Urlaub in Jugoslawien: Tito, wir kommen!
Urlaub in Jugoslawien Tito, wir kommen!
Frankreich hatten wir mit unserem Mercedes Cabriolet bereits von oben bis unten erforscht. Außerdem lag dort stets ein Schatten der Vergangenheit über unserem Urlaub: Viele Franzosen reagierten immer noch wütend auf Vater, der dort Zeit als Offizier im Zweiten Weltkrieg verbracht hatte, was sich mir aber damals als kleiner Junge nicht erschloss. Also machten wir uns auf zu neuen Ufern.
Mutter meldete Bedenken gegen eine Reise nach Jugoslawien an, da gebe es doch immer noch Partisanen, die mit ihren Kalaschnikows in den Wäldern hausten, und außerdem kenne sie die Speisen dieses Landes gar nicht. Doch der Beschluss stand. Sie tat, was sie in solchen Fällen immer tat: Sie deckte sich mit ganzen Batterien von Dosenfutter ein, versäumte auch nicht, den Bunsenbrenner und das Zelt zu verpacken, und los gings über den Arlberg, den Reschenpass nach Meran und Bozen.
Aufbruch ins Ungewisse
Vater lenkte seinen neuen Opel Kapitän über Bassano di Grappa nach Treviso, und so fiel auch noch ein bisschen Venedig und Triest für uns geschundene Beifahrer ab, bevor wir ins Partisanenland vorstießen. Vater blieb ganz cool, denn hier hatte er im Krieg keine Spuren hinterlassen, musste also nicht damit rechnen, mit seiner Vergangenheit konfrontiert zu werden.
Wir überquerten frohgemut die Grenze nach Jugoslawien und waren äußerst verwundert, dass man in Slowenien deutsch sprach. Aha: Die Österreicher waren schon vor uns da gewesen. Vorbei am Sommersitz des jugoslawischen Sonnenkönigs Marschall Josip Broz, genannt Tito, der wunderschönen Insel Brioni in Kroatien. Vater konnte sich eine böse Sottise nicht verkneifen: "Der Kerl hat denselben Uniformtick wie einst unser Hermann Göring!"
Vater hatte etwas gegen Uniformen, in seiner Einheit in Frankreich trug man Zivil. Die Fahrt ging weiter über holperige Feldwege nach Sarajevo, wo man sich eher im Orient als auf dem Balkan wähnte. Die Männer trugen Fez und hämmerten auf Kupfer herum, Teppiche wurden auf dem orientalischen Bazar angeboten wie einst in Konstantinopel. Von den Minaretten rief der Muezzin zum Gebet, die Menschen waren bettelarm und reserviert gegenüber uns Deutschen.
Endlich in Ragusa!
Weiter ging es nach Mostar, wo die Zeit stehen geblieben zu sein schien. Das war tiefster Orient, pittoresk und wunderschön. Mutter hatte die Nase voll vom Wildcampen, sie fürchtete die Partisanen. Und tatsächlich sahen wir auf unserer Fahrt bedrohlich aussehende Gestalten in zerlumpten Uniformen. Doch Vater, ganz ehemaliger Offizier, fuhr sogar fast einige von ihnen über den Haufen. Immerhin fanden wir nach einiger Zeit eine kleine Gruppe Deutscher, mit der wir im Konvoi nach Ragusa fahren konnten.
Ein Mönchlein in einer zerschlissenen Soutane wurde unter Protest meiner Mutter von meinem Vater zum Mitfahren eingeladen. Der Mönch zeigte uns all das, was wir heute in der katholischen Kirche so schmerzlich vermissen: Demut, Brüderlichkeit, Bescheidenheit und Opferbereitschaft. Obwohl er nämlich selbst am Hungertuch nagte, zerrte er aus seiner schmutzigen Kutte einige lauwarme Feigen heraus und teilte sie mit uns. Mutter schüttelte sich vor schierem Grausen, doch Vater wusste, was sich gehörte: Er nahm das Geschenk an und bedankte sich in lateinischer Sprache.
Und dann kam der große Augenblick: Ragusa, das heutige Dubrovnik, lag vor uns! Die Adria und das heutige Weltkulturerbe waren diese Strapazen allemal wert. Hier kamen die Raviolidosen von Mutter zum Einsatz, doch vor deren Genuss hatte Gott den Bunsenbrenner gestellt. Und der explodierte. Vaters Wangenknochen mahlten, Mutter weinte. Also musste Vater wohl oder übel seine Reisekasse plündern und wir aßen zum ersten Mal in unserem Leben jugoslawisch. Es war ein Traum!