Wellness für Kinder - DER SPIEGEL
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Wellness für Kinder: Zwangserholung am Ammersee

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Wellness für Kinder Zwangserholung am Ammersee

Frische Seeluft, gesundes Essen, furchteinflößende Betreuerinnen: Cordelia Rogge wurde als Kind für vier Wochen zur Erholung an den Ammersee geschickt - und fand einen ganz eigenen Weg, ihre Eltern von der Sinnlosigkeit dieser Reise zu überzeugen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf dem Rücken habe ich einen viel zu großen hässlich-grünen Rucksack. Mit meinen Eltern und vielen anderen Kindern und ihren Eltern stehe ich im Sommer 1950 auf dem Bahnsteig am Frankfurter Hauptbahnhof. Ich soll mich in Bischofsried am Ammersee erholen.

In zehn Minuten fährt der Zug. Die Kinder steigen ein, nehmen Abschied von ihren Eltern. Betreuer kümmern sich um sie. Ich will nicht weg. Ich habe schon jetzt Heimweh.

"Du musst einsteigen", sagt meine Mutter. "Ich will nicht weg", schluchze ich. "Du wirst sehen, es gefällt dir bestimmt gut, wenn du erst dort bist. Die frische Luft und das gute Essen werden dir gut tun." Ich kann einfach nicht verstehen, warum ich mich erholen soll. Mir geht es gut, ich bin gesund und für meine Begriffe viel zu fett.

Ich weine. Ich will nicht weg. Aber bestimmt sind sie froh, dass sie mich für eine Weile los sind.

Jetzt drängt Vater: "Steig ein, sonst fährt der Zug ohne dich, alte Heulsuse."

Ich bin beleidigt, steige ein und würdige beide keines Blickes mehr. Ich winke auch nicht mehr aus dem Fenster. Irgendjemand sagt, ich solle mich setzen. Ich setze mich und bleibe sitzen, bis wir nach etwa vier Stunden aussteigen sollen.

Ich kämpfe mit den Tränen, bin traurig und sauer auf meine Eltern. Warum muss ich mich erholen? Alle sagen, ich sehe gesund aus. Scheinbar wollen sie, dass ich schrecklich fett werde. Ich nehme mir fest vor, die ganzen vier Wochen in dieser Erholung nichts zu essen und krank zu werden, damit sie ein schlechtes Gewissen bekommen und mich nie mehr zur Erholung schicken. Die werden schon sehen, was sie davon haben, denke ich traurig und wütend.

Irgendwann steigen wir aus und werden mit dem Bus ins Kinderheim gefahren.

Das Heim ist blöd und hat riesengroße Schlafsäle. Riesige, Furcht einflößende Tanten kümmern sich um uns und versuchen, mich aufzumuntern.

Wie das Schicksal es will, werde ich tatsächlich krank, habe eine eitrige Angina und hohes Fieber. Fast 14 Tage liege ich zur Erholung im Bett und nehme etliche Pfund ab. Ich habe erreicht, was ich wollte.

Endlich sind die vier Wochen um. Ich darf nach Hause.

Meine Eltern erschrecken, als sie mich am Bahnhof abholen. Das gönne ich ihnen. Und - obwohl ich mir vorgenommen habe, es nicht zu tun, falle ich ihnen überglücklich in die Arme. Danach musste nie mehr zur Erholung wegfahren.