Tsunami - DER SPIEGEL
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Tsunami: Der Start in mein neues Leben

Foto: Scott Barbour/ Getty Images

Tsunami Der Start in mein neues Leben

Das Wasser reichte ihr bereits bis zu den Knien: Nur knapp entronn Kathrin Rugbart am 26. Dezember 2004 dem Tsunami auf Sri Lanka. Heute ist sie dankbar für dieses Erlebnis.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war ein herrlicher Tag. Mein Urlaub neigte sich dem Ende entgegen. In drei Tagen würde ich wieder in der Maschine nach Deutschland sitzen und in meinem Alltag ersticken. Ich hatte einen gut bezahlten Job, der mir aber schon lange keine Freude mehr bereitete, eine Beziehung, die schon lange tot war und einen Kräutergarten. Freunde gab es wohl auch, zumindest dachte ich es zu dieser Zeit. Wenn ich heute an diese Zeit denke, kommt es mir oft so unwirklich vor. Nichts von alledem entsprach wirklich meiner Persönlichkeit.

Ich saß beim Frühstück, glücklich, mir einen Traum erfüllt zu haben. Schon zwei Wochen verbrachte ich nun in einer privaten Unterkunft auf Sri Lanka. An diesem Tag - es war Vollmond und Tag des Neuanfangs im Buddhismus - konnte ich beobachten, wie das Meer sich immer weiter zurückzog und viele Meter Meeresboden zu sehen waren. 'Fantastisch', dachte ich. Erst so ein unglaublicher Urlaub und dann noch so ein Erlebnis. Immer mehr Menschen kamen an den Strand. Wir unterhielten uns. Die Stimmung war gut. Wir liefen dem Wasser hinterher, manchmal mit einem mulmigen Gefühl im Bauch - und doch voller Faszination.

Schreckliche Schreie

Als das Wasser begann zurückzukommen, kletterten wir auf die kleine Steilküste, wo sich auch meine Unterkunft befand. Wir standen in meinem Garten und beobachteten das Schauspiel. Das Wasser stieg stetig an - auf einmal prallte es mit einer solchen Wucht an die Küste, dass große Teile abbrachen.

Menschen fingen an zu schreien. Noch nie hatte ich so etwas gehört. Noch nie hatte ich so etwas gesehen: Das Gesicht des Mannes, der verzweifelt versuchte zu überleben. Er schrie, er schrie so sehr. Und dann war es wieder vorbei.

Das Wasser verschwand. Ich wollte fliehen. Ich ging zum Haus und nahm eine Tasche. Ich wollte zur Vordertür raus, aber sie ließ sich nicht öffnen. Zu spät merkte ich, dass mir das Wasser bereits bis zu den Knien reichte. Das Wasser hielt die Tür zu. In Panik drehte ich mich um - und da sah ich sie. Es war keine Welle, die auf mich zukam. Es war eine Wand.

"Ich dachte, mein Rückgrat würde brechen"

Das Nächste, an das ich mich erinnere, war ein dumpfes Poltern. "Ganz schön warm", dachte ich. Dann starrte ich auf eine grüne Wand. Ich hatte die Orientierung verloren. Wie Treibholz wurde ich über irgendetwas hinweg gerissen. Für einen Moment dachte ich, mein Rückgrat würde brechen. Dann wieder diese Wand. Ich wollte mich festhalten. Mit der linken Hand gelang es mir, irgendwo Halt zu fassen. Mit der Rechten versuchte ich, mich an der Wand hochzuziehen. Ich glaubte, ich könnte klettern wie eine Fliege. Fliegen können an Wänden hinaufgehen. Doch das Wasser zog mich in die andere Richtung. Erst als meine Linke zerquetscht wurde, merkte ich, dass ich um einen Türrahmen gegriffen hatte. Das Wasser hielt die Tür zu. Mit aller Kraft versuchte ich, mich zu befreien. Es ging nicht. In diesem Moment hätte ich alles getan, um frei zu sein. Ich wollte nicht sterben.

Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, irgendwann tauchte Siri, ein lieber Freund aus Sri Lanka, neben mir auf. Er und ein weiterer Singalese hatten mich gefunden und befreit. Die nächsten Tage erlebte ich wie im Nebel. Es gab nur wenige Augenblicke, in denen ich meine Situation realisierte. Schmerzen spürte ich nur gelegentlich. In dieser Zeit passierte etwas Wunderbares.

Finger zurechtgebogen

Alles was die Menschen noch besaßen, teilten sie miteinander. Jeder half, wie er konnte. Soweit wir in der Lage waren, versorgten wir die Verletzten, suchten nach Getränken und Bekleidung. Irgendwann gelang es mir, einen lieben Bekannten in Deutschland zu erreichen, einen Chirurg. Die Finger meiner linken Hand waren "deformiert" und begannen, sich zu verfärben. Er sagte, dass ich meine Finger zurechtbiegen müsste, bis es so aussähe, als würde ich einen Tennisball halten. "Ich schaffe das nicht", sagte ich. Er antwortete nur: "Du musst, sonst sind sie vielleicht nicht mehr zu retten." Für diesen Satz bin ich unglaublich dankbar. Ich habe sie dann zurechtgebogen.

Am 28. Dezember 2004 saß ich in einem Flieger nach Deutschland. Überall, wo wir ankamen, begegnete uns Hilfsbereitschaft. Die Menschen sorgten dafür, dass wir schnell in ärztliche Behandlung oder nach Hause kamen.

Leben voller Wunder

Der Wunsch, frei zu sein, und das Wissen, alles erreichen zu können, was ich für mich möchte, sind heute wichtige Merkmale meines Denkens. So schrecklich dieses Erlebnis war, so wunderbar ist das, was für mich daraus entstanden ist.

Im April 2005 kündigte ich meinen Job. Bereits im Herbst saß ich wieder auf der Schulbank und fing noch einmal ganz von vorne an. Die Liebe entdeckte ich 2006 neu.

Einen Kräutergarten habe ich heute nicht mehr. Ich lebe in einer Stadt. Ich gehe gerne aus. Vergangenes Jahr war ich zum ersten Mal im Leben in einer Galerie. Heute ist es mein größter Wunsch, glücklich zu sein, und ich weiß, dass nur ich mir diesen Wunsch erfüllen kann. Ich bin innerlich entspannter geworden und habe mein ganzes Wertesystem komplett verändert. Das Leben erscheint mir bunt und voller Wunder. Die Menschen, die heute meine Freunde sind, blicken positiv in die Welt. Es macht Spaß, mit ihnen zu reden, mich auszutauschen und zu lachen. Heute ist es nicht mehr das "neue Auto", das mein Herz höher schlagen lässt, sondern der Gruß zum Geburtstag oder der kurze Besuch.

Das Leben, wie ich es heute erlebe, ist endlich mein Leben. Mein Geburtstag ist der 26. Dezember 2004.