Verfälschte Bilder vom Ersten Weltkrieg - DER SPIEGEL
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Erster Weltkrieg: Manipulierte Bilder vom großen Sterben

Foto: Frank Hurley/ National Library of Australia

Erster Weltkrieg in Bildern Retusche auf dem Schlachtfeld

Das große Sterben im Krieg von 1914 bis 1918 wurde so umfassend fotografiert wie kein militärischer Konflikt zuvor - doch viele der dramatischen Bilder sind nicht echt.
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Die neue Kamera der Dresdner Ernemann-Werke hieß "Liliput" und hatte einen großen Vorteil: Sie war so leicht und klein, dass sie mit der Feldpost verschickt und problemlos im Marschgepäck verstaut werden konnte.

Das sächsische Traditionsunternehmen, das 1904 schon eine Tropen-Klappkamera herausgebracht hatte, stellte seine Produktpalette in den Kriegsjahren ganz auf das die Nation umwälzende Ereignis ein. Mit der Ernemann-"Feld-Kamera", auch als Waffenrockkamera bekannt, seien "die besten Erfolge auf allen Kriegsschauplätzen" zu erzielen, versprachen die Werbeannoncen der Firma.

Tatsächlich war es eine Neuerung dieses Krieges, dass die Soldaten massenhaft Kleinbildkameras mit ins Feld nahmen und persönliche Fotos von ihren Kriegserlebnissen schossen. Während die Profis mit wuchtigen Plattenkameras samt Stativ das Geschehen an der Front ins Bild setzten, versuchten sich Zehntausende von Amateuren als private Fotoreporter. Allein die "Vest Pocket Autographic" von Kodak wurde über 1,7 Millionen Mal verkauft.

Doch so sensationell die neue Möglichkeit war, sich die Geschichte ins Fotoalbum zu holen, es waren nicht die Schnappschüsse der Infanteristen und Offiziere, die die kollektive Erinnerung an diesen Krieg prägten. Dafür sorgten berufsmäßige Fotografen wie der Australier Frank Hurley und die militärisch bestallten Kriegsberichterstatter.

Der Autodidakt Hurley, der mit spektakulären Aufnahmen von der Antarktis-Expedition des Polarforschers Ernest Shackleton berühmt geworden war, hatte sich im Rang eines Hauptmanns 1917 der "Australian Imperial Force" als Truppenfotograf angeschlossen. Für seine Bilder von der Westfront ging er hohe Risiken ein. Wegen seiner Waghalsigkeit, wohl auch Abenteuerlust, hieß er bei den Soldaten bald nur noch "der verrückte Fotograf".

Mit seiner Einheit geriet Hurley im Oktober 1917 in Flandern in die Schlacht von Passchendaele, bei der die alliierten Angreifer im Schlamm versanken und extrem hohe Verluste erlitten. Dort schoss er sein wohl berühmtestes Foto des Ersten Weltkriegs: Es zeigt eine verwüstete Landschaft, Soldaten, die sich über ihre gefallenen Kameraden beugen. Die Bestie Krieg hatte zugeschlagen, und Hurley war dabei - doch das Foto zeigt nicht die Wirklichkeit. Denn der Fotograf hatte es in der Dunkelkammer manipuliert: Für größere Dramatik montierte er einen Gewitterhimmel mit durchbrechender Sonne über das Schlachtfeld. Hurley machte das nicht mal heimlich, offen sprach er davon, dass die Fotografie ein Medium sei, das man gestalten müsse, um das bestmögliche, gewünschte Ergebnis zu erzielen. Seine Schummeltechnik bekam sogar einen eigenen Fachbegriff: Komposit-Bilder.

Weil das aber nicht alle so entspannt sahen wie Hurley, entstand schon damals ein Streit darüber, wo die Grenzen der Bildbearbeitung in der Pressefotografie liegen. Der Historiker Charles Bean, Leiter der australischen Kriegsdokumentation und selbst erfahrener Kriegsberichterstatter, ging gegen Hurleys Bilder vor. Doch der ließ seine Beziehungen spielen und zeigte seine Aufnahmen sogar 1918 auf einer Londoner Ausstellung.

Der Kriegsfotograf der damaligen Zeit war eben "keineswegs ein Sendbote der Wahrheit", betont der Wiener Politologe und ausgewiesene Kenner der Fotogeschichte Anton Holzer, er war "der heldenhafte Schatten des Soldaten", eingebunden in die Armee, "embedded" heißt das heute. Viele Kampfszenen wurden für ihn gestellt. Auf allen Seiten sorgten Propagandastellen dafür, dass der Krieg so dargestellt wurde, wie man ihn vermittelt sehen wollte. In Deutschland war es das Bild- und Filmamt (Bufa), auch Österreich und die Alliierten hatten ihre Bildstellen, die kräftig zensierten. In den Zwanziger- und Dreißigerjahren wurde weiter manipuliert, nun bei der Gestaltung der offiziellen Bildbände und Bücher - vor allem in Deutschland und Österreich häufig mit revanchistischer Tendenz. So wurden heroische Aufnahmen ausgewählt, Bilder von zivilen Opfern, Massakern, Deportationen, Hinrichtungen ausgesiebt. "Nicht unabhängige Wissenschaftler", schreibt Holzer, "sondern ehemalige Offiziere und Verantwortliche der Kriegs-Propagandainstitutionen waren in den Kriegsarchiven mit der Geschichtsschreibung des Krieges befasst."

Dieser Text stammt aus SPIEGEL Geschichte. Das Magazin finden Sie hier.