Irre vor Gericht: Mit Promi verwechselt? Kaffee zu heiß? Klagen!
Verrückte Prozesse Die kleinen Klagegeister
Es ist Juli 2006, als Allen Ray Heckard genug hat. Er will nichts mehr richtigstellen, er hat keine Lust mehr auf die andauernden Verwechslungen. Heckard, 51, Flughafenarbeiter aus Portland, Oregon, will Gerechtigkeit. Ob im Kino, beim Einkaufen, beim Sport - immer wieder sei er von wildfremden Menschen für den berühmten Basketballer Michael Jordan gehalten worden. Das habe wehgetan.
Er ist neun Zentimeter kleiner, elf Kilo leichter und acht Jahre älter als Jordan. Aber er hat einen kahlgeschorenen Kopf und einen Brilli im linken Ohr - und irgendwie scheint das zu reichen, um ihn mit Jordan zu verwechseln. Damit sollte nun Schluss sein. Heckard geht zu einem Anwalt, bezahlt 206 Dollar Gebühr und zieht vor Gericht. Er will eine Entschädigung für die Seelenqualen, die ihm der falsche Ruhm gebracht habe. Heckard denkt an 832 Millionen Dollar.
Für Ray Heckard ist das der angemessene Preis für sein Leid. Ihm sei das "Recht auf ein normales Leben verwehrt", argumentiert er. 416 Millionen fordert er von Jordan, die andere Hälfte von Phil Knight, dem Gründer von Nike und Sponsor des Basketballstars. "Verstehen Sie mich nicht falsch", sagt Heckard einem lokalen Fernsehsender, "es ist ja eigentlich positiv. Michael ist einer der besten Basketballer der Geschichte. Aber er ist eben Mike und ich bin ich."
"Gierige Opportunisten und das Gesetz, das Amok läuft"
832 Millionen für ständige Verwechslungen mit einem Superstar? Was für eine irre Klage. Aber was ist schon irre in einem Land wie den USA, in dem derlei Prozesse die Normalität sind? Wo Angehörige einer Mutter ein Krankenhaus verklagen dürfen, nur weil sie sich vom Anblick der Ärzte, die die Frau Mama auf die Intensivstation schieben, seelisch gepeinigt fühlten. Wo der Verlust von einer Hose 65 Millionen Dollar wert sein soll.
Irre vor Gericht: Mit Promi verwechselt? Kaffee zu heiß? Klagen!
"Unsere Rechtsprechung wird gelähmt von Menschen, die ihre verrückten Klagen über den Gerichten auskippen und den schnellen Reibach suchen", sagt Randy Cassingham. Er ist Journalist, Humorist, Blogger, Verleger - und Autor eines Buches, das den klagewütigen USA 2005 den Spiegel vorgehalten hat. "The True Stella Awards" heißt das Buch, wie der Preis, den Cassingham seit 2002 jährlich online verliehen hatte - für die wahnwitzigsten Klagen.
"Gierige Opportunisten, unseriöse Klagen und das Gesetz, das Amok läuft" heißt der Untertitel des Buches. Und tatsächlich kann man den alltäglichen Wahnsinn an US-Gerichten kaum besser beschreiben. Eine Frau sucht im Telefonbuch nach einem Arzt, der ihr Fett absaugt. Doch der Arzt ist kein Spezialist, es kommt zu Komplikationen und die Frau klagt - gegen die Telefonbuchfirma. Sie will mehr als eine Million Dollar. Eine andere Frau baut einen Unfall. Sie zerrt Mazda vor Gericht, schließlich habe ihr der Autobauer nicht erklärt, wie man Anschnallgurte richtig bedient. 50.000 Dollar will sie als Entschädigung.
Prozess gegen McDonald's
Aber was treibt diese Menschen an? Und warum in Amerika? "Es scheint hier so eine Art Immer-sind-die-anderen-schuld-Mentalität zu geben", sagt Cassingham. Und es sei wohl kein Zufall, dass in den USA so viele Anwälte zugelassen sind wie im Rest der Welt zusammen.
Nachdem sich die 79-jährige Stella Liebeck im Februar 1992 mit heißem McDonald's-Kaffee Verbrennungen dritten Grades zugezogen hatte, acht Tage im Krankenhaus verbrachte und eine Hauttransplantation durchführen lassen musste, zog sie mit ihren Anwälten gegen den Burgerbrater in den Krieg. Der Prozess ging in die Geschichte ein, denn er brachte der alten Dame mit 500.000 Dollar nicht nur weit mehr als die ärztlichen Behandlungskosten ein, sondern öffnete ihren Landsleuten auch die Augen über die Einträglichkeit von Schmerzensgeld- und Schadensersatzklagen.
Nachdem Liebeck ihren Prozess 1994 gewonnen hatte, entwickelte sich im Internet ein regelrechter Hype um verrückte Klagen. Eine E-Mail mit dem Betreff "Stella Awards" machte die Runde, in dem über groteske Verfahren berichtet wurde. So habe eine gewisse Amber Carson 113.500 Dollar von einem Restaurant erstritten, weil sie auf einer Softdrinkpfütze ausgerutscht war und sich das Steißbein gebrochen hatte. Abgeblich hatte Amber Carson den Softdrink kurz zuvor im Streit auf ihren Freund geworfen.
Zu irre, um wahr zu sein
Fälle wie der von Carson klangen eigentlich zu irre, um wahr zu sein - und tatsächlich entpuppten sich die "Stella Awards" als Fake. Es waren ausgedachte Klagen. "Dabei war es total unnötig, sich diese Fälle aus den Fingern zu saugen", sagt Randy Cassingham. Die Realität bot genug Stoff, um zu belegen, dass etwas mit dem amerikanischen Rechtssystem nicht stimmte. Deshalb nannte Cassingham seinen Preis auch "The Real Stella Awards".
The True Stella Awards: Honoring Real Cases of Greedy Opportunists, Frivolous Lawsuits, and the Law Run Amok
Cassingham, RandyBis 2007 zeichnete er jedes Jahr die verrücktesten Prozesshanseln aus, zuletzt Roy Pearson. Der Anwalt hatte eine Reinigung wegen eine verlorenen Hose auf 65 Millionen Dollar verklagt - natürlich wegen seelischer Qualen. Pearson ließ auch nicht locker, als die Hose wieder auftauchte. Er bestritt einfach, dass es seine war. Und ein Jahr zuvor gewann Allen Ray Heckard den Preis, der Doppelgänger von Michael Jordan. Dessen Traum von 832 Millionen zerstob jedoch relativ schnell, er ließ die Klage fallen. Über das Warum schwieg sich der Mann aus. Nike-Anwälte äußerten allerdings die Vermutung, Heckard habe gerade noch rechtzeitig eingesehen, dass er sich den Prozess einfach nicht leisten konnte.
Oder wie hatte es ein Anwalt aus Heckards Heimatstadt doch ausgedrückt: "Jeder hat das Recht auf einen Tag vor Gericht. Heckards Tag wird sehr kurz sein."
In einer früheren Version des Textes hieß es, Roy Pearson habe wegen zweier verlegter Hosen geklagt. Es war aber nur eine. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.