvorstand schon bald, ihn zu einer Sitzung der "Konfliktkommission" zu begleiten. Wenn es dort keine Einigung gebe, ginge der Fall des gekündigten Klägers schließlich vor das Kreisgericht. Ich musste mich erst einmal bei meinen neuen Kolleginnen erkundigen, was damit gemeint sei.

Kaderleiter statt Personalabteilung

"Bei den kleineren Angelegenheiten aus den Firmen entscheidet zunächst die betriebliche Konfliktkommission", erklärten sie mir. "Das Kreisgericht ist dann für alle Streitigkeiten zuständig, die dort nicht gelöst werden können." Das war mir noch nicht klar geworden. Deshalb las ich nach - und verstand. Das "Kreisgericht" entsprach im Westen dem "Amtsgericht". Für mich landeten strittige Kündigungsfälle allerdings üblicherweise vor dem Arbeitsgericht.

Der andere Begriff, bei dem ich gestutzt hatte, war hingegen eine institutionelle Besonderheit des Ostens. Das begriffliche Gegenstück zur "Konfliktkommission" konnte ich gar nicht kennen - solch eine betriebliche Schiedskommission gab es bei uns im Westen überhaupt nicht. In den neuen Bundesländern war es üblich, vor der gerichtlichen Instanz zunächst betriebliche Streitschlichter, eben die "Konfliktkommission", anzurufen. Sie entlastete die Gerichte in der Bearbeitung weniger problematischer Fälle.

Der Besuch bei der Kommission ist mir lebhaft in Erinnerung. Dort saßen sie nun - der Kläger, die Kollegen als Konfliktschlichter und die Betriebsleitung, vertreten durch den Personalvorstand. Das war der Vorgesetzte aller Personalleiter aus den verschiedenen Niederlassungen. Doch hier waren auch die Personaler unter einem anderen Namen bekannt, als sogenannte "Kaderleiter". Sie hatten zu DDR-Zeiten nicht den besten Ruf, denn sie galten als Spitzel der Staatssicherheit in den Betrieben.

Gewerkschaftsleitung statt Betriebsrat

Die Arbeiter hatten das nicht vergessen und so machte es ihnen nichts aus, den Spieß umzudrehen. Nun waren sie es, die in ihrer Schlichter-Position am längeren Hebel saßen, und gelegentlich nutzten sie das aus. Das war menschlich verständlich, aber ich hatte so meine Zweifel an der Effektivität dieser Vorgehensweise.

Bedenken hinsichtlich der Arbeit der Konfliktkommission hatten übrigens auch die Richter. Wenn die Vermittlung zwischen ehemaligem Beschäftigten und dessen Arbeitgeber gescheitert war, war der Gang vor das Gericht unvermeidlich. Doch dort ignorierten Richter und Staatsanwalt die bisherigen Bemühungen und auch die Akten der Schiedskommission.

Die ganze Prozedur begann von neuem, als hätte es niemals zuvor eine Anhörung zu dem Fall gegeben. Zuallererst fragte der Richter nach den Formalien: Ist der Betriebsrat angehört worden? Haben ihm die richtigen Daten vorgelegen? Der "Betriebsrat" war für meine Kolleginnen übrigens immer noch die "Betriebsgewerkschaftsleitung".

Arbeitsbuch statt Sozialversicherungsnummer

Während meiner Tätigkeit im Osten tauchte auch immer wieder die Bezeichnung "Arbeitsbuch" auf. Auf Nachfrage erschloss sich mir dessen Sinn. Damit wies man in der DDR nach, wann man wo gearbeitet hatte. Nach dem dort verzeichneten Lohn bekam der Beschäftigte später seine Rente. Mir dämmerte: Dafür haben wir die "Sozialversicherungsnummer".

So viele Missverständnisse es während meines Aufenthalts im Osten auch gab - einige sprachliche Absonderlichkeiten, vor denen ich gewarnt worden war, erwiesen sich als Gerüchte. Vorab hatte ich vom "Jahresendfest" und "Schokoladenhohlkörpern" gehört. Auch wenn so die offiziellen Bezeichnungen in der DDR gelautet haben mögen, so kannten auch die Menschen im Osten den 24. Dezember als Weihnachten - und naschten je nach Saison "Weihnachtsmänner" oder "Osterhasen" aus Schokolade.