Telekommunikation in Deutschland Meine lange Leitung
Als ich ein Kind war, hatten nur wichtige Leute ein Telefon. Mein Opa hatte eines: Er war selbständiger Zimmermeister. Manchmal berührte ich den großen schweren Apparat mit der Wählscheibe in seinem Büro. Telefoniert habe ich nie. Wer etwas zu besprechen hatte, schrieb Briefe oder besuchte seinen Gesprächspartner.
Als es die ersten Telefonzellen gab und jeder sich wichtig fühlen wollte, waren die Leitungen völlig überlastet. Die Bundespost forderte deshalb: "Fasse dich kurz!" So eine Negativwerbung für eine Dienstleistung hat es wohl nur einmal gegeben.
1970 beantragten wir einen eigenen Telefonanschluss. Nach vier Monaten Wartezeit waren wir angeschlossen. Was für ein Ereignis! Ortsgespräche kosteten damals einen Einheitspreis, Ferngespräche waren teuer. Ein- oder zweimal im Monat riefen wir spätabends meine Schwester Ruth in der Nähe von Köln an. Ab 22 Uhr gab es den Mondscheintarif mit ermäßigten Gebühren. Man musste Geduld haben, denn die Leitungen waren dem Ansturm nicht gewachsen. Wir wählten und wählten, immer in der Hoffnung durchzukommen. Ganz nebenbei konnte man Gespräche anderer Leute verfolgen. Da war noch Leben in den Leitungen.
Aufregende Auslandsgespräche
Mein damaliger Chef hatte ein Telefon in seinem Auto. Das war eine kleine Sensation! Nur ganz reiche und wichtige Leute hatten so was. Natürlich lästerten wir im Büro darüber, warum unser Boss immer erreichbar sein musste: "Wenn der sich nicht pünktlich zum Abwaschen zurückmeldet, muss er auf dem Sofa schlafen."
Der Respekt vorm Telefon hielt sich noch lange. In Spanien ging ich zum Telefonieren zur Post oder in einen der Telefonläden. Ein Anruf aus dem Ausland war etwas Besonderes. Der Angerufene war stets verwundert, dass das Gespräch klar und deutlich zu verstehen war. Und dann kam noch eine beeindruckende Erfindung auf den Markt: das Faxgerät. Ich hielt das für eine Modeerscheinung, die bald wieder verschwinden würde.
Ich hatte mich endlich ans Telefonieren im Inland als etwas Normales gewöhnt, als ich 1990 in die ehemalige DDR abkommandiert wurde. Angeblich hatte die DDR-Führung nicht nur ihre Bevölkerung eingemauert, sondern auch alle Leitungen gen Westen gekappt. Telefonieren war schwierig: Von Gudow aus ein Telefonat am Anfang der Arbeitswoche und eine Rückmeldung am Ende.
Drahtlos im Osten
Gut, dass mein Chef auf der Höhe der Technik war. Er hatte ein Funktelefon. Wenn er zufrieden mit mir war, durfte ich meiner Sehnsucht nachgeben und die Stimme meiner Frau hören. Das war nicht ganz einfach. Es klingelte bei meiner Frau. "Sie empfangen gleich ein Funkgespräch. Legen sie nicht auf!" hörte sie. Aber oft kam das Funkgespräch doch nicht.
Als ich zurück in den Westen kam, hatte sich das Telefonierverhalten grundlegend verändert. Überall sprachen Leute in ihre Handys. Die Gesprächsgebühren waren immens, und es gab jede Menge Funklöcher. Nachdem mein Sohn und meine Frau sich ein Handy angeschafft hatten, konnte ich mich nicht mehr verweigern. Um ehrlich zu sein: Ich wollte dazu gehören.
Angefreundet habe ich mich mit dem Handy trotzdem noch nicht richtig. Mich nervt, dass die Leute überall ohne Rücksicht telefonieren. Und SMS-Schreiben ist kann ich nicht wie die jungen Leute. Das Handy hat sehr kleine Tasten und ohne Brille sehe ich nicht mehr sehr gut. Deshalb ist es meistens ausgeschaltet.