Verklemmtes Deutschland - DER SPIEGEL
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Verklemmtes Deutschland: Die Qual der Sexualmoral

Verklemmtes Deutschland Die Qual der Sexualmoral

Freie Liebe und wilde Ehe: In den siebziger Jahren wurde Moral neu definiert. Davor, als Karl Wilhelm Meier jung war, wurde nicht mal nackt im Schwimmbad geduscht. Und heute fällt ihm auf: Das trauen sich nur noch die Alten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn ich mich richtig erinnere, war in den sechziger Jahren Ehebruch strafbar, es gab einen Kuppelei-Paragraphen im Strafgesetzbuch und Homosexualität war undenkbar. Geheiratet wurde auf Lebenszeit, Sex war etwas Privates und diente der Fortpflanzung. Nacktheit gab es in den FKK-Klubs weit ab der Öffentlichkeit und hinter großen Strohmatten. Natürlich behielt man beim Duschen im Hallenbad Badeanzug oder -hose an. Scham hatte Vorrang vor Sauberkeit. Geschieden wurden Eheleute schuldig oder nicht schuldig. Und wer nicht schuldig war, schuldete der anderen Seite keinen Unterhalt. Aufklärung: im Prinzip Fehlanzeige. Wenn sie überhaupt angesprochen wurde, wurde von Bienen und Blumen erzählt. Bis Ende der Sechziger war die offizielle Moral noch eindeutig. Dann kam die SPD-Bundesfamilienministerin Käthe Strobel mit dem Sexualkundeatlas - ein Skandal! Die Presse trat die Sexwelle los. Moral wurde neu definiert.

1969 wurde der Sexualkundeatlas als Unterrichtsmaterial zur Aufklärung in den deutschen Schulen eingeführt. Genutzt wurde er allerdings nicht überall: Selbst im fortschrittlichen Bremen, in der Klasse meiner Geschwister, tauchte der Atlas nie auf. Aber es kamen andere Lockerungsübungen. Wenn sich schon die Familienministerin um die Aufklärung kümmerte, dann konnte es ja nicht falsch sein, wenn es die Filmindustrie auch tat. So entstand die Serie "Schulmädchen-Report" in zwölf Teilen.

Dass Sex auch Spaß machen kann, blieb unerwähnt

Es ging um Schulmädchen, die sich verliebten, die beim Masturbieren von ihren Eltern überrascht wurden oder die ihren Lehrer zum Objekt ihrer Begierde machten - alles alltägliche Geschichten. Zwischen diesen Storys hörte man die Stimme des Therapeuten, der einordnete, ob das Erzählte schlimm war oder nicht. Dass Sex auch Spaß machen konnte, blieb unerwähnt. Und die Herren der Schöpfung führten anfänglich alle Sexualakte mit angezogener Hose durch.

Ich wollte damals natürlich auch so einen Film sehen! Aber die waren ab 18, und ich war erst 17. Es war eine mutige Tat, sich trotzdem eine Karte zu kaufen und ins Kino zu schummeln. Die Filme allerdings waren mir zu technisch, auch wenn einige der Darsteller nett anzusehen waren.

Mein Vater las damals die Zeitschrift "Quick", die regelmäßig über Menschen berichtete, die sich gegen die bestehende Moral vergangen hatten. Es gab auch Bilder von leicht bekleideten oder barbusigen Frauen. Später ist mein Vater dann auf den "Stern" umgeschwenkt. Da gab es erheblich mehr fürs Auge der Herren. Noch später, 1978, klagten Inge Meysel und Alice Schwarzer wegen der freizügigen Fotos gegen den Stern. Sie verloren. Mir gefiel es nicht, was die Frauen da machten. Doch irgendwie verstand ich, dass in der Zeitschrift Frauen zu Objekten gemacht worden waren.

Porno in der Kaserne

Objekte der Begierde gab es auch auf dem Straßenstrich in Bremen. Manchmal fuhr ich mit älteren Kollegen, die ein Auto hatten, durch den Straßenstrich, um zu gucken. Woher wir alle wussten, was da in den Autos passierte, ohne es selber mitgemacht zu haben, ist mir heute ein Rätsel. Im Zwischenmenschlichen allerdings liefen noch einige Dinge wie bisher. Wenn eine Frau schwanger war, dann heiratete sie den Erzeuger ihres Kindes, egal, wie sie zu ihm stand. Das Kind und die Frau mussten schließlich versorgt werden.

Ich ging zur Bundeswehr. Dort drehte sich verbal alles um Alkohol und Frauen, in dieser Reihenfolge. Tatsächlich aber beschränkten sich die meisten Soldaten auf einen der beiden Punkte, um damit den Wehrsold baldigst aufzubrauchen. Eines Tages lieh sich unser Waffenmeister auf der Reeperbahn einen echten Pornofilm aus, einschließlich Projektor. Den führte er auf seiner Stube vor, Kosten 5 D-Mark pro Person. Natürlich war ich dabei. Die Milchglasscheibe des Privatkinos wurde mit einem Bettlaken verhängt.

Wilde Ehe mit der "Bekannten"

Nach der Bundeswehr arbeitete ich bei einer Firma für Kaffeefahrten. Das Personal war ein buntes Völkchen, es herrschte eine für damalige Verhältnisse unverhältnismäßig große Toleranz. Unter den Angestellten gab es gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, das war kein Problem. Dabei war so etwas damals gesellschaftlich immer noch geächtet. Eines Tages erschienen Bilder von der Ehefrau eines Kollegen in der Zeitschrift "St. Pauli Nachrichten", die über Sex berichtete. Sie war splitternackt. Das war skandalös! Wir sahen sie uns natürlich trotzdem genau an.

Anfang der siebziger Jahre hatte sich bereits viel verändert. Heiraten schien mir nun absolut out zu sein. Man lebte ohne Trauschein zusammen, auch wenn man heterosexuell war. Aber den Partner als "meine Frau" oder "mein Mann" zu bezeichnen, wagte man nicht, das verbaten die überkommenen Vorstellungen von Ehe und Familie. Man sprach von seiner oder seinem "Bekannten". Auch das Wort "Freundschaft" kam im Regelfall den Leuten in meinem Altern nicht über die Lippen. Irgend etwas passte da nicht mehr zusammen.

Unverheiratet, schwanger, emanzipiert

1976 fing ich an zu studieren. Sieben Jahre älter war ich als die Kommilitonen. Bei den Jüngeren war vieles anders, als es bei mir in dem Alter gewesen war. Kommilitoninnen blieben weg, weil sie ein Kind erwarteten. Und über dessen Erzeuger wurde kein Wort mehr verloren. Nicht alle Frauen warteten mehr, dass der Mann den ersten Schritt machte. Im Hallenbad duschte man natürlich nackt und zusammen.

Heute scheint sich der Trend wieder umzukehren. Im Hallenbad oder im Fitnesscenter fällt mir auf: Dort sind es die Alten, die ohne was unter die Dusche steigen. Die Jungen behalten wie vor 40 Jahren die Badehose an.