SPIEGEL-GESPRÄCH »Süßes für die Polizei«
SPIEGEL: Frau Ates, Sie sind im Juli 1968 ohne Ihre Familie nach Berlin gegangen. Wie kam es dazu?
Hatun Ates: Eigentlich wollte mein Mann in Deutschland arbeiten. Er hatte sich auch schon beim Arbeitsamt in Istanbul registrieren lassen. Aber drei, vier Jahre vergingen, ohne dass etwas passierte.
Mehmet Ates: Wir warteten und warteten. Ein Arbeitskollege in der Fabrik sagte mir schließlich, Frauen nehmen die deutschen Arbeitgeber sofort. Schick deine Frau vor, und die lädt dich dann ein nachzukommen.
Hatun Ates: Mein Mann fragte mich: »Würdest du allein gehen?« Ich sagte: »Wie soll ich das machen?« Wir hatten fünf Kinder, der Älteste war zehn Jahre alt, die jüngste Tochter erst fünf Monate. Aber dann habe ich mich doch überreden lassen.
Mehmet Ates: Zusammen mit einer Nachbarin hat sie sich beim Arbeitsamt gemeldet und alle Papiere ausgefüllt.
Hatun Ates: Außerdem mussten wir uns röntgen lassen. Urin, Blut und Zähne wurden geprüft. Alles, von Kopf bis Fuß.
Mehmet Ates: Ja, sogar die Zähne. Als ich später auch für die Ausreise nach Deutschland von den Ärzten angeschaut wurde, fehlte mir vorne ein Schneidezahn. Da haben sie mir gesagt, geh und komm mit einem kompletten Gebiss zurück.
Hatun Ates: In Berlin gab es dieselbe Prozedur dann noch einmal.
SPIEGEL: Was waren das für Ärzte?
Hatun Ates: Ärzte der Firma Siemens, für die wir ja zunächst gearbeitet haben. Später sind wir dann zu Osram gegangen.
SPIEGEL: Konnten Sie ein wenig Deutsch? Gab es auch einen Sprachtest?
Hatun Ates: Überhaupt nicht, bei dem Gesundheitstest hatten wir einen Übersetzer. Und als ich dann zwei Tage nach meiner Ankunft in Berlin in der Fabrik anfing, war da auch jemand, der uns jeden Handgriff auf Türkisch erklärte. Ich musste Teile für Fernsehgeräte kontrollieren und Fehlstücke aussortieren.
SPIEGEL: Wo haben Sie gewohnt?
Hatun Ates: In einem Wohnheim für Arbeiterinnen in der Nähe der Fabrik. Ich habe dort viel geweint. Ich hatte meine fünf Kinder zurückgelassen, und das konnte ich nur schwer ertragen. Die anderen Frauen im Wohnheim haben mich die »weinende Frau« genannt.
SPIEGEL: Im Februar 1969 ist Ihr Mann nachgekommen und hat in derselben Fabrik angefangen zu arbeiten wie Sie. Haben Sie da beide im Wohnheim gelebt?
Hatun Ates: Einen Monat lang. Mein Mann im Männerwohnheim, ich etwa 15 Minuten Fußweg entfernt weiterhin in dem für Frauen. Mein Mann hat mich besucht, und wir konnten zusammen unten im Salon sitzen. Oben waren die Schlafräume, da durften Männer nicht hin.
Seyran Ates: Das Bemerkenswerte war, dass es in der Männerabteilung derlei Einschränkungen nicht gab.
Mehmet Ates: Im März haben wir dann eine Wohnung im Wedding gefunden. Ein Mann aus dem Dorf, in dem wir als Kinder mit unseren Eltern gelebt hatten, hat uns mit jemandem bekannt gemacht, der dort Hausmeister war.
SPIEGEL: Da waren Ihre Kinder noch in der Türkei?
Hatun Ates: Die holte ich erst im Sommer 1969 nach Berlin. Ich habe mir fünf Wochen Urlaub genommen und bin nach Istanbul gefahren. Eigentlich wollte ich dableiben, aber Mehmet bestand darauf, dass ich zurückkomme.
SPIEGEL: Mit den Kindern?
Hatun Ates: Allein, er wollte, dass wir weiter nur zu zweit in Berlin sind und dass wir beide dann sehr bald zusammen für immer zurückgehen.
