Urlaub in der DDR: Vater unter Spionageverdacht
Urlaub in der DDR Vater unter Spionageverdacht
"Warte hier auf mich, ich muss da jetzt rein und komme bald wieder", sagte mir mein Vater im Sommer 1988, als er von zwei jungen Vopos freundlich aber bestimmt in die Schweriner Untersuchungshaftanstalt des MfS gebeten wurde. Auf seine Frage hin, was denn mit mir, seinem sechsjährigen Sohn geschehe, hatte man nur achselzuckend erwidert, ich solle warten, man sei ja "schließlich keine Kita". Wie lange? Das wisse man nicht.
Mein Vater war mit mir in den letzten Tagen durch seine Heimatstadt gegangen und hatte mir gezeigt, wo er als Kind Fußball gespielt hatte, aus welchen Gärten er Pflaumen gestohlen hatte, und wo er zur Schule gegangen war, bevor er kurz vor dem Mauerbau mit der Familie die DDR gen Westen verlassen hatte. Nun war er wiedergekommen, um seinem Sohn die Stadt zu zeigen. Ab und zu blieben wir vor einem Gebäude stehen und er machte ein Foto, so auch an diesem Dienstag in der Mozartstraße, es war das Haus mit der Nr. 21, das noch heute - nun frisch saniert - mit reichlich Stuck und einem prächtigen Adler-Ornament verziert, ein lohnendes Fotomotiv abgibt.
Er ahnte nicht, dass sich wenige hundert Meter weiter, in einem Winkel von 90 Grad, eine Untersuchungshaftanstalt des MfS befand. Und erst recht ahnte er nicht, dass man ihn verdächtigen würde, von diesem Gebäude Spionagefotos zu machen. Er war beobachtet worden, und die zwei Vopos, die ihn aufforderten mitzukommen, erklärten meinem verdutzten Vater, es gäbe schließlich raffinierte Apparate, die um die Ecke fotografieren könnten. Und das Fotografieren des Gebäudes sei streng verboten.
Belächelt, aber gefährlich
Da saß ich jetzt mit meinen sechs Jahren allein auf den Treppen eines mir unheimlichen Gebäudes, in dem mein Vater steckte, in einer mir unheimlichen Stadt, in der ich niemanden kannte und die für mich vor allem aus Einbahnstraßen bestand. Zudem war für mich die DDR ein unheimliches Land, das ich in erster Linie grau fand und das man zu Hause zwar belächelte, aber trotzdem für gefährlich hielt. Man hatte mir erklärt, dass es dort andere Spielregeln für das Zusammenleben als bei uns zu Hause gebe - wer nicht mitspielen möchte und woanders leben will, würde eingesperrt. Diese Regeln hießen Kommunismus, hatte meine Mutter gesagt, und sie könnten gar nicht funktionieren, weil das nur ginge, wenn alle Menschen gleich und nicht egoistisch wären. Auf der Treppe machte ich mir zum ersten Mal in meinem Leben zaghafte Gedanken über diesen Kommunismus, der jetzt irgendwie schuld daran sein musste, dass ich mich in dieser Situation befand.
Während ich also nun draußen wartete und mich daran erinnerte, wie meine Mutter vor unserer Abreise meinem Vater mit sorgenvoller Miene eingeschärft hatte vorsichtig zu sein, schließlich war er ja ein Republikflüchtling (und sie eine Mutter, die sich ständig Sorgen machte), war er in einen kleinen Raum mit großem Honeckerbild eingesperrt. Sein Film wurde ihm entnommen und sogleich entwickelt. Nach einer knappen Stunde, in der man ihm lediglich sagte, man würde seine Fotos kontrollieren, war der Spuk vorbei.
Ich bekam meinen Vater wieder, er aber nicht seinen Film. Als Ersatz gab es einen Orwo-Film, über dessen Qualität (und den Verlust seiner Fotos) er noch heute gern jammert. Als man ihm bestätigte, dass die Fotos harmlos waren, echauffierte sich mein Vater darüber, eingesperrt worden zu sein - so könne man doch nicht mit seinen Touristen umgehen, woraufhin man ihm schroff antwortete, es sei ja nur eine halbe Stunde gewesen.
Als er mich alsbald in die Arme nahm, versprach ich ihm der Mutter nichts zu sagen. Der Kommunismus - da war ich mir inzwischen sicher - ist eine komische Sache.