Unvergessene TV-Serien: Dallas im Schwarzwald
Unvergessene TV-Serien Dallas im Schwarzwald
Am 22. Oktober 1985 öffnete im ZDF die legendäre "Schwarzwaldklinik" ihre Türen. Das Fernsehvolk war sofort begeistert von den Geschichten um Mühe und Not mit Liebe und Leid. Dabei war das Serienrezept denkbar einfach: Man nehme einen grau melierten, wohlhabenden Professor (Klausjürgen Wussow) und stelle ihm einen hitzköpfigen, gut aussehenden Lebemann als Sohn zur Seite (Sascha Hehn). Dazu gebe man eine engelhafte Krankenschwester namens Christa (Gaby Dohm), die die Herzen von Vater und Sohn verwirrt, schmecke ab mit einem Oberschwesterdrachen (Eva Maria Bauer), einer herzensguten Haushälterin und dem unvermeidlichen Familienhund. Zu guter Letzt wähle man als Sahnehäubchen das malerische Glottertal im Schwarzwald als Kulisse - und fertig ist die unvergessene Erfolgsserie.
Meine Mutter fand, das Serientreiben sei eher amüsant als spannend. Sie arbeitete selbst bei einem Arzt und kannte sich aus. In ihren Augen entbehrte es jeder am wahren Ärzteleben geschulten Logik, dass der liebe Herr Doktor den halben Tag gemütlich Zeitung lesend im Vorgarten seines Hauses verbrachte. Oder gar einem aus der Klinik geflüchteten Patienten beherzt im Auto hinterher raste, um ihn in letzter Sekunde vor dem Herztod zu bewahren. Aber das interessierte mich nicht! Denn ich war, wie so viele, unsterblich in Sascha Hehn verliebt. Der hatte schon auf der "MS Traumschiff" als schöner Stewart Victor allen den Kopf verdreht. Wenn er mit seinem Cabrio nun schnittig vor dem Schwarzwaldhäuschen vorfuhr und lässig ausstieg - ach ja! Da schlugen Mädchenherzen höher.
Große und kleine Dramen
Apropos: Was wären die Herren Brinkmann eigentlich ohne die Frauen gewesen? Zum einen war da besagte Schwester Christa (Gaby Dohm). Zuerst erfolglos vom Sohnemann begehrt, heiratete sie anschließend dessen Vater und hängte die Schwesterntracht an den Nagel. Von der Liebe beflügelt nahm sie das abgebrochene Medizinstudium wieder auf, brachte nebenbei ein Kind zur Welt, war eine vorbildliche Ehefrau und stieg in die Arzneimittelforschung ein. Mit Erfolg - was sonst. Und dann gab es da noch Hildegard Zeisig, die unverbesserlich neugierige und zankfreudige Oberschwester. Zwar nervte die resolute Diktatorin gewaltig, aber die notwendige Ordnung im Klinikalltag bewahrte sie allemal. Ganz zu schweigen von der gottgütigen Haushälterin und dem zu Affären und Liebeleien immer bereiten Ärzte- und Schwesternpersonal. Was wären also die Herren Brinkmann ohne sie alle und ohne die zahllosen Mädchen und Frauen vor den Fernsehschirmen gewesen?
In der "Schwarzwaldklinik" gab es natürlich alles, was das Publikum an den Ewings und Carringtons aus "Dallas" und "Denver-Clan" so mochte. Liebe und Eifersucht. Große Erfolge und jähe Abstürze. Ränke und Reue. All die großen und kleinen Dramen eben, die das Eintauchen in eine Serienwelt so verlockend macht. Einen wesentlichen Unterschied aber gab es eben doch. Die Welt, in der sich alles abspielte, war dem Fernsehvolk vertraut. Hier ging es nicht um schwarzes Gold, unermessliche Reichtümer und vertrackte Intrigen. Es war eine deutsche Produktion vor deutscher Kulisse, vor der alles etwas harmloser war, etwas menschelnder und der hiesigen Lebenswirklichkeit näher. Damit konnte man sich identifizieren. Und so kam es dann auch, dass Busse voller Touristen ins schöne Glottertal reisten, um nur einen einzigen flüchtigen Blick auf den lieben Professor Brinkmann zu erhaschen. In einer Drehpause versteht sich.
Ein anderer Grund für den immensen Publikumserfolg waren die abgeschlossenen Patientengeschichten innerhalb einer Folge und die zahlreichen Gastauftritte deutscher Fernsehstars. Gert Fröbe, Gustl Bayrhammer, Witta Pohl und Wolfgang Kiehling gaben sich die Klinikklinke in die Hand. Erlesene Schauspieler waren es also, die mit ihren Rollen halfen, die Geschichte der Brinkmanns dramatisch zu unterfüttern und weiterzuspinnen.
Wiederbelebung gescheitert
Den Höhepunkt ihrer Beliebtheit erreichte die "Schwarzwaldklinik" am 17. November 1985 mit der Episode "Die Schuldfrage". 27,97 Millionen Zuschauer verfolgten damals die Geschicke der Ärzte und ihrer Patienten. Bis heute ist dies die höchste Quote geblieben, die in Deutschland, von Sportübertragungen abgesehen, jemals erzielt wurde. Übrigens: So deutsch die "Schwarzklinik" auch anmuten mochte, ihren Siegeszug trat sie in weiteren 38 Ländern an.
Zum Bedauern vieler Zuschauer wurde im März 1989 die "Schwarzwaldklinik" bis auf weiteres eingestellt. Ihre Wiedergeburt im Jahre 2005 währte aber nur kurz. Zwar konnten einige der alten Darsteller für den Fernsehfilm "Die Schwarzwaldklinik - Die nächste Generation" gewonnen werden. Aber mal ganz ehrlich: Der Charme der achtziger Jahre war dahin. Das war nicht mehr "Die Schwarzwaldklinik", wie man sie kannte und liebte. Nach einem weiteren Fernsehfilm mit dem Titel "Neue Zeiten" gab das ZDF auf. Mit seinem Vorhaben, an die alten Erfolge anzuknüpfen, war es gescheitert.
Eine Schwarzwaldklinik ohne Klausjürgen Wussow ist ohnehin undenkbar. Im letzten Jahr verstarb der Schauspieler, dem die Rolle des verständnisvollen und fähigen Chirurgen wie auf den Leib geschneidert war. Keiner könnte ihm hierin das Wasser reichen. Vielleicht sollte man manchmal der Versuchung widerstehen, Vergangenes wieder beleben zu wollen. Erinnerungen sind eben prächtiger als jeder schnöde Neuaufguss.