Unterwegs im Schlafwagen - DER SPIEGEL
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Unterwegs im Schlafwagen: Hingerissen durch die Nacht

Foto: ddp images

Unterwegs im Schlafwagen Hingerissen durch die Nacht

Elegante Globetrotter, feierwütiges Partyvolk, Raumfahrttechniker mit Flugangst: Wer im Schlafwagen reist, begegnet den merkwürdigsten Gestalten. Klaus Gülker hat zwischen München, Paris und Kopenhagen nächtliche Abenteuer nach Fahrplan erlebt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Video: Schlaflos nach Paris: Knapp zwölf Stunden braucht der Nachtzug von Berlin nach Paris. Der Komfort ist eher rustikal.

Kölner Hauptbahnhof, 22.39 Uhr. Ein kleines europäisches Abenteuer nach Fahrplan beginnt an diesem Abend im März 2006. Vier Städte in vier Tagen werde ich besuchen, tagsüber; in den Nächten dazwischen reise ich im Schlafwagen weiter zur nächsten Metropole. Ich will ausprobieren, was die Bahn Urlaubern wie Geschäftsreisenden verspricht: angenehme Nachtfahrt wie im Schlaf, und morgens kommt man ausgeruht am Ziel an.

Schlafwagen... waren das nicht diese traumhaft plüschigen Waggons mit edlem Holz und weichen Kissen, wo in jedem zweiten Bett entweder Millionenerben nächtigten auf dem Weg in die feudalen Ferien oder ein Spion in geheimer Mission? Gekrönte Häupter, Filmstars, Politiker, so reiste man, wenn es mehr um Eleganz ging als um Geschwindigkeit.

"Lange her", sagt der grauhaarige Schlafwagenschaffner schon in Köln auf dem Bahnsteig. Die neuen, modernen Wagen, die nachts durch Europa rollen, nein, sie gefallen ihm nicht, kein Platz, alles eng, von wegen Luxus. Der Mann muss es wissen. Seit 38 Jahren ist er mit Nachtzügen unterwegs. Er schickt mich zu meinem Abteil.

Schlafzelle hinter Falttüren

Es ist eher eine Kabine. Sie liegt im Obergeschoss, vier Stufen hoch. Mit ein bisschen Geschick schaffe ich es, die Falttüren zu öffnen, es funktioniert wie beim Flugzeugklo. Vor mir: ein schmales Bett, darüber 60 Zentimeter Luftraum, und da oben bettet bereits der nächste Gast sein Haupt - wenn man Pech hat und einer kommt. Ich habe Glück und es kommt keiner. So habe ich die geschätzten 6 Kubikmeter Schlafzelle komplett für mich.

Zu zweit wäre es überaus eng. So ist es nur sehr eng. Der Reisende staunt über das Bahn-Versprechen, dass man hier entspannt träumend seinem Ziel entgegen schläft, bis man aufwacht und vor dem Zugfenster so eine schöne Stadt wie Dänemarks Metropole darauf wartet, erobert zu werden. Ausprobieren. Also: Augen zu.

Augen auf. Draußen ein Bahnhof. Kopenhagen? Nein, Bochum...

Mehr als ein Nickerchen war das nicht bisher. Es stimmt schon, was der Schriftsteller Alfred Polgar schrieb; nicht jeder schläft gut im Schlafwagen. Denn: "Sonderbares Gefühl, in einem Bett zu liegen und hingerissen zu werden durch die Nacht. Dazu dreht sich außerdem noch die Erde um sich selbst und um die Sonne. Schwer, da nicht nervös zu werden."

Und schwer, hinter Bochum wieder einzuschlafen.

Kein Zug durch die Gemeinde

9.59 Uhr an Kopenhagen. Pünktlich auf die Minute sind wir da. Per Durchsage danken die Dänischen Staatsbahnen für die Reise mit dem "Nacktzug". Dänisch ist schön! Ab jetzt läuft die Uhr - 8 Stunden 55 Minuten Zeit für Dänemarks Metropole. Das reicht für einen Besuch bei der Kleinen Meerjungfrau und beim Schloss, wo sich die Wachen mit einem Stechschritt ablösen, der preußisch aussieht, aber dänisch ist. Zuschauer: Viele, viele Chinesen.

Als Tagestourist freue ich mich über Straßencafés, die warme Wolldecken für frierende Sonnenanbeter bereithalten, und dennoch fröstelt es mich angesichts der Getränkepreise. Wobei ich noch nicht ahne, dass sie in Paris zwei Tage später noch höher sein werden.

18.54 Uhr ab Kopenhagen. Für den grauhaarigen Schlafwagenschaffner heißt es auch auf dieser Fahrt wieder: Tickets prüfen, Betten aufklappen, Listen ausfüllen, Getränke verkaufen und manchmal auch Gespräche führen mit neugierigen Fahrgästen wie mir. In Hamburg wird er aussteigen. "Wenn Sie nach Paris kommen, schauen Sie nach dem Lokal!", gibt er mir noch mit auf den Weg.

Im Schlafwagenroman "Grand Tour" von Steffen Kopetzky ist es beschrieben, dieses Lokal. Ein Treffpunkt der Nachtzugschaffner aus ganz Europa. "Aber Sie müssen suchen." Ich habe es gesucht. Aber dort, wohin es der Autor verlegt, in der Cité du Paradis im 9. Arrondissement, ist keine Kneipe, sondern das örtliche Finanzamt. Ohnehin, meint der Veteran und wendet sich wieder seiner Zeitung vom Vortag zu, ist alles nicht mehr, wie es war. Die engen Dienstpläne heute, da ist keine Zeit für einen Zug durch die Gemeinde. Da fährt man im Zug längst wieder durch die Nacht.

