Tapete - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Tapete: Ein Leben auf der Tapetenbahn

Foto: Ferdi Keuter

Tapete Ein Leben auf der Tapetenbahn

Früher oder später bringt jeder einmal ein paar Rollen Rauhfaser achtlos auf die Wand. Dabei sind Tapeten ein eigenes kleines Universum, in dem man sich verlieren kann. Ferdi Keuter ist darin abgetaucht - und schildert seine Erfahrungen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich bin praktisch mit Tapeten groß geworden. Mein Vater Philipp verarbeitete in seinem Malerbetrieb einige Rollen Tapete, obwohl direkt nach dem Krieg die Mehrzahl der Wände nur gestrichen und mit Schablonen verziert wurde. In den Vierziger Jahren gab es noch keinen Großhandel. Die Vertreter der Hersteller reisten durch ganz Deutschland, um Geschäften und Malerbetrieben ihre Produkte anzubieten und schauten regelmäßig bei Malermeister Keuter vorbei.

Stets kamen sie zu zweit. Ein Vertreter galt damals noch als "Bevollmächtigter". Er trug die Tapeten-Kollektionen nicht selber, er ließ tragen - von seinem Assistenten. Die dicken Muster-Bücher bestanden aus DIN A1 großen Blättern. Ich, damals neun Jahre alt, beobachtete eine Präsentation recht gelangweilt. Der Gehilfe hatte das bemerkt. Er nahm das letzte Blatt und bastelte daraus Papierflieger für mich. Mir war das unangenehm. Eine Kollektion durfte man nicht "zerstören".

Ich begann meine Malerlehre. Zwei Jahre später steckte ich in der Prüfung in der Jugendherberge von Rurberg. Für den praktischen Teil mussten die Wände der Herberge herhalten. Jeder Prüfling durfte fünf Bahnen Raufaser verkleben. Meine Wand sah nicht gut aus: die Bahnen krumm und schief. Da ich in den ersten Jahren im Betrieb nie tapezieren durfte, hatte ich keine Übung. Note: 4. Die Technik lernte ich erst danach, während der damals noch fast legalen Schwarzarbeit. Selbst Meister duldeten die Jobs. Bald entwickelte sich Tapetenverarbeiten zu meiner Stärke.

Die Krönung der Klebekunst

Nach der Gesellenprüfung arbeitete ich für Rudi, einen kleinen, eher schmächtigen Mann, mit hervorragendem Können und kaufmännischem Geschick. Doch manchmal musste sogar der Meister kapitulieren. Wir sollten bei einem betuchten Kunden eine handbedruckte Tapete verkleben. Da es sich bei dem Produkt um echte Handfertigung handelte, passten die Ränder des Musters nicht aufeinander. Wie wir die angesetzte Papierbahn am Rand auch schoben, nach oben oder unten, erst Geselle, dann Meister, das Muster wurde einfach nicht bündig. Wir reklamierten die Rollen.

Am nächsten Tag kam die verbale Ohrfeige vom Hersteller. Der Vertreter gab uns bei seinem Besuch zu verstehen, das sei bei einem Handdruck völlig normal. Wenn wir so wenig von hoher Druckerkunst verstünden, sollten wir künftig von solchen Dingen besser die Finger lassen. Und verschwand mit Paukenschlag: "Wenn Sie sich weiter blamieren möchten, lassen Sie noch einen Sachverständigen kommen". Das haben wir uns erspart und mit dem Kunden eine andere Tapete ausgesucht. Ich frage mich allerdings noch heute, ob er bloß geblufft hat.

Für die anstehende Meisterprüfung hatte ich mir zum Tapezieren unseres Wohnzimmers eine Tekko-Tapete ausgesucht. Das sind hochwertig beschichtete Tapeten, die zu den edelsten und teuersten Wandbekleidungen zählen, die heute nur noch auf Bestellung hergestellt werden. Dieses Spezialpapier erfordert höchsten Einsatz und gilt als Krönung der Klebekunst. Die Arbeit gelang mir an sich sehr gut, bis auf einen kleinen Schönheitsfehler: Die Kaminecke war nicht gerade gemauert, und das Muster machte den baulichen Mangel deutlich sichtbar. Die Streifen liefen unten spitz zusammen - Gesamtnote Vier! Begründung: "Sie hätten Ihrem Kunden (war ich selber) die Streifen ausreden müssen". Dumm gelaufen. Die Verklebung brachte es allerdings auf eine glatte Eins.

Verwechslungen in Wermelskirchen

Noch eine Episode fällt mir ein: Konkurrenz belebt das Geschäft heißt es zwar, sorgte in Wermelskirchen aber für allerlei Verwechslungen. Auf ein und derselben Straße betreiben nämlich zwei verschiedene Tapetenhändler mit dem Namen "Schmitz" einen Laden! Da war es unvermeidlich, dass Post und Bahn etliche Sendungen falsch zustellten. Einer der beiden Schmitzens kaufte fast ausschließlich bei dem Hersteller Mohr. Das erklärte er den Lieferanten, und bald hieß er nur noch Schmitz-Mohr - bis zum heutigen Tag. Der andere Schmitz blieb auf der Strecke ...

Dabei konnte, wer schnell war, richtig gute Umsätze erzielen. 1987 stellte uns die Tapetenfabrik Mohr eine neue Produktreihe vor. Total begeistert fuhr ich nach der Vorführung am Freitagnachmittag, sofort bei einigen großen Kunden vorbei und schrieb Superumsätze. Voller Stolz meldete ich die Zahlen abends noch telefonisch meinem Vorgesetzten. Der orderte mich forsch zu Montagmorgen nach Bochum in sein Büro. In aller Früh. Die Zeit war so bemessen, dass ich vorher keinen Kunden mehr aufsuchen konnte. Angeblich sollten die Aufträge sofort in den Versand gehen. Ob er mir den Erfolg nicht geglaubt hat? Ich vermute es. Der Tapetenfabrik hat der kurzfristige Erfolg nicht genützt - sie existiert nicht mehr.

Kundenberatung in Köln, Sommer 1986. Ein altes, denkmalgeschütztes Haus wurde umgebaut. Für die Erklärung aller notwendigen Vorbehandlungen der Wände vor dem Tapezieren wurde ich als Berater hingeschickt. Ich schellte an der Haustüre und traute meinen Augen nicht: Vor mir stand ein Mann in einem kunterbunten Kasperle-Kostüm! Der hatte doch garantiert einen Sockenschuss ... Mein Gegenüber, der meinen abschätzigen Blick bemerkt hatte, stellte sich unverzüglich vor. Er sei Abteilungsleiter bei der Deutschen Welle und hätte das Haus gekauft. Da er keine passende Arbeitskleidung besäße, habe er auf eine Kleiderkiste im Haus zurückgegriffen. Dann fragte er: "Geht es ihnen jetzt besser?" Nein, es ging mir überhaupt nicht besser. Ich habe mich für mein Verhalten geschämt und an das Sprichwort gedacht: Wie du kommst gegangen, so wirst du auch empfangen.