Weimar im Bombenkrieg: Tagebuch der Zerstörung
Weimar im Bombenkrieg Tagebuch der Zerstörung
Der 9. Februar 1945 war ein kalter Wintertag. Still lag Weimar da - bis die U.S. Air Force die Innenstadt innerhalb von wenigen Minuten in Schutt und Asche legte. 462 Menschen kamen dabei ums Leben. Es war der schwerste Luftangriff, den Weimar bis dahin erlebt hatte. Im sechsten Kriegsjahr erreichte der von Deutschland entfesselte totale Krieg nun auch die lange weitgehend verschont gebliebene Klassikerstadt.
Mein Großvater, der Weimarer Schriftsteller Fritz Kühnlenz, führte seit 1940 Tagebuch und hielt auch dieses Ereignis fest. "Am 9. Februar 1945 mittags 12.26 Uhr wurde Weimar von nordamerikanischen Bombern angegriffen. In drei Wellen flogen die Flugzeuge über die Stadt und warfen 1400 Bomben, meist Sprengbomben. Sie trafen alle Stadtteile, am schwersten die Innenstadt. Der Markt, das Theater, Goethe- und Schillerhaus, Post, Herderkirche und zahllose andere Bauten wurden zerstört. Die Stadt sieht wüst aus, viele Straßen sind nur noch Schutt und Trümmer."
Obwohl meine Großeltern keinen Schutz gesucht hatten, überlebten sie und ihre Tochter den Angriff unbeschadet. Noch einmal wollte mein Großvater das Risiko aber nicht eingehen und machte sich auf die Suche nach einem Ausweichquartier. In seinem Tagebuch notierte er: "Nach dem schweren Fliegerangriff, bei dem so viele Menschen unter ihren Häusern begraben worden sind, flieht ein großer Teil der Weimarer Bevölkerung bei jedem Fliegeralarm ins Freie. Auch wir machen uns, wenn die Sirene heult, mit dem nötigsten Luftschutzgepäck versehen, auf den Weg ins Freie." Schutz fand meine Familie in ihrem "Lager" in der Kirschplantage. Wo es sich befand, skizzierte Großvater in seinem Tagebuch.
Protokoll der Fliegerangriffe
Tatsächlich war der 9. Februar nur der Auftakt einer Serie von Angriffen, die bis in den April auf Weimar geflogen wurden. Mein Großvater protokollierte jedes einzelne Bombardement in seinem Tagebuch und schilderte zugleich das Ausmaß der Zerstörung. "Am 23. Februar 1945 wurden bei einem Angriff auf Thüringen auch über Weimar wieder Bomben geworfen. Sie trafen die Bahnlinie nach Jena, den östlichen Stadtteil und den Park und richteten wieder erhebliche Verwüstungen an", schrieb er über den zweiten Fliegerangriff.
Am 27. Februar fielen laut Tagebucheintrag Spreng- und Brandbomben auf den Norden der Stadt, die vor allem in der Sophienstraße schweren Schaden anrichteten. Gleichzeitig griffen Tiefflieger den Flugplatz Nohra an und schossen dort Flugzeuge in Brand. Am 10. März notierte er, dass britische Kampfflugzeuge erneut die Innenstadt ins Visier genommen und dort zwei Minen abgeworfen hatten. Häuser in der Böttger- und Wagnerstraße wurden dabei zerstört.
Fünf Tage später attackierten britische Schnellbomber den Osten und Süden Weimars. "Es entstanden Schäden in der Jenaerstraße, Webicht und Silberblick", notierte mein Großvater. Am 17. März ließen amerikanische Kampfflugzeuge nochmals Bomben über Weimar fallen, die "vor allem in der Harthstraße, am Schlachthof und im Webicht bei Tiefurt Schaden anrichteten."
Brandgefährliche Ostereier
Die Amerikaner waren Ende März so weit an Thüringen herangerückt, dass neben den Luftangriffen auch verstärkt Tiefflieger eingesetzt wurden. Das Luftschutzlager in der Kirschbaumplantage war dafür denkbar ungeeignet. Also musste mein Großvater für seine Familie einen neuen Schutzraum suchen und wurde bald fündig: Im nahe ihrer Wohnung gelegenen Hasenwäldchen stieß er auf einen Bunker. Zum Glück, wie sich zeigen sollte.
"Am Ostersonnabend beschenkte uns die amerikanische Luftwaffe mit Ostereiern besonderer Art. Gegen 10 Uhr vormittags griffen amerikanische Bomber in drei Wellen die Stadt Weimar an und warfen große Mengen Spreng- und Brandbomben. Getroffen wurden vor allem der Norden, der Osten und die Mitte der Stadt. Der Angriff erfolgte, nachdem kurz vorher Jena und Erfurt heimgesucht worden waren. Wir erlebten ihn in unserem Bunker im Hasenwäldchen, wo wir verhältnismäßig wenig hörten. Erst als wir herauskamen, sahen wir die Brände in der Stadt und entdeckten zu unserem Schrecken einen großen Bombentrichter ganz in unserer Nähe auf freiem Feld."
Dieser Angriff hatte die gleiche Wucht wie der vom 9. Februar. Es sollte der letzte sein. Einige Tage später marschierten die Amerikaner kampflos in die Stadt ein.
Beeindruckende Fotoserie
Mein Großvater wollte die Schäden unbedingt für die Nachwelt dokumentieren. Im Frühjahr 1946 begann er, endlich aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, die zerstörte Weimarer Innenstadt zu fotografieren. Einige Trümmer waren bereits abgeräumt, und im verwüsteten Ilmpark grünte die Natur schon wieder. Trotzdem waren die Spuren noch allgegenwärtig. Es entstand eine beeindruckende Fotoserie über das zerbombte Weimar.
In der Stadt kursiert hartnäckig das Gerücht, dass Weimar gezielt zerstört worden sei. Recherchen des Vereins "Flugplatz Nohra" widerlegen diese These. Der Angriff vom 9. Februar 1945 galt allein den Rüstungsbetrieben der Stadt. Die U.S. Air Force nutzte sogar trotz relativ guter Sicht Radargeräte, um die Ziele zu finden. Das Bodenradar galt damals als grundsätzlich zuverlässig. Trotzdem kam es immer wieder vor, dass die Bomben mehrere Kilometer vom Ziel entfernt einschlugen. In Weimar war das auch der Fall. Statt der Rüstungsbetriebe bekam die Innenstadt die Bombenladung ab.
Bei den Nachforschungen ergaben sich allerdings noch weitere Details. Das britische Bomber Command hatte im Januar 1945 eine Liste mit neuen Zielen in Deutschland erarbeiten lassen. Diese waren meist kleinere und mittlere Städte teilweise auch ohne militärische oder wirtschaftliche Ziele. Es ging vor allem darum, Deutschland schneller zur Kapitulation zu bringen. Auch Weimar ist auf dieser "Area Bombing"-Liste zu finden. Dass die US-Truppen schon am 12. April 1945 in Weimar einmarschierten, hat der Bevölkerung möglicherweise ein Schicksal wie in Dresden, Würzburg oder Nordhausen erspart.
Großvaters Tagebücher werden heute als Familienschatz gehütet. Sie umfassen sechs Bände und beinhalten die Jahre 1940 bis 1953.