Tote des Jahres 2009: Wen die Welt vermissen wird
Tote des Jahres 2009 Wen die Welt vermissen wird
Die Beerdigung von Deutschlands bekanntester Ex-Hure wurde zum Volksfest: Ein bunter Zug von 500 Freunden, Freiern und Kolleginnen zog Ende Februar hinter eine Jazz-Kapelle durch das Hamburger Vergnügungsviertel St. Pauli. Hier hatte die Dahingeschiedene einst als Dirne begonnen, bevor sie sich in reifem Alter als Sozialarbeiterin um Freudenmädchen zu kümmern begann. Hinter den Sichtblenden der berüchtigten Herbertstraße verweilte die Trauergemeinde für eine Gedenkminute vor den in rotes Licht getauchten Schaufenstern und den knapp bekleideten Mädchen darin.
Andere Verstorbene des Jahres 2009 waren weniger schillernd, aber hinterlassen deshalb nicht weniger große Lücken. So ist die alte Bundesrepublik 2009 wieder ein Stück mehr Geschichte geworden: Mit Otto Graf Lambsdorff (FDP), dem früheren Verfassungsrichter Ernst Benda (CDU), Ex-Finanzminister Hans Matthöfer (SPD), dem einstigen Bundesinnenminister Werner Maihofer (FDP) und dem Soziologen Ralf Dahrendorf starben Säulen des politischen Establishments der Bonner Republik.
Und auch ein paar Wirtschaftsführer alten Schlags sind nicht mehr unter uns. Der Tod von Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn mit 88 Jahren im Oktober riss eine mächtige Lücke in die ohnehin ausgedünnten Reihen der knorrigen Unternehmerpersönlichkeiten der Republik - in einer Zeit, in der sich die Deutschen des Unterschiedes zwischen verantwortlichen Unternehmer und gedungenem Manager wieder bewusster werden.
Schockiert hatte die Öffentlichkeit denn auch die Konsequenz, die der Blaubeurer Milliardär Adolf Merckle aus seinem unternehmerischen Scheitern zog. Der Herr über zahlreiche Pharma-, Baustoff- und Maschinenbaufirmen hatte sich mit VW-Aktien verspekuliert und nahm sich das Leben: In der Nähe seines Heimatorts legte sich der verzweifelte Merckle am 5. Januar auf die Geleise einer Bahnlinie und ließ sich von einem Zug überrollen.
Vor einen Zug warf sich auch Nationaltorwart Robert Enke. Dessen durch schwere Depressionen ausgelöster Suizid im November war zweifellos der meistdiskutierte Todesfall des Jahres, die Reaktion vergleichbar nur mit dem plötzlichen Tod des "King of Pop" Michael Jackson. Wochenlang debattierte die entsetzte Republik über den gesellschaftlichen Umgang mit der heimtückischen und tabuisierten Volkskrankheit Depression.
Und auch der SPIEGEL hatte im Jahr 2009 Tote zu beklagen: Im Juni starb Leo Brawand, der 1962 in der SPIEGEL-Affäre eine Schlüsselrolle spielte (und zwar in einem Wandschrank); im Dezember kam die traurige Nachricht vom Tod Erich Böhmes, der das deutsche Nachrichtenmagazin fast 17 Jahre lang als Chefredakteur führte.