Spurensuche: Der letzte Flug der Halifax LW 337
Spurensuche Der letzte Flug der Halifax LW 337
Großbritannien mitten im Zweiten Weltkrieg. Am 20. Januar 1944 heben gegen 15 Uhr die Bomber der 102. Staffel des britischen Bomber Command vom Flugplatz Pocklington bei York ab. Mit dabei ist auch die Handley Page Halifax mit der Kennung LW 337. Ihr Ziel ist die deutsche Reichshauptstadt.
Rund vier Stunden später erreichen über 700 Bomber Berlin. Starkes Abwehrfeuer der Flak und die Bordkanonen der deutschen Nachtjäger setzen den Bombern zu. Kurz nach dem Abwurf der Bomben über dem Zentrum erwischt es die Halifax LW 337. Der deutsche Luftwaffenhauptmann Leopold Fellerer fliegt mit Radarunterstützung in den Bomberstrom, nimmt die Halifax ins Visier. Dann rattern die Bordkanonen des Nachtjägers. Reginald Wilson, Navigator der LW 337, erinnert sich: "Sofort standen beide Tragflächen in Flammen, die Motoren stotterten nur noch. In 5000 Metern Höhe befahl der Pilot den Absprung."
Von der achtköpfigen Besatzung des Bombers schaffen vier die Flucht aus der brennenden Maschine, erreichen am Fallschirm Berliner Boden. Minuten später laufen sie einer Polizeistreife in Berlin-Köpenick in die Arme und werden festgenommen. Der Krieg ist für sie beendet, sie gehen in Gefangenschaft. Rund 60 Jahre später lässt dem früheren Navigator das Erlebte keine Ruhe. Er will herausfinden, was aus den anderen wurde, will die Absturzstelle finden. Seine Recherche beginnt in britischen Archiven. Reginald Wilson: "Ich wusste nur, dass ich selbst irgendwo bei Oberspree mit dem Fallschirm gelandet war."
60 Hinweise - und die Enttäuschung
Der rüstige Kriegsveteran nutzt das Internet. Im Sommer 2005 richtet Wilson eine Anfrage an das Heimatmuseum in Berlin-Köpenick. Dort will man den Briten helfen, reicht die Anfrage an die Berliner Presse weiter. Eine Lokalzeitung bringt einen Beitrag und bittet die Leser um Mithilfe. Ein paar Wochen später sind bereits 60 Hinweise eingegangen. Im Oktober 2005 kommt Reginald Wilson mit Ehefrau und Tochter erstmals nach Berlin. Mit Journalisten treffen sie sich an einer vermuteten Absturzstelle in Berlin-Adlershof. Doch ein paar Tage später die Enttäuschung: Es gibt keinen Beleg dafür, dass hier Wilsons Bomber abgestürzt ist.
Einige Wochen später ein neuer Lichtblick. Wieder meldet sich ein Zeitzeuge. Er heißt Michael Pincus und lebte als Jugendlicher in der Siedlung Elsengrund, unweit vom Berliner S-Bahnhof Hirschgarten. Der Mann hat ein Notizbuch von 1944 dabei. "Dort habe ich auch den Luftangriff vom 20. Januar 1944 verzeichnet. Ich erinnere mich noch immer, dass wir in unserem Luftschutzbunker ganz schön gezittert haben. Am nächsten Tag sah ich nur wenige hundert Meter von unserer Siedlung einen zerschellten viermotorigen Bomber. Das Wrack war teilweise ausgebrannt, es wurde nach 14 Tagen von russischen Kriegsgefangenen abgeholt", erinnert sich Pincus. Wilson schöpft neue Hoffnung, er will wiederkommen und weitersuchen.
