Sternsingen: Land der kleinen Könige
Sternsingen Land der kleinen Könige
Gerade klingelt eine verkleidete Kinderhorde an der Tür und will etwas von Ihnen? Sie haben Glück: Dieser Tage handelt es sich nicht mehr um eine der enthemmten Horden von Rotznasen in Gespenstertracht, die Deutschland seit ein paar Jahren Ende Oktober unsicher machen und braven Bürgern, die dem Begehr nach Süßem nicht nachkommen Saures, in Form von Rasierschaum unter der Türklinke, Kaugummis im Schlüsselloch oder einer Stinkbomben durchs offene Küchenfenster geben.
Halloween war, zum Glück, gestern - die erste Woche des neuen Jahres dagegen steht traditionell für eine deutlich friedfertigere Form kindlicher Beutezügen von Haus zu Haus als das einst heidnisch-keltische, inzwischen aber vor allem kommerzielle Kürbis-Fest: das Sternsingen. Kälte und Aufregung, nicht Bonbon-Fieber und Schabernack steht den meisten der Kinder ins Gesicht geschrieben, wenn sie als Heilige Drei Könige verkleidet und mit einem Stern am Stecken an den Haustüren ihre Lieder singen und Verse aufsagen - und Spenden für Hilfsprojekte sammeln.
Caspar, Melchior und Balthasar
In den Tagen zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag am 6. Januar verwandeln Kinder die Republik vor allem in ihren katholischen Gegenden in eine Monarchie der Minis. Ausstaffiert als Caspar, Melchior und Balthasar, jene Könige aus dem Morgenland, die laut der Weihnachtsgeschichte mit Myrrhe und Weihrauch im Gepäck nach Bethlehem an die Krippe des Christkindes eilten, ziehen sie von Haus zu Haus.
Die kleinen Könige von heute allerdings bringen keine Geschenke, sie bitten ihrerseits um milde Gaben. Dafür segnen die königlichen Besucher aber auch die edlen Spender, indem sie mit Kreide "C+M+B" an die Tür schreiben - was nicht, wie oft angenommen wird, für die Namen der drei Könige steht, sondern für "Christus mansionem benedicat": Christus segne dieses Haus.
Die Tradition des Sternsingens lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen, als Männer und Jungen verkleidet mit einem großen Stern von Haus zu Haus zogen. Oft waren es Handwerker, die in den Wintermonaten nicht ausreichend Arbeit fanden und sich mit Almosen über Wasser halten mussten, oder notleidende Schüler, die mit Sternsingen ihr Schulgeld zusammenzubekommen versuchten.
Fast ins Komische gekippt
Nicht erst Kommerz und Amerikanisierung in unserer Zeit setzten der Sternsinger-Tradition zu: Im 18. Jahrhundert drohte der Brauch ins Komische zu kippen, als statt frommer Reime gerne freche Sprüche und Lieder, gern in Psalmform, an den Türen vorgetragen wurden. Das Abgleiten in Richtung Halloween blieb dem Sternsingen zwar erspart, doch geriet es im 19. Jahrhundert mehr und mehr in Vergessenheit.
So richtig Schwung kam in die Sache, nachdem sich 1959 der Bund der Deutschen Katholischen Jugend und das Kindermissionswerk "Die Sternsinger" der Tradition annahmen. Seither wird im Königskostüm nicht mehr für lokale Zwecke oder gar die eigene Tasche gesammelt, sondern gut organisiert für das große Ganze. Insgesamt an die 400 Millionen Euro haben Generationen kleiner Könige bisher gesammelt; unterstützt werden mit dem Geld Projekte für Straßenkinder, Aids-Waisen und andere benachteiligte Kinder - und viele Eltern schätzen es, dass ihre Sprösslinge, nachdem sich Heiligabend wieder einmal alles nur um Geschenke drehte, als Sternsinger auf durchaus spielerische Weise auch den nichtkommerziellen Aspekt des Weihnachtsfestes erleben.