Metropolen-Hopper mit Blick für's Wesentliche

8.59 Uhr an München. Eben noch an der Ostsee, jetzt schon an der Isar: Auch wenn der Schlaf wieder eher ein Ausruhen war, 1300 Kilometer liegen hinter mir. Also München. Erhebende Nationalriten wie eine Wachablösung nach Kopenhagener Vorbild sind hier nicht in Sicht. Dafür immerhin die Alpen vom Turm des Alten Peter und ein Helles vom Fass.

Als Metropolen-Hopper muss man sich schließlich aufs Wesentliche der besuchten Städte konzentrieren. Für mehr ist keine Zeit. Dem kommt der Umstand entgegen, dass die Großstädte ohnehin immer ähnlicher werden, seit die großen Handelsketten ihre Läden flächendeckend über den Kontinent verteilen. Marken kennen keine Grenzen.

Das Hofbräuhaus steht zwar nach wie vor in München und nicht in Paris oder Kopenhagen. Aber das "Café Paris" in Hamburg gibt sich mächtig französisch, und der einzige Unterschied zwischen den Birnen auf dem Viktualienmarkt in München und denen im Kopenhagener Supermarkt am Bahnhof ist nicht die Herkunft, sondern der Preis. Nur eins: In München vermisse ich das wunderbare dänische Gebäck namens "Wiener Brød". Ich werde es später in Hamburg finden. Da heißt es "Kopenhagener".

Europa im Schnelldurchgang für Netzkartenbesitzer

20.56 ab München. An diesem Abend treffe ich im Schlafwagen München-Paris drei Chinesen, eine Frau und zwei Männer. Einmal elegant gebettet durch Europa fahren, das war so ein Traum für die Globetrotter vom anderen Ende der Welt. Deshalb schienen ihnen die 400 Euro für eine Nacht auf Schienen im Dreierabteil gut angelegt. Deutsche Gemütlichkeit! Die Dame aus Fernost weist lachend und ein bisschen ratlos ins Durcheinander der winzigen Schlafzelle mit den drei Betten übereinander, aus der die vielen Koffer hervorquellen. Sie schüttelt den Kopf: Das hatte sie sich schon etwas anders vorgestellt.

6.58 Uhr an Paris. Es ist ein ziemliches Stück Arbeit, bis das ganze Gepäck der Chinesen auf Bahnsteig 26 des Gare de l' Est steht. Drei Tage werden sie an der Seine verbringen, sie lassen sich Zeit. Europa im Schnelldurchgang bleibt uns Schlafwageninsassen mit Netzkarte vorbehalten.

13 Stunden und 48 Minuten sind nicht viel für ganz Paris. Taktisch geschickt gilt mein erster Besuch der Kirche Sacre Coeur. Wer wird da schon morgens um kurz nach sieben sein, außer uns Nachtzugreisenden? Es sind - Chinesen. Nicht die drei vom Nebenabteil, sondern eine Bustruppe; es wird bereits ausgiebig fotografiert. Das hat eben was, so zeitig am Tag auf die dampfende Metropole hinunterzuschauen. Aber: Mehr als ein Museum, ein Eiffelturm, ein Restaurant (dafür zahlreiche Kontakte mit den Hinterlassenschaften Pariser Hunde) schafft man nicht zwischen zwei Nachtzügen.

Fliegen ist zu unsicher, sagt der Herr von der Raumfahrtindustrie

Denn schon am Abend wird die letzte Etappe starten. Das Ziel: Hamburg. Nur: War ich da nicht schon? Nach vier Tagen und drei Nächten ohne sehr viel Schlaf verliert man leicht den Überblick. Doch, es stimmt, vorgestern, auf dem Weg von Kopenhagen nach München, aber das war mitten in der Nacht und auf der Durchreise. Also: Wagen 128 suchen und feststellen: Zum ersten und einzigen Mal werde ich in dieser Nacht nicht solo in meiner Kabine wohnen.

20.46 Uhr ab Paris. Der Mitreisende von Bett 43 über mir hat sich schon eingerichtet. Ein alter Hase, was den Nachtzug angeht. Denn der Mann Mitte 40, aufgewachsen in Rottweil, arbeitet in Paris und fährt seit zwei Jahren alle 14 Tage für ein Wochenende nach Bremen. Im Schlafwagen; freitags hin, sonntags zurück.

Beim Bier im Speisewagen erzählt er, dass auch schon mal ein Schlafwagen in Paris aus dem Verkehr gezogen werden musste - Wanzen. Er berichtet mit leichtem Schaudern in der Stimme davon, dass im Sommer Jugendliche in den nebenan fahrenden Liegewagen die ganze Nacht Party feiern - Interrail. Und er bekennt, dass er viel lieber Zug fährt als fliegt. Fliegen ist ihm zu unsicher. Eine interessante Aussage von einem, der in der Raumfahrtindustrie arbeitet.

Zum letzten Mal das immergleiche Frühstück

7.07 Uhr an Hamburg - Endstation. Ich wandere Richtung Hafen. Die Elbe, eindeutig - nicht Isar, nicht Seine. So leicht kommen Länder-Pendler dann doch nicht durcheinander. Der letzte Schlafwagenschaffner, der mir das immergleiche Frühstück servierte, hat sich am Bahnhof Hamburg-Altona verabschiedet mit einem Strahlen: Vier Tage, vier Nächte hat er nun frei. Endlich mal wieder gut schlafen, das wünscht er sich.

Ich mir auch.