West-Berlin in den Siebzigern - DER SPIEGEL
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WG-Leben im Berlin der Siebziger: Als Cat Stevens mit mir schlafen wollte

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WG-Leben im Berlin der Siebziger Als Cat Stevens mit mir schlafen wollte

Als Silvia Friedrich nach West-Berlin zog, hoffte sie auf das große, wilde Leben ohne bürgerliche Zwänge. Was sie fand, war eine Studenten-WG mit Eiern an den Wänden, ein Kino außer Rand und Band und einen Freund, der Otto Waalkes nachäffte. Am Ende nahm sie Reißaus - wegen ein paar Taschentüchern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die 68er-Revolution war gerade vorbei als ich nach West-Berlin kam. Das war eine Stadt - meine Güte! Alle Bars und Discos waren wahnsinnig laut und immer offen, die ganze Nacht. Auf den ersten Blick schien Berlin tatsächlich genauso wild wie sein Ruf. Ich kam wegen Peter, in den ich verknallt war und der sich dort vorm Bund drückte und studierte. Das haben ja viele gemacht damals. Man meldete sich einfach in West-Berlin an und kam so um den "Barras", wie die Wehrpflicht auch genannt wurde, herum.

Ich zog erst einmal in eine Wohngemeinschaft mit ein paar Jungs: Peter, Lodde, Ulli und Cat Stevens. Natürlich war er nicht der echte Cat Stevens. Cat hieß in Wirklichkeit Heinrich und kam, wie viele von uns, vom Bauernhof. Alle hatten eine Riesenmatte. Wer damals kurze Haare hatte, gehörte zum Establishment, und das wollte in West-Berlin keiner. Schließlich ging es darum, den von den 68ern gepredigten gesellschaftlichen Neuanfang zu leben.

Heute gehören sie alle zum Establishment, ganz besonders diejenigen, die das damals partout nicht wollten. Wenn ich die so sehe, all die Matthiasse oder Johannesse, dann erschrecke ich mich jedes Mal: In ihrer Jugend mimten sie noch das große Weltverändern. Doch je älter sie wurden, desto leiser wurde ihr Protest und desto kürzer ihre Haare. Sie schlüpften in die guten Klamotten, zogen in die Vorstadt und bekamen ein oder zwei Kinder, aus denen natürlich mal was werden soll. Aber wenn ich es genau bedenke, dann waren sie schon damals trotz ihrer Matte wahnsinnig spießig - und West-Berlin doch gar nicht so wild, wie es sich gerne gab.

Man gab sich locker

Ich lebte in einer WG. Mit einer Kommune, wo jeder mit jedem ins Bett springt, hatte das aber nichts zu tun. Bei uns ging es genauso eifersüchtig zu, wie seit jeher. Diejenigen, die etwas anderes behaupten, lügen. Der einzige Unterschied: Man gab sich locker. Keiner wagte es, einen ernsten Spruch loszulassen. Otto Waalkes wurde damals gerade berühmt, und ihn machte jeder nach, wenn es ernst wurde. Leute, die heute Staatsanwälte sind, hatten lange Matten und imitierten Otto.

In der WG war es widerlich dreckig. Saubermachen, so lautete die klare Ansage, war Establishment. Und damit wollte ja keiner was zu tun haben. Von zuhause kannten die Jungs nur, dass Mama alles machte, und nun im wilden Osten, mitten in Westberlin, da lief alles anders. Ich hab mich so geekelt. Beim Einzug warfen alle mit Eiern um sich - aus Spaß. Überall klebte der gelbe Dreck und wurde zum Teil der Inneneinrichtung. Die bestand aus Matratzen und Holzkisten vom Sperrmüll. Wer Geld hatte, leistete sich ein Billy-Regal.

Offiziell studierten alle meine Mitbewohner. Die meiste Zeit hingen sie aber in den Kneipen rund um Neukölln herum, spielten Billard, Flipper oder Karten und machten Mädels an. Und es wurde natürlich viel geraucht. Ich machte bei all dem nicht mit. Meine Landjugendherkunft hatte doch nachhaltigeren Schaden angerichtet. Nur einmal bin ich mitgegangen, in ein Kino irgendwo in Kreuzberg, wo man Drogen jeder Art mitnehmen konnte. Alle waren verkleidet und schrien herum. Ich stand etwas hilflos dazwischen und dachte: Diese Rocky-Horror-Picture-Show ist nicht meine Welt.