Seyran Ates: Das ist eine sehr komplizierte Geschichte. Meine Eltern waren sich nicht einig, was mit uns Kindern passieren sollte. Mein Vater wollte nicht, dass wir mit ihnen in Berlin lebten.
Mehmet Ates: Ich hatte mir vorgestellt, in Deutschland möglichst schnell genug Geld zu verdienen, um in der Türkei einen Lebensmittelladen aufzumachen. Das war mein Traum.
SPIEGEL: Wie lange wollten Sie ursprünglich bleiben?
Hatun Ates: Geredet haben wir immer über ein Jahr. Aber ich konnte meine Kinder nicht noch einmal in der Türkei zurücklassen. Weil wir uns einen Flug nicht leisten konnten, bin ich mit vier Kindern im Zug nach Deutschland gereist. Die Jüngste blieb bei der Oma in der Türkei und kam erst 1970 zu uns.
SPIEGEL: Wie lange dauerte die Reise?
Hatun Ates: Drei Tage und drei Nächte, ohne Schlafwagen. Im Abteil waren wir noch mit drei anderen Erwachsenen zusammen. Unterwegs mussten wir in München umsteigen.
Seyran Ates: Ich war damals sechs Jahre alt und kann mich noch erinnern, dass ich nur am Rock meiner Mutter hing. Sie konnte nicht mal allein den Koffer die Treppe hinauftragen. Ich hatte solche Angst, dass sie wieder weggeht.
SPIEGEL: Was hatte man Ihnen denn gesagt, als die Eltern die Türkei verließen, um in Deutschland zu arbeiten?
Seyran Ates: Gar nichts. Das war ja mein Trauma, und das ist ein Trauma vieler Kinder aus diesen sogenannten Gastarbeiterfamilien. Als wir dann in Berlin in der Wohnung ankamen, hat mein Vater, der uns nicht vom Bahnhof abgeholt hatte, zu meinem ältesten Bruder Kemal gesagt: »Was machst du denn hier?« Wir Kinder haben ihm das lange nicht verziehen.
Mehmet Ates: In Berlin gab es keine türkischen Schulen. Ich wollte nicht, dass wir uns hier niederlassen.
SPIEGEL: Aber jetzt waren Sie zu sechst in der Weddinger Wohnung. Wie groß war die?
Hatun Ates: Das war eine Einzimmerwohnung. Das Wohnzimmer war ungefähr 22 Quadratmeter groß, die Küche war klein, sitzen und essen konnte man dort nicht. Die Toilette befand sich außerhalb der Wohnung, eine Treppe runter, und wir mussten sie mit anderen teilen. Anfangs gab es im Klo nicht einmal Licht, irgendwann haben wir eine Leitung aus unserer Wohnung dorthin verlegt.
Seyran Ates: In Istanbul wohnten wir auch in einem Armenviertel, aber da hatten wir wenigstens eine einfache Dusche. In Berlin gab es nicht einmal das. Unser einziger Luxus war ein Gasboiler für warmes Wasser. Mama kaufte eine riesige Plastikwanne, darin wurden wir Kinder gebadet. Meine Eltern duschten in der Firma.
SPIEGEL: Wie lange sind Sie in dieser Wohnung geblieben?
Hatun Ates: Ein Jahr. Wir haben ständig nach einer größeren gesucht, aber sie haben uns beim Wohnungsamt keine gegeben. Für eine freie Wohnung wurden jeweils drei oder vier Familien als mögliche Mieter vorgeschlagen, den Zuschlag bekamen am Ende immer Deutsche. Als eine Nachbarin in unserem Haus auszog, haben wir ihre Einzimmerwohnung dazugemietet und später noch eine weitere Wohnung, so dass wir Ende der siebziger Jahre die ganze zweite Etage bewohnten.
SPIEGEL: Wie sind Sie mit den Nachbarn ausgekommen? Waren das Deutsche?
Hatun Ates: Außer dem Hausmeister waren alle Deutsche in dem Haus. Wir hatten zwei Nachbarinnen, die uns schikaniert haben. Sie beschwerten sich ständig, wir seien zu laut. Die eine trank zusammen mit ihrem Freund, stritt dann mit ihm und machte einen furchtbaren Lärm.
