Wende Ost - DER SPIEGEL
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Wende Ost: Der Dritte Weg

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Wende Ost Der Dritte Weg

Demokratischer Sozialismus - ein Widerspruch? Nach dem Fall der Mauer favorisierte die DDR-Bürgerrechtsbewegung "Neues Forum" den sogenannten Dritten Weg: Demokratisiert sollte die DDR neben der BRD fortbestehen. Heinz Eggert befürchtete, dass sich Geschichte dann doch wiederholt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am 7. Oktober 1989, dem 40. Staatsfeiertag der DDR, feierten wir in der Oybiner Bergkirche Erntedank. Auf die Einladung hatten wir geschrieben: "Damit wir auch an diesem Tag etwas zu feiern haben." Der Trompeter aus Cottbus kam eine Stunde zu spät, weil er an der Grenzstraße zu Polen vier Polizeisperren passieren und vier Mal seine Instrumentenetuis öffnen musste.

Nach dem Konzert sprach mich mit tränenerfüllten Augen ein Ehepaar an, deren Sohn mit Freunden Richtung Ungarn verschwunden war. "Wir rufen euch aus dem Westen an!", hatte er auf einen Zettel geschrieben. Der Bruder des Flüchtlings war in Berlin bei den Grenztruppen und hatte Urlaubssperre. Am Abend vor dem Fernseher war ich fassungslos: Jubelnde Massen zogen in Berlin an Erich Honecker vorbei. Später, nach der Wende, sollten die Marschierenden behaupten, ihre in Richtung Tribüne geballten Fäuste seien Ausdruck des Protestes, ihre lachenden Gesichter bloß Tarnung gewesen. Warum nur durfte ich erst so spät erfahren, dass ich unter lauter Widerstandskämpfern gelebt hatte? Sie hatten sich wahrlich gut getarnt.

Am 8. Oktober kehrte unser Sohn aus dem Pionierlager zurück. Er fragte, ob wir schon wüssten, dass die NVA an der Grenze stehe. Wir wohnten damals 130 Meter von der tschechischen Grenze entfernt. Ich machte einen Erkundungsspaziergang, sah die in den Gebüschen liegenden Kinderwagen, die die Familien aus der ganzen DDR, die illegal über die Grenze nach Ungarn zu gelangen versuchten, an der Flucht hindern sollten. Die vielen Nachbarn, die als diensteifrige Grenzhelfer die zuständigen Dienststellen informierten, taten ihr Übriges. Später sagten sie dann: "Weißt du, sonst wäre ich dran gewesen."

Die Kardinalfrage

Zwei junge Soldaten mit Maschinengewehren forderten mich auf, mich auszuweisen. Ich sagte, dass ich der Ortspfarrer sei und dass ich meinen Ausweis nie bei mir trage, wenn ich durch den Ort gehe. "Entschuldigen Sie", sagte der eine, "das haben wir nicht gewusst." "Sie sind aber verpflichtet", erwiderte der andere matt. "Die in Berlin sollen erstmal ihre Pflicht tun", sagte ich. Die Soldaten nickten. Am liebsten wollten sie wohl ihre Knarren an einen der Bäume hängen und in Richtung Ungarn laufen.

Von nun an erschien jeder Tag und jede Woche politisch in einem anderen Licht. Anders im Hinblick auf die Möglichkeiten aber auch im Hinblick auf die Schnelligkeit der politischen Ereignisse. Wie viele andere Theologen auch betrachtete ich mich in jener Zeit als Katalysator, der Denkprozesse beschleunigte. Dazu hatte ich schließlich jahrelang vor- und nachgedacht. Aber welche Strukturen waren am schnellsten zu verändern und zu gebrauchen? Diese Frage wurde für mich zur Kardinalfrage.

Es war für mich also selbstverständlich, dass ich in der Bürgerbewegung des "Neuen Forum" mitarbeitete, dass ich an den "Runden Tischen" saß, dass ich die Kreisdienststelle der Staatssicherheit in Zittau mit auflöste und in der Kommission gegen Wahlbetrug und Korruption mitarbeitete. Ich konnte doch nicht 16 Jahre lang predigen, dass unmenschliche Verhältnisse der menschlichen Umgestaltung bedürfen - und dann in meiner Kirche sitzen bleiben!

"Dritter Weg" oder Wiedervereinigung?

