Weltkriegsende in Berlin - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Weltkriegsende in Berlin: Tag eins nach Stunde null

Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Georgij Petrussow

Weltkriegsende in Berlin Tag eins nach Stunde null

Trümmer, Leichen und Verwüstung: Als sich Peter Hannemann am 9. Mai 1945 mit einer kleinen Gruppe nach Wochen im Bombenkeller zurück auf die Straßen Berlins traute, erkannten sie die Stadt kaum wieder. Sie suchten nach Essbarem, aber fanden nur Zerstörung. Und verloren ihren einzigen Beschützer.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Tag, an dem wir zurück ans Tageslicht kamen, der 9. Mai 1945, war ein Mittwoch. Nicht dass wir das noch so genau nahmen, denn nach Wochen des Kellerlebens achtete niemand mehr sonderlich auf die Wochentage. Was viel wichtiger für uns war: Endlich konnten wir wieder für längere Zeit auf die Straßen Berlins. Das Leben konnte weitergehen. Das war am wichtigsten. Existenzfragen rückten in den Vordergrund, vor allem eine: Wo sollte die nächste Mahlzeit herkommen?

Die meisten Frauen waren mit ihren Kindern allein, sofern sie nicht verschickt worden waren. Meine beiden Schwestern waren irgendwo im ehemaligen Großdeutschen Reich. Selbst meine Mutter hatte keine Ahnung, wo. Und was die Männer anbetraf: Nur wenige sah man noch auf den Straßen - sie waren zu alt, um beim Volkssturm zu dienen.

Meine Mutter hatte gehört, dass es im Hinblick auf Lebensmittel etwas in den Kühlhallen am Gleisdreieck zu "organisieren" gab. Es hieß, wegen des Stromausfalls könnten die Hallen nicht mehr gekühlt werden - und die gelagerten Lebensmittel drohten nun zu verderben. Sicher war das damit natürlich noch nicht, denn Gerüchte gingen damals um wie Wildfeuer. Die Angst vor den Russen war immer noch groß, aber sie nahm ganz allmählich wieder ab, schließlich ruhten die Waffen, und das Heulen der Stalinorgeln war verstummt. Außerdem war der Hunger mittlerweile so unerträglich geworden, dass er uns selbst die Todesangst vergessen ließ.

"Plötzlich hörten wir Maschinengewehrfeuer"

Meine Mutter und ich lebten damals auf der Kreuzberger Seite der Immelmannstraße, die heute Dudenstraße heißt. Wir hatten den Bombenkrieg und den Sturm der Roten Armee überlebt – gerade so. Granaten waren in unserem Haus eingeschlagen und keine einzige Wohnung hatte danach noch Fensterscheiben. Nachbarn von uns waren dabei gestorben. Sie wurden, zusammen mit einigen Russen, hinter unserem Balkon begraben. Auf der Tempelhofer Seite der Immelmannstraße befand sich eine Laubenkolonie, in der an jenem Tag die Obstbäume in voller Blüte standen. Es schien, als wollte die Natur den Wahnsinn der Menschen irgendwie ausgleichen. Jeden Tag holten wir uns Wasser von den Brunnen der Laubenkolonie. Manchmal halfen die Russen sogar beim Pumpen.

Auf Anregung einiger Hausbewohner machten sich mehrere Frauen gemeinsam auf, um zu schauen, ob es irgendetwas Brauch- oder Essbares aufzutreiben gab. Als einziger Mann begleitete uns Herr B. Er hatte es geschafft, seine Einheit zu verlassen. Natürlich war seine Frau überglücklich, dass er schon, und das unversehrt, aus dem Krieg zurückgekehrt war. Er war überzeugt, dass er uns irgendwie beschützen könnte, die Frauen und mich, das einzige Kind in der Gruppe.

So zogen wir bei herrlichem Frühlingswetter los. Es ging über den Viktoriapark, vorbei an den beiden Luftschutzbunkern, von denen heutzutage die Kinder im Winter nichts ahnend hinunter rodeln. Entlang der Möckernstraße überquerten wir die schwer zerstörte Hagelberger Straße. An der Ecke York- und Möckernstraße erreichten wir den Güterbahnhof. Wir kletterten auf die Gleise, um zu einem einsamen Güterwaggon zu gelangen. Zwischen den Gleisen lag ein toter Rotarmist, der wohl einer der letzten Gefallenen gewesen sein musste. Ich war sehr neugierig und wollte unbedingt schauen, wie er aussah. Da ruhte er, auf seinem Rücken, und hatte keine erkennbare Verletzung. Sein Mund war geöffnet, Fliegen kamen heraus und schwirrten in die schöne Frühlingsluft davon.

Meine Mutter rief mich, sie wollte den Waggon inspizieren. Als wir näher kamen merkten wir, dass die Türen geöffnet waren. Der Waggon war mit Vogelfutter beladen, das durch die Tür auf das Bahngelände ausgeströmt war. Ich war hoch erfreut, hatten wir doch einen Wellensittich zu Hause. Außerdem hätten wir das Vogelfutter sogar als Tauschware benutzen können. Doch genau in dem Augenblick hörten wir Maschinengewehrfeuer und die Erwachsenen bekamen es mit der Angst zu tun. Meine Mutter rief, ich solle aus dem Waggon herauskommen. Sie versprach, auf dem Rückweg wieder vorbei zu kommen, um das Vogelfutter mitzunehmen. Ehe ich aus dem Waggon sprang, sah ich in dem Futter eine nagelneue Schuhbürste liegen. Ich schnappte sie mir. Sie sollte uns noch viele Jahre dienen.