Jackie Kennedy für Arme

Aber auch, wenn ich das Gefühl hatte, hier falsch zu sein: Jetzt war ich nun einmal in dieser großen Stadt mit all ihren Verführungen. Der Kudamm war schon damals genauso langweilig wie heute. Gut, dass Berlin heut die alte Mitte wieder belebt. Denn zu viel Aufmerksamkeit hat der feine Westen nicht verdient. Aber damals? Wir tummelten uns in den vermeintlichen Schmuddelbezirken Neukölln und Kreuzberg und den so genannten Dazwischenbezirken Schöneberg und Friedenau. Nicht ganz fein, aber auch nicht schmuddelig.

Den Osten mal zu besichtigen war schwierig, vor allem wenn man sich in Berlin angemeldet hatte. Dann bekam man nämlich einen so genannten behelfsmäßigen Personalausweis, der "drüben" nicht wohl gelitten war. Die Grenzer taten jedes Mal so, als wollten wir die Sowjetunion überfallen. Doch auch Ost-Berlin war eine Enttäuschung. Dass da mal das alte Berlin war, davon sah man nichts mehr. Karl Marx und Lenin hatten die Oberhand. Überall wurde man mit Hinweisen auf die ruhmreiche Sowjetarmee bombardiert. "Es war nicht alles schlecht ", singt heute einer aus der Ehemaligen DDR. Ich fand dort alles schlecht.

Peters Mutter, so eine Wilmersdorfer Witwe aus Niedersachsen, stand regelmäßig bei uns auf der Matte. Wegen des Drecks in der WG wohnte sie jedes Mal bei ihrer Freundin aus Berlin-Grunewald. Beide brachten dann im KADEWE viel Geld unter die Leute. Jedes Mal, wenn ich sie sah, beschwerte sie sich bei mir wegen des Schmutzes in der WG. Außerdem wollte sie das Verhältnis von Peter und mir legalisiert sehen - mit Kirche, Kindern und Häkeldecken. Ich machte gute Miene zum Fünfziger-Jahre-Weltbild dieser Jackie Kennedy für Arme. Nur als sie halbgestärkte, gebügelte Taschentücher für ihren Sohn von mir verlangte, streikte ich.

Klo auf halber Treppe

Die Petermutti kam aus dem noch östlicheren Osten und war 1945 in den Westen geflohen. Sie war, wie es immer so schön heißt, aus gutem Hause und der Kirche treu geblieben. Und obwohl ihre Brüder im Osten am Massenmord beteiligt gewesen waren, wurde sie nicht müde, mir nahe zu bringen, wie schön es doch bei Hitlers Bund Deutscher Mädels war - während ihre Grunewald-Freundin sich darüber ereiferte, wie viele Juden doch damals umkamen, und wie viele es dennoch jetzt schon wieder gäbe. Ich entschied, von nun an die Straßenseite zu meiden, wenn ich der Tante draußen mal begegnen sollte.

In der Wohnung gab es nur ein Klo auf halber Treppe. Da das den Jungs oft nachts zu weit war, pinkelten sie gleich ins Waschbecken in der Küche. Ich fand das widerlich. Und in Peter war ich mittlerweile sowieso nicht mehr so richtig verknallt. Also beschloss ich eines Tages, dieses Etablissement zu verlassen. Von da an hockte ich im vierten Stock mit Blick auf Hinterhof, sah auf ein paar Häuserwände und hörte den Geräuschen zu, die von unten kamen. Ich war ein bisschen einsam. Trotzdem war ich froh, der Nazi-Mutti entkommen zu sein - und ihrem Sohn, der alles mit Hilfe von blöden Sprüchen, die er bei Otto Waalkes aufgeschnappt hatte, verdrängte. Sollte ihm doch eine andere Halbgestärktes zum Frühstück servieren.