Seyran Ates: Die Drohung war, die Polizei wird geholt, und die schmeißt uns raus. Sogar an Silvester hat eine Nachbarin die Polizei gerufen. Aber die Beamten waren immer freundlich. Ich kann mich an viele Male erinnern, dass sie kamen, und meine Mutter servierte ihnen Baklava oder andere Süßigkeiten. Die saßen ein wenig bei uns und gingen dann wieder.
Hatun Ates: Ganz anders als die Nachbarin von unten war die Rentnerin, die neben uns wohnte. Wir hatten im Grunde eine Wohnung, die geteilt war. Sie lebte auch in einer Einzimmerwohnung, und wenn sie in ihre Räume wollte, musste sie durch unseren Flur gehen. Ich bete für diese Frau. Allah sei Dank, sie war eine herzensgute Person und hat uns viel geholfen. Mit mir ist sie zum Arzt gegangen, mit Seyran hat sie geübt, ihren Namen und ihre Adresse sagen zu können.
Seyran Ates: Damit ich nicht verlorengehe, hat sie mir den Satz beigebracht: »Ich heiße Seyran Ates und wohne Liebenwalder Straße 22, Vorderhaus, 2. Stock.« Sie hat mir viel Selbstbewusstsein gegeben, und eigentlich habe ich dieser Nachbarin auch meine Karriere zu verdanken.
SPIEGEL: Inwiefern?
Seyran Ates: Sie hat meine Geschwister und mich an die Hand genommen und in einer Schule angemeldet, in die ansonsten nur deutsche Kinder gingen. Alle anderen türkischen Kinder in der Nachbarschaft wurden fünf Straßen weiter in eine Schule geschickt, in der nur türkische Kinder waren. Unsere Nachbarin hat die Schule für uns ausgesucht, meine Eltern hatten doch null Ahnung. So haben wir Ates-Kinder ganz schnell fließend Deutsch gelernt ...
SPIEGEL: ... und konnten für die Eltern übersetzen.
Seyran Ates: Vor allem ich musste übersetzen. Für die ganze Sippe, wir hatten ja auch noch Onkel und Tanten in Berlin. Mit zwölf Jahren machte ich meinen ersten Lohnsteuerjahresausgleich.
Mehmet Ates: Ich habe ihr das Formular hingelegt und gesagt, Kind, du bist so klug, du kannst gut Deutsch. Übersetz mir, was da steht, und ich sag dir, was du da reinschreiben musst.
SPIEGEL: Und das hat geklappt?
Seyran Ates: Meine Eltern haben sogar Geld zurückbekommen. Also haben sie gemerkt, die kann das, und von da an war ich verloren. Fortan musste ich für alle immer den Lohnsteuerjahresausgleich machen.
Mehmet Ates: Ich habe nie wirklich Deutsch gelernt. Auch auf der Arbeit habe ich fast nur Türkisch geredet, all die Jahre lang.
Hatun Ates: Die meisten Arbeiter bei uns waren Türken, deutsche Arbeiter gab es kaum. Aber die Vorarbeiter, das waren Deutsche. Die waren sehr nett, die kamen zu uns und haben uns auch mit Handschlag begrüßt. Manche der türkischen Frauen haben dann ihre Hände hinter dem Rücken versteckt und den Kopf geschüttelt, weil sie es für unschicklich hielten, einem fremden Mann die Hand zu geben. Wir waren nicht so, ich habe immer die Hand gegeben.
SPIEGEL: Trugen die Frauen Kopftücher?
Hatun Ates: Als ich bei Siemens anfing, trug ich ein Kopftuch - als Einzige. Da habe ich das Tuch abgenommen und nie wieder umgebunden.
SPIEGEL: Sie sind beide gläubige Muslime. Sind Sie in Berlin auch in die Moschee gegangen?
Mehmet Ates: Am Freitag soll man zur Moschee gehen. So bin ich gegangen, manchmal. Ich hatte doch wenig Zeit. Meine Frau und ich haben uns ja mit dem Schichtdienst abgewechselt, damit einer von uns immer bei den Kindern sein konnte.
Hatun Ates: Außerdem gab es Schwierigkeiten. Über eine Moschee, in der die Kinder unterrichtet werden sollten, haben uns andere Eltern erzählt, dort würden Drogen verkauft. Meine Söhne wollten ohnehin nicht mehr hingehen, nachdem der Religionslehrer sie geschlagen hatte.
SPIEGEL: Haben Sie während der Ramadan-Zeit gefastet?
Hatun Ates: Ja, das haben wir immer eingehalten.
