Von den Sowjets eingeholt: "Hiiitlärrrr kaputt"
Von den Sowjets eingeholt "Hiiitlärrrr kaputt"
Am 10. März 1945 gelangten meine Mutter, mein Bruder und ich nach großen Strapazen in den äußersten Zipfel Hinterpommerns. Bereits seit vier Wochen waren wir auf der Flucht vor der näherrückenden Roten Armee. Feiner Regen drang durch unsere Kleider und auch durch die über den Wagen gespannte Zeltplane. Trostlos wie das Wetter war auch die Lage. Gerüchte gingen um, dass die Sowjets nur noch wenige Kilometer von uns entfernt waren. Wir aber kamen nicht voran, weil die Straße wieder einmal restlos verstopft war.
Die Schüsse der Artillerie oder der Panzerkanonen waren beängstigend laut. Es war Mittag, als etwa 15 deutsche Soldaten dem Treck entgegenkamen. Es hieß, sie wollten die Russen aufhalten. Die Soldaten waren mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet. Kurze Zeit später kamen die deutschen Soldaten zurück. Es hieß, die Sowjets seien nicht mehr zu stoppen. Wir schauten voll Sorge in die Zukunft.
Plötzlich sausten Geschosse über uns hinweg. Kurz darauf schrie jemand laut auf. Ein Soldat warf die Arme hoch und taumelte. Zivilisten sprangen herbei und griffen ihm unter die Arme, um ihn zu stützen. Er schrie laut und unmenschlich, war ganz bleich und krümmte sich. Ein Bauchschuss hatte ihn schwer verwundet. Kurz darauf hasteten Gestalten an uns vorbei. Sie feuerten ununterbrochen mit Maschinenpistolen und Gewehren und riefen laut: "Stoi, stoi" Sie hatten uns eingeholt. Die ganze Flucht, alle Strapazen und Entbehrungen waren umsonst gewesen. Was würde uns erwarten?
"Nix Angst haben, nix schlimm!"
Die Flüchtlinge wurden in umliegende Häuser gejagt. Die Soldaten schoben die Wagen von der Straße und kippten viele einfach um. Anschließend begannen sie zu plündern. Eingepfercht zwischen vielen Menschen, die wir nicht kannten, warteten wir in einem Zimmer. Es folgten Schrecken ohne Ende. Anfangs waren noch keine Sowjets im Haus. Die Augen aller starrten zur Tür. Am Fenster huschten geduckt Gestalten vorbei. Gleich darauf wurde die Tür aufgestoßen und Soldaten drangen in den Raum ein. Nachdem sie sich vorsichtig vergewissert hatten, dass keine deutschen Soldaten anwesend waren, ging ihr Gebrüll nach Uhren und Schmuck los. Niemand wagte ein Wort zu sagen, aus Furcht, sofort erschossen zu werden. Alles - Uhren, Trauringe, Ketten und Armreifen - wechselte den Besitzer. Später konnte man Soldaten sehen, die zwei bis drei Ringe an Fingern und ebenso viele Uhren am Arm hatten.
Nachdem die ersten Soldaten, die sich als wüste Plünderer aufgeführt hatten, verschwunden waren, kamen zwei junge Sowjets herein. Sie schwenkten wild ihre Maschinenpistolen. In der Mitte des Zimmers sahen sie sich prüfend um. Ihre Aufmerksamkeit galt nur einem älteren Herrn. Ihn forderten sie auf, mit nach draußen zu kommen. Wir starrten ihnen nach, und niemand wagte ein Wort zu sagen. Bald darauf kam ein betrunkener Offizier hereingetorkelt. Nachdem er "Gib Uhr" gebrüllt hatte, ließ er sich auf einem Stuhl nieder. Er verlor das Gleichgewicht und rutschte auf den Fußboden.
Er sprach von Krieg und "Hiiitlärrrr kaputt". "Nix Angst haben", lallte er, als wieder Soldaten zur Tür hereinkamen. Sie stießen den älteren Herrn ins Zimmer zurück und traktierten ihn mit Fußtritten. Er sah schlimm aus. Sein Gesicht war voller Blut und geschwollen, von Schmerzen verzerrt. "Nix schlimm", höhnte der russische Offizier, als einige Frauen den misshandelten Mann wuschen und so gut es ging verbanden. Es geschah notdürftig mit Taschentüchern. Der alte Mann stöhnte vor sich hin. Bald schon kamen seine Peiniger wieder. Wieder schlug man auf ihn ein. Der Mann fiel auf die Kante eines eisernen Ofens. Alle schrien, doch die beiden Soldaten zerrten ihr Opfern nach draußen. Nach dieser brutalen Szene verharrten alle stumm und wie gebannt.
