Terror in Madrid - DER SPIEGEL
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Terror in Madrid: Ein mörderischer Morgen

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Terror in Madrid Ein mörderischer Morgen

Eigentlich wollte Marcus Fahn in Madrid nur das Champions-League-Spiel Real gegen Bayern München anschauen. Doch am Morgen nach dem Match erwachte er in einer Stadt, die gerade zum Anschlagsziel von al-Qaida geworden war.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dass das Spielergebnis am nächsten Morgen völlig unwichtig sein würde, war uns am Abend dieses 10. März 2004 nicht klar. Der FC Bayern München hatte im Achtelfinale der Champions League mit 0:1 gegen Real Madrid verloren und war ausgeschieden. Ich war mit Freunden von Hamburg nach Madrid geflogen, um mir das Spiel im Stadion anzusehen.

Wenige Tage vor unserer Reise hatte uns eine Meldung über einen geplanten - aber rechtzeitig verhinderten - Bombenanschlag der baskischen Terrorgruppe ETA in Madrid verunsichert. Ich weiß noch, dass wir uns im mit 75.000 Menschen besetzten Stadion darüber unterhielten, wie ungeschützt man in so einer Menschenmenge doch sei. Schnell jedoch vergaßen wir das Spiel und unsere Ängste und trafen unsere spanische Freundin Pilar, eine Krankenschwester, mit der wir uns ins Nachtleben von Madrid stürzten.

Am nächsten Morgen wurde ich gegen 8.30 Uhr durch die SMS einer Freundin aus Deutschland geweckt. "Geht es Dir gut? Ist euch etwas passiert?" fragte sie. "Was soll uns passiert sein?" antwortete ich.

Szenen wie in Afghanistan oder im Irak

Durch ihre nächste SMS sollte ich erfahren, was eine knappe Stunde vorher nur wenige Kilometer von mir entfernt geschehen war:

"In Madrid sind mehrere Züge explodiert. Es gibt viele Tote."

"Die ETA!", dachte ich.

Ich weckte meine beiden Freunde und wir schalteten den Fernseher ein. Auf allen spanischen Kanälen waren die gleichen Bilder zu sehen: ausgebombte Züge, blutende Menschen, weinende Angehörige, betroffene Live-Reporter.

Es waren Bilder, wie wir sie Abend für Abend aus Irak oder Afghanistan in den Nachrichten sehen, fast schon nicht mehr wahrnehmen ob ihrer "Alltäglichkeit". Aber diesmal waren die Bilder nicht in einem fernen Land aufgenommen.

Die Hölle im Palmengarten

Pilars Wohnung, in der wir uns befanden, lag nur wenige hundert Meter entfernt von ihrem Arbeitsplatz: dem größten Krankenhaus in Madrid. Erst jetzt bemerkten wir, dass das Heulen der Sirenen und das Rotorengeräusch der Hubschrauber nicht nur aus dem Fernseher kam.

Nach und nach wurden mehr Details über die Anschläge bekannt. Insgesamt waren fast zeitgleich zehn Bomben in vier Pendlerzügen explodiert. Die meisten Explosionen ereigneten sich im Bahnhof Atocha oder in dessen Nähe. Wir waren am Tag zuvor noch dort gewesen und hatten uns den Bahnhof angesehen. Es ist ein wunderschöner alter Bau mit einem riesigen, lichtdurchfluteten Gewölbe über einem Palmengarten, der als Wartehalle dient. Hätte einer der Züge nicht eine minimale Verspätung gehabt, wäre er mit der Bombe bis in die Wartehalle gerollt und dort explodiert.

Gegen Mittag fuhren wir ins Zentrum. Es war ein beängstigendes Gefühl an so einem Tag in so einer Stadt öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Im Bus sprach fast niemand, einige Menschen weinten. Ich weiß nicht, ob die Madrilenen durch die jahrelange Angst vor dem ETA-Terror an den Gedanken gewohnt waren - aber ich fragte mich während der gesamten Fahrt nur eines: "Was ist, wenn das nicht die letzten Bomben für heute waren?"

Wir passierten den weiträumig abgeriegelten Bahnhof Atocha. Der Autoverkehr lief wieder problemlos, nachdem die Polizei einige kurzzeitig gesperrte Hauptverkehrsstraßen wieder freigegeben hatte. Selbst die meisten Bahnen fuhren. Die Stadt kam mir erschreckend normal vor.

Schlange stehen zum Blut spenden

Dies änderte sich, als wir auf der "Puerta del Sol", einem der bekanntesten Plätze Madrids, ankamen. Vor einem Bus standen unzählige Menschen in einer etwa dreihundert Meter langen Schlange. Sie spendeten Blut. Stundenlang standen sie geduldig in der Reihe, um ihren Teil zur Hilfe beizutragen. Etwas abseits gab es eine erste kleine Demonstration gegen die ETA, die zu diesem Zeitpunkt noch von den meisten Madrilenen für die Anschläge verantwortlich gemacht wurde. Dass die al-Qaida hinter den Explosionen steckte, wussten wir und sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und so bestimmten Wut auf die ETA und Solidarität mit den Opfern das Bild auf der "Puerta del Sol".

Am Abend trafen wir Pilar. Von den 191 Toten und über 2000 Verletzten waren viele in ihr Krankenhaus gebracht worden. Sie erzählte uns, dass am Morgen Busse zu Krankentransporten umfunktioniert worden waren, weil die Rettungswagen mit dem Abtransport der Opfer nicht nachgekommen waren. Medizinstudenten und alle verfügbaren Schwestern und Pfleger waren in die Krankenhäuser gerufen worden.

Den ganzen Tag über hatte sie Verletzte versorgt: Menschen mit abgerissenen Gliedmaßen, verbrannter Haut, gebrochenen Knochen. Im Laufe des Tages hatte der spanische Kronprinz Felipe das Krankenhaus besucht, um sich persönlich bei den Helfern zu bedanken. Felipe war es auch, der als erstes Mitglied der königlichen Familie am Tag nach den Anschlägen an einer Demonstration teilnahm.

Ungeschützt in der Menschenmege

In Madrid und vielen anderen Städten Spaniens versammelten sich am 12. März 2004 insgesamt über elf Millionen Menschen zu Massenkundgebungen. Zwei Tage später wählten die Spanier entgegen aller Wahlumfragen ihre bisherige Regierung ab. Sie straften diese damit für ihre Beteiligung am Irak-Krieg ab, die in den Augen vieler Spanier den al-Qaida-Terror erst ins Land geholt hatte. Versuche der Regierung, wider besseren Wissens die ETA für die Anschläge verantwortlich zu machen, taten ihr Übriges.

Zu diesem Zeitpunkt waren wir bereits zurück in Deutschland. Aber auch dort gibt es große Fußballstadien, Busse und U-Bahnen - und nun das bleibende Angstgefühl, wie ungeschützt man in so einer Menschenmenge doch ist.