Im Mai 2006 reist Navigator Wilson erneut mit seiner Familie nach Berlin. Zum Suchteam gesellt sich jetzt erstmals ein Luftkriegsexperte aus Oranienburg. Zeitzeuge Michael Pincus findet nach wenigen Minuten die Absturzstelle. Dicht unter dem Waldboden entdeckt das Team nach kurzer Suche Metallsplitter, angebrannte Plexiglasstücke der Kanzel und zahlreiche Metallstreifen, die im Krieg zur Täuschung der deutschen Radargeräte abgeworfen wurden. Dann ein ganz besonderer Fund: Ein wenige Zentimeter großes Metallteil zeigt einen Werksabnahmestempel. Luftkriegsexperte Rüdiger Kaddatz hat britische Baulisten eingesehen, am Abend des gleichen Tages steht fest: "Das Teil wurde von der British Electric Group Preston eingebaut, es gehört zweifelsfrei zur Halifax LW 337."
Betroffenheit in England
Navigator Reginald Wilson fährt zufrieden heim nach England, im Gepäck einige Bruchstücke seiner Maschine.
Ein paar Wochen später piepen im Wald bei Köpenick die Metallsonden. Im Auftrag der Forstverwaltung durchsuchen Sprengstoffexperten der Berliner Polizei die Absturzstelle. Bomben und Gewehrpatronen finden sie nicht. Dafür weitere Wrackteile, darunter Fallschirmgurte und das Schloss eines britischen Fallschirms. Und dann stockt allen Beteiligten der Atem. Es kommen Teile eines menschlichen Skeletts zum Vorschein. Knochen und Wrackteile werden von der Polizei sichergestellt.
Die Nachricht löst in England Betroffenheit aus. Direkt nach dem Absturz wurden nur zwei Leichen gefunden und würdevoll bestattet. Zwei weitere Besatzungsmitglieder sind seit dem 20. Januar 1944 verschollen.
Während die Berliner Polizei die sterblichen Überreste wenige Wochen später an die britischen Behörden übergibt, setzt der frühere Airforce-Navigator seine Nachforschungen fort. Die Suche nach Angehörigen der Toten gestaltet sich schwierig, in Großbritannien gibt es kein Melderegister. Wilson informiert Zeitungen im Raum Newcastle - von hier stammte der verschollene Flugingenieur John Bremner - über den Fund. Wenige Tage später meldet sich Paul Fallon, der Schwiegersohn von John Bremners Schwester. Die Frau, Marjorie Acon, inzwischen 88 Jahre alt, wohnt wie ihr im Krieg gefallener Bruder in Newcastle. Schnell stimmt die alte Dame einem DNA-Vergleich zu. Das Ergebnis: Die Knochen aus dem Wald bei Köpenick gehören dem vermissten Flugingenieur.
"Nun ist der Krieg auch für John vorbei"
Für die Familie ist die Zeit der Ungewissheit vorbei. Am 16. Oktober soll John Bremner auf dem Britischen Militärfriedhof an der Heerstraße in Berlin mit militärischen Ehren beigesetzt werden. Seine Schwester Marjorie Acon, zwei der überlebenden Besatzungsmitglieder und Familienangehörige der bereits 1948 in Berlin Beigesetzten wollen ihn zur letzten Ruhe geleiten. Ex-Navigator Reginald Wilson, heute 86 Jahre alt, ist zufrieden: "Die über drei Jahre währende Suche hat sich gelohnt. Nun ist der Krieg auch für meinen Kameraden John vorbei, und er kann seine letzte Ruhe finden."
Traurig ist dagegen die Familie des kanadischen Besatzungsmitglieds Charles Dupuies. Trotz aller Bemühungen konnte sein Schicksal nicht mehr geklärt werden.
Dafür fand man bei den Recherchen auch heraus, was aus dem Luftwaffenhauptmann Leopold Fellerer wurde, der die Halifax LW 337 im Winter 1944 vom Himmel holte: Er schoss in jener Nacht insgesamt fünf Bomber ab. Für insgesamt 41 Luftsiege wurde er mit dem Ritterkreuz geehrt. Der gebürtige Österreicher überlebte den Krieg und half ab 1955 beim Aufbau der österreichischen Luftwaffe. Mitte der sechziger Jahre leitete er als Oberstleutnant den Fliegerhorst bei Tulln an der Donau. Bei einem Übungsflug mit einem Kurierflugzeug stürzte der Weltkriegsveteran 1968 ab und starb.