Tampa: Mafia, Tod und die Zigarrenstadt - DER SPIEGEL
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US-Metropole Tampa: "Ära des Bluts"

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US-Metropole Tampa "Ära des Bluts"

"Höllenloch des Südens", "Little Chicago", "Stadt des Bösen": Tampa im US-Bundesstaat Florida blickt zurück auf eine wüste Vergangenheit. Über Jahrzehnte duellierten sich hier brutale Mafia-Gangster.
Von Tim Wright
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Blutiger hätte der Tod des legendären Charlie Wall kaum sein können. Am 18. April 1955 brachen mehrere Männer in sein Haus ein, schnitten dem Mafia-Boss die Kehle durch und zertrümmerten seinen Kopf anschließend mit einem Baseballschläger. Am nächsten Tag fand seine Frau, die ein paar Tage bei Verwandten in Südflorida verbracht hatte, den fürchterlich zugerichteten Leichnam. Wer den damals 75-Jährigen auf dem Gewissen hat, ist bis heute nicht geklärt. Doch als wahrscheinlich gilt, dass die sizilianische Mafia ihre Hände im Spiel hatte.

Der schmutzige Mord an dem zwielichtigen Wall passt so gar nicht in das saubere Bild, das die Stadt Tampa im US-Bundesstaat Florida von sich zeichnet. Die Stadt präsentiert sich gern als ehemalige Zigarrenmetropole und schwelgt in nostalgischen Bildern zwischen Kopfsteinpflasterstraße und Fabrik, wo einst Kubaner und andere Immigranten Tabak rollten.

Für die Schattenseite von Tampas Geschichte, für die unter anderem Charlie Wall steht, ist da wenig Platz. Vergessen scheint, das Tampa über Jahrzehnte als "Stadt des Bösen", "Little Chicago" oder "Höllenloch des Südens" verschrien war. Aus gutem Grund: Drei große Mafia-Banden hatten die Stadt bis weit in die siebziger Jahre fest im Griff und setzten ihren Machtanspruch brutal durch. Zwei Morde in einer Woche waren keine Seltenheit. Tampa war vor allem eines: eine verdorbene und korrupte Gangster-City.

"Der weiße Schatten"

Charlie Wall war über Jahrzehnte der größte und einflussreichste Gangster, den Tampa zu bieten hatte. Weil er stets weiße Leinenanzüge trug, nannten ihn die Leute den "Weißen Schatten". Offensichtlich flößte seine Erscheinung Respekt ein.

Wall erschien Ende des neunzehnten Jahrhunderts auf der Bildfläche der Unterwelt. Damals noch ein Teenager trieb er sich hauptsächlich in den illegalen Spielhöllen herum. Poker, Craps, Roulette – in Tampa wurde alles gespielt. Doch am beliebtesten und besonders einträglich war Bolita. Ähnlich wie bei einer Lotterie werden dabei 100 nummerierte Kugeln in einen Sack getan. Die Spieler geben Tipps ab, welche Zahl gezogen wird. Wall erkannte das Potential, baute seine eigene Glücksspiel-Organisation auf und scharte Anfang des 20. Jahrhunderts eine Bande williger Helfer um sich. Bald kontrollierte er das einträgliche Bolita-Geschäft.

Die Prohibition verschaffte seinem Gangster-Unternehmen zusätzlichen Auftrieb. Florida mit seiner fast 2000 Kilometer langen Küstenlinie wurde zum Schmugglerparadies – und Wall einer der mächtigsten Alkoholdealer. Fast drei Jahrzehnte hatte er Tampas Unterwelt fest im Griff. Er war der Pate von Ybor-City, jenem Stadtteil, wo die Zigarren gefertigt wurden, kontrollierte das Glücksspiel, den Alkoholhandel und hatte beste Verbindung zu den höchsten Regierungsstellen.

"Ära des Bluts"

Doch bald machten ihm andere Konkurrenz. Für Ärger sorgte ab Mitte der zwanziger Jahre die langsam erstarkende sizilianische Mafia. Die Italiener begannen, sich in das Geschäft mit dem illegalen Glücksspiel einzumischen. Die größte Gefahr stellte anfangs der frisch eingewanderte Sizilianer Ignazio Antinori mit seiner Gang dar, der das einträgliche Bolita-Geschäft Schritt für Schritt an sich riss. Später kam die Bande von Santo Trafficante dazu, der sich schließlich an Antinoris Bolita-Aktivitäten beteiligte.

Über zehn Jahre lieferten sich Wall und Antinori einen blutigen Krieg um Macht und Einfluss, der erst mit dem Tod Antinoris am 23. Oktober 1940 endete. Der Sizilianer wurde in einem Café niedergeschossen. Dreimal entging Wall in diesen zehn Jahren Anschlägen: 1930, 1938 und 1939. Weil er weiterhin um sein Leben fürchtete, ließ er sein Haus in Ybor mit kugelsicheren Stahlplatten verkleiden.

Aus dieser Fehde ging vor allem eine Gruppe gestärkt hervor: Santo Trafficante und seine fünf Söhne. Sie übernahmen das Bolita-Geschäft von Antinori nun gänzlich und wurden zu Walls neuen Widersachern. Mit der Unterstützung seiner Söhne baute Trafficante seine Machtbasis nicht nur in Tampa, sondern auch in Havanna weiter aus. Wall hatte dem nicht mehr viel entgegenzusetzen. 1945 überließ er Trafficante das Feld. Er war inzwischen 65 Jahre alt. Nach über vierzig Jahren Gangsterdasein hatte er offensichtlich genug zur Seite geschafft, um sich zur Ruhe zu setzten.

Sinkender Stern

Als Santo Trafficante 1954 an Magenkrebs starb, übergab er die Kontrolle über seine Organisation an seinen Sohn, Santo Junior, der sich als äußerst geschickter Geschäftemacher erwies. Er gab sich nach außen bieder. Wer ihm auf der Straße begegnete, hielt ihn mit seiner Brille und den konservativen Anzügen eher für einen Buchhalter. Dabei war er Ende der fünfziger Jahre der mächtigste Gangster in Tampa, Florida und Kuba – und hatte Wall damit längst übertrumpft.

Die Polizei vermutete, dass Trafficante Junior den Mord Charlie Wall in Auftrag gegeben hatte – als späte Rache für den Mord an Antinori. Doch letztlich konnten sie Trafficante nie überführen. Genauso wenig konnte 15 Jahre zuvor Wall der Mord an Antinori nachgewiesen werden. Wer wen auf den Gewissen hat, haben alle drei Mafia-Bosse mit ins Grab genommen.

Ende der fünfziger Jahre begann mit Fidel Castros Putsch in Kuba auch Trafficantes Stern zu sinken – und mit ihm der der Gangster-Metropole Tampa. Trafficante musste Kuba verlassen, zeitgleich verlor Tampa als Standort an Attraktivität. Die Bolita-Zeiten waren längst vorbei. Trafficante musste auf ein neues Pferd setzen: den Drogenhandel. Weil ihm die Ermittler auf den Fersen waren, ließ er sich schließlich in Miami nieder, wo ihn keiner kannte. Als er 1987 starb, ging mit ihm die große Ära der Gangster-Stadt Tampa endgültig zu Ende.