Urlaub in der DDR - DER SPIEGEL
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Urlaub in der DDR: Fürs große Geschäft in den Garten

Foto: Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR

Urlaub in der DDR Fürs große Geschäft in den Garten

So viel Spaß für wenig Geld! Ob seines knappen Budgets reiste der Schweizer Hans Stamm 1985 zum Urlaubmachen in die DDR. Seine Gratis-Herberge auf dem Land bei Magdeburg verfügte zwar über keine Toilette, dafür überraschte ihn das Warenangebot. Für seine Souvenirs erntete er bei seinen Landsleuten allerdings Kopfschütteln.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Kommunismus ist schlecht, wurde mir schon von klein auf gesagt. Die Menschen würden dort eingesperrt, wenn sie anders denken. Die Leute dürften nicht reisen. Es gebe nichts zu kaufen, und sie müssten Jahre auf ein Auto warten.

Das klang für mich nicht nach einem Ort, wo ich als Schweizer Ferien machen wollte. Aber schließlich war da diese Einladung. Ich war 21 Jahre alt, meine Ausbildung zum psychiatrischen Krankenpfleger hatte ich gerade beendet, da bot sich mir die Gelegenheit zu einem Besuch in der DDR: Die Tante einer Kollegin besaß ein Haus in einem Dorf nordwestlich von Magdeburg. Dort war sie aufgewachsen. Nachdem sie einen Schweizer geheiratet hatte, war sie zu ihm gezogen. Doch jedes Jahr fuhr sie in ihre alte Heimat, um sich auf dem Land zu erholen. 1985 schlug sie mir vor, auch zwei Wochen dort zu verbringen - Logis frei natürlich. Weil ich nicht viel Geld hatte, nahm ich das Angebot an.

Nachdem ich eine Einreiseerlaubnis erhalten hatte, ging es im Spätsommer los: Mit dem Zug reiste ich über München an, irgendwo bei Thüringen überquerte ich die Grenze. Die Kontrollen waren sehr rigoros und sie erinnerten mich ein wenig an Filme aus der Kriegszeit. Uniformierte mit Hunden gingen auf dem Bahnsteig auf und ab. Mit Spiegeln suchten sie gar unter dem Zug nach Verdächtigem. Nach dem Grenzübertritt wurden mir meine Zeitschriften abgenommen. Danach ging ein Bahnangestellter die Sitzreihen entlang und verkaufte DDR-Magazine.

Feine Würste, süßer Wein

In Magdeburg holte die Tante mich ab. Im Dorf fühlte ich mich wie eine Attraktion. Es glich einer Sensation, dass jemand aus dem Westen dort urlaubte - obendrein ausgerechnet in dieser flachen Gegend mit weiten Feldern und in diesem Ort, wo es nicht viel mehr gab als eine kleine Schule, eine Polizeistation und eine mit Kopfstein gepflasterte Hauptstraße, die von vielen niedrigen Einfamilienhäusern aus der Nachkriegszeit gesäumt war. Auf der Wache musste ich mich nach dem Tag meiner Ankunft nicht einmal, nein, jeden Tag melden. Es war nie viel los, deswegen ging es immer zügig, das Formular zu unterschreiben. Der Polizist war sehr freundlich und strahlte förmlich über beide Ohren, wenn ich vorbeikam - vielleicht, weil dann auf seiner Wache mal was passierte.

Der beschauliche Ort besaß so etwas wie einen Bürgermeister, der mich als Gast aus dem Westen prompt zum Mittagessen in sein schönes Haus einlud. Es gab feine Würste und süßen Wein. Die Tochter des Dorfschulzen arbeitete bei Interflug, der staatlichen Fluggesellschaft der DDR, und hatte bereits Bulgarien und Rumänien gesehen.

Das Häuschen der Tante war weniger komfortabel. Es lag außerhalb des Dorfkerns, ein sandiger Weg führte zu dem länglichen Bungalow, der weder Keller noch Dachgeschoss hatte, nur zwei Zimmer im Parterre. Außer der Kammer, wo die Tante schlief, gab es ein "Multifunktionszimmer", das Küche und Wohnstube in einem war. Dort nächtigte ich, es war keine bequeme Schlafstätte. Die Datsche verfügte nicht einmal über ein Klo. Wer sein Geschäft erledigen wollte, musste hinaus auf den Hof in ein Toilettenhäuschen gehen. Fließendes Wasser kam aus einem Hahn, der allerdings mit einer Handpumpe funktionierte. Alles in allem war es keine luxuriöse Herberge, aber der Garten war schön groß: etwa 2000 Quadratmeter mit vielen Obstbäumen, von deren Früchten die Tante leckere Konfitüre fürs Frühstück kochte.

Ost-Stadtluft schnuppern

Die Familie des Ortsvorstehers fuhr mich eines Tages nach Magdeburg. Dort aßen wir in einem Hotel und spazierten anschließend durch die Stadt. Es gab einiges zu sehen: ein Geschäft, in dem man mit Westgeld bezahlen konnte und viele andere Läden mit allem, was man braucht, von Waschmittel bis Schokolade. Zu meiner Überraschung: Man konnte auch kubanische Bananen und Orangen kaufen - die seien zwar nicht aromatisch, erzählte man mir, aber zum Entsaften würden sie sich eignen. Auch einige größere Kaufhäuser waren vorhanden, doch die Waren in den Auslagen könnten nicht sofort gekauft, sondern müssten erst bestellt werden, erklärte man mir.

Am nächsten Tag ging ich wieder auf die Wache, um beim fröhlich lächelnden Dorfpolizisten zu unterschreiben: Ich wollte einen Ausflug nach Ost-Berlin machen. Ich fuhr mit dem Zug, der überfüllt mit Soldaten war. Überall standen braune Flaschen, die Reisenden tauschten Getränke und plauderten miteinander. Ich erinnere mich noch, dass ich es viel lauter fand als in Zügen im Westen, wo die Passagiere eher flüsterten, wenn sie sich unterhielten, und dennoch von den anderen böse angeschaut wurden.

In Ost-Berlin besuchte ich ein Schwimmbad, in dem es ein Wellenbecken gab. Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen, vielleicht war es ein Volkseigener Betrieb für "Gesunde Bewegung im Wasser"? Der Tag in dem Erlebnisbad war tatsächlich ein angenehmes Erlebnis. Aber danach kehrte ich wieder in das Dorf, ins unkomfortable Häuschen, zurück.

Schon bald darauf fuhr ich zurück nach Hause. Im Gepäck: Waschmittel und Schokolade sowie Zeitschriften und Bücher. Diesmal wurden sie an der Grenze nicht eingesammelt. Ob meiner Souvenirs erntete ich in der Schweiz so manches Kopfschütteln - vor allem die Schokolade wurde sehr kritisch beäugt.