TV-Kult - DER SPIEGEL
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TV-Kult: Der wahre König

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TV-Kult Der wahre König

Brave Ex-Boxer, trunkene Transvestiten und ein spektakulärer Selbstbefriedigungs-Auftritt: Im Jahr 1998 kam der Sechsteiler "Der König von St. Pauli" ins deutsche Fernsehen. Die Kiezserie wurde ein Riesenerfolg - und inspirierte brave Hausfrauen dazu, sich als Prostituierte zu bewerben.
Von Melanie Brandenburg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine meiner Lieblingsserien der neunziger Jahre ist unangefochten "Der König von St. Pauli". Diese Art von Serie gab es danach nie wieder, denn hier tobte sich Regisseur und Drehbuchautor Dieter Wedel augenscheinlich richtig aus.

Denn die Story des Sechsteilers, der 1998 auf Sat. 1 lief, war mehr als turbulent: Der kleine Kiezkönig Rudi Kranzow (Hilmar Thate) ist Besitzer des Striplokals Blaue Banane auf dem Hamburger Kiez. Rudi hat Schulden, die durch Betrug bei einem Würfelspiel noch um einiges erhöht werden. Denn sein abgewirtschaftetes Lokal ist auch für den Grafen (Hans Korte) interessant, der mit dem Gebäude sein Eros-Center erweitern will. Als schließlich im Hafen ein Anschlag auf Rudi verübt wird, kommt sein in München studierender Sohn Robert (Oliver Hasenfratz) nach Hamburg und versucht zu retten, was noch zu retten ist.

So die Kurzform der Handlung, die natürlich ganz gemäß Dieter Wedel ("Der große Bellheim", "Der Schattenmann") noch viel Komplexer und Inhaltsreicher ist. Es sind die Haupt- und Nebenfiguren, die diesen Wedel-Mehrteiler so schön werden lassen. Heinz Hoenig als Exboxer Sugar, Maja Maranow als Prostituierte und Köchin (ja auch so was gibt es bei Wedel), Mizzi, die permanent am Leben zu scheitern scheint, Julia Stemberger als Schwester aus gutem Hause - unangefochten genial: ihr Selbstbefriedigungsauftritt vor den Gästen der Blauen Banane. Das ist noch Kunst!

Der Reeperbahn in Münchener Studios

Aber der Beste von allen war Florian Martens als Karl-Heinz/Karin. Kein männlicher Schauspieler dieser Welt kann wohl so schön über Schmerzen an den frisch operierten Brüsten klagen und gleichzeitig Whisky saufend in der Ecke liegen.

Wahrscheinlich war es die Riege der deutschen Schauspieler, die diesen Wedel so sehenswert macht. Man merkt aber auch beim Zusehen, dass die Akteure wirklich Spaß an der Sache hatten. Na gut, ich gebe zu, dass der obligatorische Gastauftritt von Herrn Wedel doch zu sehr Mr. Hitchcock nacheifert und die Filmmusik von Harold Faltermeyer als Dauerberieselung im Backround manchmal etwas stört - aber Alles in Allem ist "Der König von St. Pauli" eine der besten Serien, die das Deutsche Fernsehen auf die Schirme gebracht hat.

Merkwürdiger Weise erlebte der Hamburger Kiez in der damaligen Zeit eine ungeahnte Renaissance, obwohl Wedel nicht mal alles an Originalschauplätzen drehen konnte. Die Herbertstraße und einige Andere Orte wurden in den Bavaria-Filmstudios in München nachgebaut, was man leider oft im Film bemerkt.

Angeblich sollen sich nach dem Sechsteiler sehr viele brave Hausfrauen als Freitzeitprostituierte oder Freizeitstangentänzerin beworben haben, weil sie dachten, dass dieses "Wir sind eine große Familie"-Gefühl auf dem Kiez wirklich existiert. Aber vermutlich bedeutet das, dass Wedels Film funktioniert hat. Denn er wollte, dass wir mit den Protagonisten sehen, fühlen und erleben wollen.