Doch bald begannen die Konflikte in den eigenen Reihen. Was wir nicht wollten, darüber waren wir uns zwar schnell einig: Unser Ziel war die Abschaffung der menschenverachtenden Strukturen innerhalb der DDR. Aber als ich zum ersten Mal am 7. Dezember auf dem Zittauer Marktplatz davon sprach, dass wir eigentlich die Chance nutzen müssten, ein Volk zu werden, kam es zum Bruch mit dem "Neuen Forum". Mir war klar geworden, wir würden es nicht schaffen, innerhalb der Strukturen des alten Systems eine neue menschlichere, demokratischere Gesellschaft zu gestalten. Auch nicht auf dem "Dritten Weg" eines demokratischen Sozialismus, der vehement und intensiv diskutiert wurde.

Die Politikfähigkeit des "Neuen Forums" war für mich erschöpft. Sie löste zwar mit ihren Selbstzweifeln Entzücken in der westlichen Linken aus, aber gleichermaßen auch Hoffnung beim damaligen Regierungschef Hans Modrow, der einen geordneten Wandel und lediglich eine Konföderation mit der BRD eingehen wollte, und seiner angeblich geläuterten Truppe.

Wohin hätte uns der "Dritte Weg" geführt?

Aussichten im Konjunktiv

Zwei oder drei Funktionäre wären in die Wüste geschickt worden, die anderen wären geblieben. Die Staatssicherheit hätte - unter Modrow war sie bereits umbenannt worden - "Amt für nationale Sicherheit" geheißen, die Strukturen wären undurchsichtig geblieben und in einigen Jahren hätte man uns in jene Lager gesperrt, die schon lange geplant worden waren für all diejenigen, die sich in jener Zeit des Umbruchs zu weit nach vorne gewagt hatten. Gerade jene, die den "Dritten Weg" immer beschworen haben, wie mein Kollege Friedrich Schorlemmer, der auch Studentenpfarrer war, hätten sich großen Gefahren ausgesetzt.

Mir war klar, eine Vermischung beider Systeme würde nicht funktionieren. Genauso wenig, wie man lobend den Autobahnbau der Nazis erwähnen kann, ohne die Folgen des ganzen Systems damit zu verharmlosen, konnte man die DDR mit der BRD verquicken, ohne dadurch das ganze Unrechtssystem in seiner Fragwürdigkeit zu relativieren.

Hätten wir den "Dritten Weg" mit zwei deutschen Staaten gewagt, wie hoch wäre heute beispielsweise die Verschuldungsquote? Schon im Jahr 1989 bezahlte die DDR Zins- und Tilgungsraten in einer Höhe von sechs Milliarden DM. Das waren laut Alexander Schalk-Golodkowksi, dem Leiter des DDR-Außenhandelsministeriums, die gesamten Exportgewinne eines Jahres.

Wie hoch wäre das Arbeitslosengeld? Wie sähe die soziale Absicherung aus? Wie viele Altbauten wäre in diesen 18 Jahren noch verfallen? In den Regalen hätten sich Senf, Margarine und Essig gestapelt, weil viel mehr nicht im Angebot gewesen wäre.

Die noch höhere Arbeitslosigkeit, zu der es gekommen wäre, hätte fraglos Ausgaben in Milliardenhöhe verursacht. Die DDR-Kassen waren leer.

"Was wussten wir schon?"

Noch heute wäre der damalige Finanzminister Theo Weigel glücklich, wenn es mit dem von Modrow geforderten Kredit über 15 Milliarden DM erledigt gewesen wäre. Ein solcher Kredit hätte uns im Osten womöglich die letzte Kraft und auch die letzten Möglichkeiten gekostet, denn ein Kredit hätte falsche Sicherheit vorgetäuscht und doch nur die Funktionärskonten im Ausland gepolstert. Mehr nicht.

Alle Pläne einer schrittweisen Annäherung oder eines langfristigen, stufenweisen Übergangs zur Deutschen Einheit gingen an der Wirklichkeit vorbei. Dennoch räume ich ein: An einer Stelle hatten meine Freunde immer recht - und dies war der schwächste Punkt auch in meiner Argumentation: Was eigentlich wussten wir schon von der Bundesrepublik Deutschland? Wir kannten das System der Bundesrepublik, das wir als Alternative nutzen wollten, nicht genau. Ich setzte auf die Experten der Bundesrepublik, die sehr eloquent verbargen, dass es ihnen auch so ging wie uns.

Vielleicht, mutmaßten wir, würden jene Leute im Westen, die jedes Jahr den 17. Juni in Erinnerung an den Volksaufstand der DDR 1953 betulich als "Tag der deutschen Einheit" begangen hatten, nun ihre Schubladen öffnen, in denen die detaillierten Pläne zur Deutschen Einheit nur darauf warten, endlich hervor geholt zu werden?

Aber die Schubladen im Westen waren leer. Zunächst waren keine tragenden, vorausschauenden Konzepte vorhanden. Dafür jede Menge Irrtümer und Vorurteile.