Pulsadern aufgeschnitten
Als der Mann wieder ins Zimmer torkelte, war sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zerschunden. Bald darauf erlöste ihn eine Ohnmacht von den furchtbaren Schmerzen. Nach einer ganzen Weile kam er wieder zu sich. Er war verwirrt, er erkannte seine Frau nicht mehr und redete wirr. Alle waren erschüttert. Plötzlich schrie jemand schrill auf, Blut spritzte. Die Ehefrau des misshandelten Mannes hatte sich, völlig verzweifelt, die Pulsadern aufgeschnitten. Sie wurde verbunden und konnte gerettet werden. Wenig später holte man den Mann wieder fort, und er wurde nie wieder gesehen. Der Mann war Besitzer eines Rittergutes in Pommern gewesen.
Die Zukunft war trostlos. Wir waren völlig rechtlos geworden. Zurückzukehren in die ermländische Stadt Mehlsack, aus dem wir gekommen waren, schien uns aussichtslos, denn unsere Pferde hatten uns die Sowjets weggenommen. Deshalb schlossen wir uns zwei Familien an, die nach Eichenfelde wollten, einem Gut in Pommern im Kreis Stolp. Bevor wir weiter konnten, brauchten wir ein Pferd. Wir fingen uns einen herrenlos herumlaufenden Gaul. Später stellte sich heraus, dass er blind war. Da die Sowjets von unserem Fuhrwerk alles heruntergerissen hatten, suchten wir unsere verbliebenen Habseligkeiten zusammen.
Auf unsere Fahrt wurde immer wieder geplündert. In Eichenfelde angekommen zogen wir in eine Kate und richteten so gut es ging eine Wohnung her. Die Plünderungen rissen nicht ab, von unseren Sachen blieb uns immer weniger.
Fremd auch in der Kirche
Zu Ostern holten die Sowjets meine Mutter zum Arbeitseinsatz. Wir fürchteten, sie nie wiederzusehen. Aber nach drei Tagen war sie wieder bei uns und wir waren sehr glücklich. Zu hungern brauchen wir in Eichenfelde nicht. Wir fanden ausreichend Kartoffeln in Mieten. Salz war allerdings knapp. Irgendwo hatten wir Viehsalz gefunden, aber es reichte nicht lange. Vor Langeweile spielten wir Schule. Aber systematisch haben wir nichts gelernt. Ich habe viel gezeichnet und gemalt. Im Sommer versuchte ich, Farben aus Blattgrün und Blumen herzustellen, allerdings mit unbefriedigendem Ergebnis.
Im Spätsommer zogen wir nach Kose, ein Dorf in der Nähe. Unsere Wohnung richteten wir in einer leerstehenden Kate ein. Auch hier erwartete uns wieder ein entbehrungsreiches Leben. Kein Strom und also kein elektrisches Licht. Wasser mussten wir von der entfernten Dorfpumpe holen, zum Wäschewaschen diente Holzasche, Lebensmittel wurden knapp, Geld war kaum vorhanden. Meine Mutter arbeitete manchmal bei polnischen Bauern, die die Höfe der Deutschen übernommen hatten. Als Lohn gab es Naturalien, selten einige Zlotys. Ich hütete bei einem polnischen Bauern Kühe. Eines Tages liefen sie mir bei Gewitter weg.
Sonntags gingen wir nach Kosemühl in die katholische Kirche. Der deutsche Priester durfte nicht auf Deutsch predigen, und natürlich wurden auch keine deutschen Lieder gesungen. Wir waren fremd auch in der Kirche. Wir aßen, was die Natur bereithielt. Wenn es uns schlecht ging, haben wir im Dorf gebettelt. Inzwischen waren immer mehr Polen nach Kose gekommen. Wenn sie betrunken waren, musste man sich vor ihnen vorsehen. Einmal, als es hieß, bis zur Oder bleibe alles polnisch, wollten wir es nicht glauben.
Nach Aufzeichnungen des damals 16-jährigen Autors aus dem Jahre 1948.