The Queue in Wimbledon und andere Warteschlangen - DER SPIEGEL
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Legendäre Warteschlangen: Warum stellen wir uns so an?

Foto: Oli Scarff/ Getty Images

Legendäre Warteschlangen Warum stellen wir uns so an?

Hier sind Steherqualitäten gefragt: Um beim Tennisturnier in Wimbledon eine Karte zu ergattern, verharren Fans stundenlang in der legendären Queue. Doch auch Jugendbücher, Filme und Fast Food waren schon Anlass für kilometerlange Warteschlangen. einestages zeigt, wofür Menschen anstehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Warteschlange ist ausgeschildert. Ein Tor, das auf eine grüne Wiese führt. Linien auf dem Rasen markieren die Aufstellungsfläche. Ein Ordner übergibt jedem Neuankömmling ein postkartengroßes Stück Papier. "Queue Card" steht darauf, das Datum und eine Nummer, und dass diese Nummer den Platz in der Schlange anzeige. Dazu gibt es noch ein Heft: "Leitfaden zum Schlangestehen" - 40 eng bedruckte Seiten. Wartende haben genug Zeit zum Lesen.

"Sie stehen in der Schlange", belehrt das Merkheft, "sobald sie an deren Ende angelangt sind, und bleiben es, bis Sie an den Drehkreuzen ein Ticket erworben haben." Es definiert auch, unter welchen Umständen es ausnahmsweise erlaubt wäre, die Wartegemeinschaft kurzzeitig zu verlassen: für den Gang zur Toilette oder den Kauf von Getränken - nicht jedoch, ohne zuvor mit einem Ordner oder den Mitwartenden die Rückkehr an eben jene Stelle vereinbart zu haben. Reservierungen jeglicher Form, sei es für sich selbst mittels persönlicher Gegenstände oder für Noch-Nicht-Anwesende, sind nicht gestattet.

Am Sonntag findet das Wimbledon-Finale in London statt. Und auch in diesem Jahr werden Tausende Tennisfans sich dort geduldig aufreihen, um eine der begehrten Tageskarten zu ergattern. "The Queue", wie die legendäre Warteschlange genannt wird, ist eine englische Institution. Es gibt sie seit mehr als hundert Jahren - die Prozedur wurde mit der Zeit verfeinert und gilt heute als typisch britisch. Der Schriftsteller George Mikes, bekannt für seine satirischen Werke, brachte das Phänomen schon 1946 auf den Punkt: Er schrieb, dass "ein Engländer selbst dann eine ordentliche Warteschlange bildet, wenn er allein ist."

Gleiches Recht für alle

Doch nicht nur in Großbritannien gehört das Schlangestehen zu manchen Gelegenheiten zum guten Ton. So bildeten sich in den späten fünfziger Jahren in den USA plötzlich Reihen um ganze Häuserblocks. Die Geduldigen standen an, um zu den ersten zu gehören, die in einem der wenigen Premierenkinos aufwendig beworbene Großproduktionen wie "Ben Hur" oder "Spartacus" sehen zu können. In Japan bilden Videospielliebhaber bis heute lange Schlangen, etwa wenn ein neuer Titel mit dem Nintendo-Helden Mario erscheint. In etlichen Ländern campieren Technik-Aficionados gerne auch mit Klappstuhl und Schlafsack vor Geschäften, wenn das neue iPhone erscheint. Und legendär sind die Reihen stupsnäsiger Zauberer und Hexen, die die Nächte durchmachten und gar die Schule schwänzten, wenn der neue "Harry Potter"-Band erschien.

Natürlich gibt es auch Warteschlangen, in denen es um mehr geht als ein Buch, einen Film, ein Spiel. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren machte die Rationierung von Brot und Brennstoff das Schlangestehen zur tagesfüllenden Geduldsprobe. Im April 1994 reihten sich Millionen schwarze Südafrikaner auf, um das erste Mal zu wählen. Zur Zeit der Großen Depression in den USA der dreißiger Jahre standen hungrige Menschen am Times Square stundenlang für ein Sandwich und einen Kaffee an.

Bis heute gibt es aber eben auch viele Menschen, die sich ganz freiwillig anstellen. Dabei ist es eigentlich nur noch selten nötig, Schlange zu stehen. In Zeiten von Ticketautomaten, Express-Schaltern und Online-Shopping können wir rund um die Uhr einkaufen. Fast alles. Wir können sicher sein, dass eine Firma ihr neues Produkt in ausreichender Stückzahl zur Verfügung stellt. Wir können uns darauf verlassen, dass ein neuer Film auch noch Wochen nach der Premiere in den Kinos läuft. Und selbst ein Wimbledon-Finale könnte man notfalls auch im Fernsehen verfolgen. Warum also stellen wir uns so an?

Möglicherweise geht es dabei um etwas, das jenseits des Einfach-nur-Dabeiseins liegt. Denn ob beim Queuing für die limitierten Tagestickets in Wimbledon oder bei der unbequemen Übernachtung auf dem Bürgersteig, um ein neues Smartphone zu erstehen - all diesen Schlangen liegt ein Gedanke zugrunde, der auch schon bei den Rationierungen in der Nachkriegszeit eine zentrale Rolle gespielt hatte: die Idee der gerechten Verteilung. Die Möglichkeit, an etwas Einmaligem teilzuhaben, eine Sache früher zu besitzen oder etwas früher zu erleben als andere - unabhängig von exklusiven Zugängen oder der Möglichkeit, Höchstpreise zu bezahlen. Einfach nur mit Anstand und Geduld.

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