Walter Ulbricht privat - DER SPIEGEL
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Walter Ulbricht privat: Diktator im Nachthemd

Foto: Ernst Dr. Woll/Redaktion einestages

Walter Ulbricht privat Diktator im Nachthemd

Auch mächtige Männer haben menschliche Seiten: Als DDR-Staatschef Walter Ulbricht 1965 für wenige Tage in Erfurt Quartier bezog, bekam Ernst Woll einen prominenten Nachbarn. Die Familie behielt den spitzbärtigen Mann im Visier - bis sie ihn in einem intimen Moment erwischte.
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Herrscher werden besungen und geehrt. Offene Kritik dagegen kann ihre Untertanen Kopf und Kragen kosten. Für die Partei und Staatsführung der DDR galt Ähnliches. Wer zufällig das wenig schmückende Allzumenschliche der Regenten zu Gesicht bekam, tat gut daran, den Mund zu halten, es hätte die wohl kalkulierte Inszenierung seiner Machtfülle in Frage stellen können. Das skurrile Erlebnis, das meine Familie 1965 mit dem Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht hatte, wurde deswegen gut unter Verschluss gehalten und nur im engsten Familienkreis und unter vorgehaltener Hand weitererzählt. Es tat zu gut, sich über die Mächtigen lustig zu machen, als dass man es mit der Vorsicht allzu genau genommen hätte.

Gegenüber von unserem Haus in Erfurt befand sich in einer sehr hübschen Villa ein sogenannter Club der Volkssolidarität. Dabei handelte es sich um das Veranstaltungszentrum eines in der DDR aktiven Sozialverbands. Eine engagierte Leiterin organisierte dort kulturelle und sportliche Veranstaltungen für Senioren. Außerdem nahmen viele ältere Menschen den preiswerten Mittagstisch und Freizeitangebote in Anspruch. Eines Tages im Oktober 1965 sahen wir, dass man die Senioren von der Haustür abwies. Stattdessen wurden neue Möbel in die Villa getragen und die Außenanlagen sowie die Fassade renoviert.

Durch Flüsterpropaganda erfuhren wir bald, dass der berüchtigte Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht während des großen Truppenmanövers "Oktobersturm" in dem Clubhaus Generäle und Staatsgäste aus der DDR, Polen, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion empfangen wollte und dort übernachten würde. Das große Militärereignis, das vom 16. bis zum 22. Oktober 1965 im Südwesten der DDR stattfinden sollte, war öffentlich angekündigt worden. Bald also sollten wir die Mächtigsten der Mächtigen als Nachbarn haben.

Verlockender Beobachtungsposten

Das mehrtägige Manöver hatte bereits seit ein paar Tagen begonnen, als ich eines Vormittags bei meiner Heimkehr mit dem Pkw an einer Polizeisperre halten musste. Meine Ausweispapiere wurden eingehend kontrolliert. Anschließend bedeutete man mir, dass ich berechtigt sei, zu passieren und in meine Garage zu fahren. Wenig später wurde unsere Straße für den Durchgangsverkehr komplett gesperrt. Zwei auffällig unauffällige Männer postierten sich vor unserem Hauseingang. Wir ahnten, dass sich der hochrangige Walter Ulbricht ankündigte. Am Nachmittag versammelten sich die Anwohner auf der Straße vor unserem Haus. Schließlich gesellten auch wir uns dazu.

Es wurde bereits dunkel, als wir die Lichter eines herankommenden Autos sahen. Die Kinder riefen: "Jetzt kommt Walter Ulbricht! Jetzt kommt er!" Aber Fehlanzeige. Einem Bewohner unseres Hauses war lediglich gestattet worden, mit seinem Wagen in die Garage zu fahren. Aber nach einiger Zeit fuhr dann doch eine Staatskarosse vor. Die Insassen stiegen aus und verschwanden so schnell im Haus, dass wir sie nicht erkennen konnten. Einige meinten, Ulbricht an seinem unverwechselbaren Spitzbart erkannt zu haben. Weitere Limousinen mit Militär-, Partei- und Staatsfunktionären rollten an, stiegen aus und gingen ins Haus.

Unsere Kinder hatten unter den ins Clubhaus eilenden Personen besonders einen sehr dicken sowjetischen General bestaunt, der auf der gesamten Brust bis zur Mitte des Bauches unheimlich viele Orden trug. Darüber machten sie sich heimlich lustig. Als das Schauspiel zu Ende war, verließen alle nach und nach den Schauplatz und gingen zurück in ihre Häuser.

Von unserem Wohnzimmer aus hatten wir gute Sicht zum Clubhaus. Wir schalteten das Licht aus, um von draußen nicht gesehen zu werden. Wir sahen, wie Ulbricht im Garten seines Quartiers spazieren ging. In geringem Abstand folgten ihm zwei Leibwächter. Meine Familie stimmte mir zu, dass es nicht erstrebenswert sei, so zu leben. Ich wurde etwas unruhig und befürchtete, dass die Bewachungskräfte uns trotz der Dunkelheit ausmachen könnten. Aber meine Kinder, meine Frau und meine Mutter wollten ihren Beobachtungsposten nicht verlassen. Es war einfach zu verlockend.

"Walter Ulbricht, komm mal raus!"

Die Kinder protestierten lautstark, als sie ins Bett sollten, und als endlich wieder Ruhe war, observierten wir Erwachsenen das Haus alleine weiter. Gegen 23 Uhr geschah das Unerwartete: In den Zimmern der ersten Etage des Hauses ging das Licht an. Die Vorhänge waren nicht zugezogen. Man konnte ins Schlafzimmer sehen, in dem sich der Staatsratsvorsitzende für seine Nachtruhe fertig machte.

Meine Frau und meine Mutter waren der Ansicht, das Nachthemd, in dem Walter Ulbricht zu Bett gegangen sei, habe altmodisch ausgesehen. Was für ein Ereignis! Wir hätten es festhalten wollen, aber trauten uns nicht, das Ereignis zu fotografieren. Nach 15 Minuten erlosch das Licht im gegenüberliegenden Haus wieder. Unsere Aufregung legte sich und die Beobachtungsposten wurden verlassen. In der Folge wurden die Vorhänge zugezogen.

Am nächsten Tag gegen neun Uhr kam eine Gruppe Kinder aus dem Kindergarten der Nachbarschaft ans Gartentor der Villa. Sie riefen im Chor: "Walter Ulbricht, komm mal raus!" Er kam tatsächlich und sagte in seiner typischen näselnden Stimme etwas, was wir nicht verstanden. Wir sahen aber, dass die Kinder Bonbons von ihm bekamen.

Der dreitägige Aufenthalt des bekanntesten und äußerst umstrittenen Mannes der DDR hatte für uns übrigens eine wertvolle Vergünstigung zur Folge: Unser Fernseher war kaputt gegangen. Wir mussten nicht, wie sonst damals üblich, viele Tage auf den Monteur warten. Der Techniker gab zu, erfahren zu haben, dass von unseren Fenstern aus Interessantes zu beobachten sei. Während der Reparaturarbeiten, die er absichtlich in die Länge zog, postierte er sich am Fenster, um im gegenüberliegenden Haus und Garten alles beobachten zu können. Die zusätzliche Zeit, die er bei uns zubrachte, stellte er uns nicht in Rechnung. Ich kann mich nicht erinnern, ob er Aufregendes zu Gesicht bekam. Wahrscheinlich war ihm allein die Möglichkeit Unterhaltung genug.