"Der Gestank war bestialisch"

Das Maschinengewehrfeuer hörte auf, aber wir verließen das Eisenbahngelände trotzdem. Viele Menschen waren nicht unterwegs, man war noch vorsichtig. Bald erreichten wir den Landwehrkanal. Die Möckernbrücke lag mit gebrochenem Rückgrat im Kanal. Trümmer waren überall. Wir folgten dem Tempelhofer Ufer, denn schließlich wollten wir ja zu den Kühlhallen am Gleisdreieck.

Heute weiß ich nicht mehr, warum, aber wir gingen schließlich doch nicht dorthin. Vielleicht hatten uns andere Leute gewarnt, dass die Russen alles abgeriegelt hatten. Während Berlin hungerte, vergammelten die Lebensmittel in den Hallen. Später, im Juni und Juli, mussten gefangene Parteigenossen eingesetzt werden, um die Nahrungsmittel zu entsorgen. Das verwesende Fleisch wurde in einem Luftschutzbunker im Viktoriapark eingelagert. Der Gestank war bestialisch.

Wir gingen also weiter und fanden die Schöneberger Brücke noch intakt vor. Man konnte sehen, dass auf der anderen Seite, am Hafenplatz, schwer gekämpft worden war. Tote, Waffen und Geräte lagen überall. Ständig riefen die Erwachsenen mich zum Weitergehen. Sie waren nicht so erpicht darauf wie ich, sich alles genau anzuschauen. Eine Leiche war besonders grotesk. Man konnte nicht einmal mehr erkennen, ob es ein deutscher oder ein sowjetischer Soldat war. Sein ganzer Körper war gekrümmt, da von vorne verbrannt, aber hinten unversehrt. Wahrscheinlich war er von einem Flammenwerfer erwischt worden. Sein Unterkörper war entblößt und er hielt ein Stück Papier in der Hand. Ich habe den Anblick nie wieder vergessen können.

An der Ecke vom Hafenplatz hatten die Russen eine Straßenkontrolle aufgestellt. Am Straßenrand stand daneben eine Gruppe von männlichen Zivilisten. Als wir bei ihnen ankamen, befahlen die Russen Herrn B., zur Seite zu treten. Mit den Frauen und mir wollten sie sich nicht weiter aufhalten und sie forderten uns auf, weiterzugehen. "Der Mann bleibt hier", sagten sie knapp. Sie bräuchten ihn für ein Arbeitskommando zum Aufräumen. Frau B. war außer sich und wollte ihren Ehemann zurück haben. Die Russen versuchten, sie zu beschwichtigen. Sie sagten, sie brauche sich keine Sorgen zu machen, schon am Abend werde er wieder zu Hause sein. Als wir schließlich ohne ihn gingen, war sie nicht zu trösten. Ihren Mann sah sie nie wieder. Einige Jahre später benachrichtigte man sie, dass er in einem Lager in Sibirien gestorben war.

Betäubt vom Anblick der Zerstörung

Wir erreichten den Askanischen Platz am Anhalter Bahnhof. Schwere Kämpfe hatten hier getobt, überall lagen Trümmer. Die Häuser waren zerstört, der Bahnhof nur noch eine Ruine. Inmitten des Chaos stand ein zerstörtes Halbkettenfahrzeug mit einem roten Kreuz. Keine anderen Panzer oder Kanonen waren zu sehen, aber überall lagen Panzerfäuste und Gewehre herum. Die Erwachsenen waren wie betäubt von dem Anblick der unvorstellbaren Zerstörung. Längst hatten wir alle vergessen, warum wir überhaupt am Morgen aufgebrochen waren.

Wir gingen weiter entlang der Saarlandstraße, der heutigen Stresemannstraße, und zu meinem Erstaunen sah ich dort zu beiden Seiten etliche sowjetische T-34-Panzer ordentlich hintereinander stehen, als ob sie hier geparkt worden wären. Bei näherem Hinschauen entdeckte ich, dass sie alle ein Einschussloch hatten. Erst 60 Jahre später sollte ich erfahren, was sich dort wirklich zugetragen hatte: Eine Gruppe Freiwilliger von der Nordland Division der SS hatte hier Jagd auf die russischen Panzer gemacht und, wie sie es ausdrückten, die Gegend am Anhalter Bahnhof in einen "Panzerfriedhof" verwandelt.

Nun wollten wir nur noch nach Hause. Wir kamen am Belle-Alliance-Platz vorbei, der heute Mehringplatz heißt. Auch er war von dem schweren Luftangriff vom 3. Februar und den nachfolgenden Kämpfen gezeichnet. Alles war zerstört, allein die Siegessäule stand noch, wie zum Hohn.

Als wir heimkamen, hatten wir nur eine magere Ausbeute zu präsentieren: Außer der Kleiderbürste hatte ich nichts mitgebracht. Aber mittlerweile stand auf unserem Hof eine Gulaschkanone. Die Russen hatten für unsere Hausgemeinschaft ein warmes Essen bereitet. Wir konnten ihnen dankbar sein.