SPIEGEL: Mit Ihren wenigen deutschen Kollegen, gab es da auch irgendeinen privaten Kontakt?
Hatun Ates: Ich hatte eine Vorarbeiterin, die mich sehr mochte. Margot hieß sie. Ich habe sie zu uns nach Hause eingeladen. Dreimal ist sie gekommen, und am nächsten Tag hat sie erzählt, was es alles bei Ates zu essen gab.
SPIEGEL: Hat Margot Sie auch eingeladen?
Hatun Ates: Einmal, aber nicht zum Essen. Meine Mutter war gestorben, und wir hatten kein Telefon zu Hause. Da durfte ich aus ihrer Wohnung in der Türkei anrufen.
Seyran Ates: Und dann war da noch Bernd, der war ganz oft bei uns und hat sogar die Familie in der Türkei besucht.
Hatun Ates: Er war in der Fabrik unser Maschinenmeister. Ein junger Mann von vielleicht 18 Jahren. Wir haben ihn geliebt, er war wie ein Sohn für mich.
Seyran Ates: Das war eine ganz besondere Konstellation. Bernd war so ein 68er. Ein Hippie. Und Bernd kiffte. Ich seh ihn noch vor mir, wie er bei uns zu Hause saß, seinen Joint drehte und rauchte.
SPIEGEL: Wie haben Ihre Eltern reagiert?
Hatun Ates (lacht): Ich habe ihm Tee serviert. Ich wusste doch nicht, dass er keine normalen Zigaretten rauchte. Mir ist zwar aufgefallen, dass seine Selbstgedrehten immer so dick waren, aber wir haben überhaupt nicht daran gedacht, dass das Drogen sein könnten.
SPIEGEL: Gab es auch Menschen, die Sie schlecht behandelt haben?
Hatun Ates: Bei der Arbeit nicht. Wir waren beide sehr beliebt, alle mochten uns. Aber wenn wir rauskamen aus der Fabrik, stand manchmal an der Bushaltestelle »Türken raus«. Das fing schon in den Siebzigern an.
SPIEGEL: Und auf den Ämtern?
Hatun Ates: Manchmal haben sie uns unfreundlich zurechtgewiesen, aber ich muss sagen, dass die Beamten in der Türkei einen schlimmer behandeln als hier in Deutschland.
SPIEGEL: Nach 20 Jahren in Deutschland sind Sie, Herr und Frau Ates, 1988 in die Türkei zurückgekehrt.
Hatun Ates: Die Firma wollte Personal abbauen und hat uns eine Abfindung angeboten. Die haben wir angenommen. Wir haben uns in der Nähe von Istanbul ein Haus mit Garten gekauft. Es ist groß genug, dass die Kinder uns immer besuchen können.
Mehmet Ates: Meine Frau war hier viel krank; nachdem wir zurückgegangen sind, war sie zehn Jahre lang ganz gesund.
Hatun Ates: Nicht einmal Kopfschmerzen hatte ich. Wir haben die Türkei immer vermisst.
Seyran Ates: Solange ich denken kann, wurden bei uns Sachen für die Rückkehr gesammelt. Meine Mutter kaufte ein - Töpfe, Teller, Handtücher, Gardinen - und sagte, das benutze ich in der Türkei. Erst lagerte einiges unten im Kleiderschrank und obenauf, später, als wir nicht mehr so beengt lebten, stapelten sich Kartons über Kartons in der Wohnung.
Hatun Ates: In unserem Haus bin ich jetzt immer noch am Auspacken.
SPIEGEL: Von den drei Söhnen und zwei Töchtern ist niemand mit zurück in die Türkei gegangen?
Seyran Ates: Alle leben hier, fünf Kinder und 13 Enkel. Zwei meiner Brüder sind Handwerker und haben einen eigenen Betrieb. Mein ältester Bruder hat eine Ausbildung als Erzieher, meine Schwester ist gelernte Friseurin.
Mehmet Ates: Als wir uns entschieden haben, in die Türkei zurückzukehren, hat unsere jüngste Tochter gesagt, sie würde mitgehen. Aber ich habe ihr abgeraten. Sie ist seit ihrer Kindheit in Deutschland, sie würde sich nicht eingewöhnen in der Türkei.
SPIEGEL: Frau Ates, Herr Ates, Seyran, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Karen Andresen und Henryk M. Broder.