Ich wurde Erzieherin. Das passte zum Zeitgeist. Die antiautoritäre Welle war grade überstanden, nun suchte man nach anderen Möglichkeiten, die kleinen Racker zu freien Staatsbürgern mit ausgeprägtem Rückgrat zu machen. Wir diskutierten stundenlang über alles und jeden, gingen ins Grips Theater, demonstrierten und machten Befreiungsgruppen auf, in denen man Urschreie ausstieß. Aber wenn man die Jungs abends bei Schmalzbroten und Bier in den Eckkneipen traf, waren sie wie ihre Väter. Testosteron bestimmt das Bewusstsein. "Ich will mit dir schlafen!", lallte Cat Stevens vom Bauernhof mich an, denn ich hatte ihn zufällig in einer Kneipe wieder getroffen. Ich lehnte ab.

Ein überflüssiges Jahrzehnt

Mir gefiel nichts in diesem Westberlin. Nicht die halbe Stadt, nicht die Mauer, nicht die westdeutschen Wohlstandsjugendlichen, die hier ihren Überdruss loswerden konnten. Nicht der Osten nebenan und erst recht nicht die ewig lange Juckelei über die Transitstrecke nach Hause. Wenn man zur Musik von Jethro Tull, den Stones, David Bowie in Endlosschleife die Cassetten abnudelte, dann konnte man sich schon mal die elenden Warum-Fragen des Lebens stellen. Meine war: Was soll das hier eigentlich alles und warum ändert es keiner?

Wir wussten noch nicht, dass bald die Achtziger anstanden und dass es noch niemals in der Geschichte der Menschheit ein überflüssigeres Jahrzehnt gegeben hatte. Höchstens das Wendejahr, das bezeichnenderweise ganz am Schluss dieser elenden Dekade kam, wog all den musikalischen, kulturellen, historischen Mist auf, der da von 80 bis 89 so verbrochen wurde. Aber noch tummelten wir uns in den sterbenden Siebzigern und im wilden Westberlin, das in Wirklichkeit doch ziemlich brav war.

Der kalte Krieg heizte jedem ein, ob man wollte oder nicht. Und unser Großstadtfragment hielt sich wacker. Wie ein alter verrottender Backenzahn, der einfach nicht sterben wollte. Man hatte Angst, ihn entfernen zu lassen, sich von ihm zu trennen. Denn was käme danach? Die Städte im Westen konnten unserer Insel im Sozialismus allerdings nicht das Wasser reichen. Dann doch lieber hier zwischen Türkenflohmarkt im ehemaligen U-Bahnhof Nollendorfplatz, Kreuzberger Kiezgetue, Neuköllner Kneipenlangeweile und Komödie-am-Kudamm-Touristenscheiß. Und ja, klar, natürlich unsere Mauer. Keiner von uns hatte Berlin je ohne sie gesehen. Wo war dieses verdammte Berlin der Zwanziger hin? Untergegangen im Hitlerwahnsinn?

Die Haar mussten dran glauben

Ich schummelte mich durch die Jahre und Bezirke. Leute kreuzten meine Wege und ich ließ sie meistens nach kurzem gemeinsamem Gehen irgendwo stehen. An einem langweiligen Tag Ende der Siebziger traf ich Peter wieder. Diesmal im Henry-Ford-Bau in Dahlem, einem Teil der juristischen Fakultät. Ich hatte mir überlegt, den Scheißgören nicht länger als Erzieherin den Rücken stärken zu wollen, sondern selber in die Gesetzgebung mit einzugreifen. Deshalb erkundigte ich mich an der Freien Universität nach dem Jurastudium.

Und da stand er nun, witzelte mit einigen Kommilitonen, ein Wort, bei dem man nie weiß, mit wie vielen "Ms" es geschrieben werden musste. Er sah mich, kam auf mich zu. Er sei jetzt bald fertig, deshalb hätten auch die Haare dran glauben müssen, erzählte er mir. Ich glaube, ich sagte "ach so". Er sei jetzt mit Lisa aus der Vorlesung Prozessrecht für Fortgeschrittene zusammen gezogen, berichtete er weiter.

Ich starrte ihn ungläubig und etwas erschrocken an. Lisa passe sehr gut zu ihm, warf ich ihm hektisch entgegen. Dann ging ich schnell weiter. Bloß weg, sagte mir mein Instinkt. Also widmete ich mich meinen wirklichen Problemen. Ich brauchte dringend eine neue Wohnung und musste die Suche vorantreiben. Vielleicht würde ich wieder in einer WG mit halber Treppe landen. Von mir aus auch im Ostteil Berlins, wenn das ginge. Wenn ich bloß gegangen wäre!