Westfeldzug 1940 - DER SPIEGEL
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Westfeldzug 1940: Schwindelig vom Blitzkrieg

Westfeldzug 1940 Schwindelig vom Blitzkrieg

Französische Generäle verloren die Nerven und brachen in Tränen aus: Überraschend schnell überrollte die Wehrmacht 1940 Frankreich. Was wie geniale Planung wirkt, war vor allem Improvisation. Hitler stilisierte sich zum kühnen Strategen - und beging dann selbst einen entscheidenden Fehler.
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Der französische General sinkt bleich in seinem Lehnstuhl zusammen. Dann weint er. Dabei ist Alphonse-Joseph Georges ein erfahrener, vielfach ausgezeichneter Mann. Er kämpfte in Algerien, Marokko, wurde im Ersten Weltkrieg schwer verletzt und überlebte 1934 knapp das tödliche Attentat auf Alexander I., den König von Jugoslawien.

Jetzt, am 14. Mai 1940, erfährt er vom Durchbruch der Wehrmacht in Sedan. Hitlers Westfeldzug ist gerade vier Tage alt. Doch den Deutschen ist gelungen, was sie in vier Jahren des Ersten Weltkriegs nie schafften: ein großes Loch in die französische Front zu reißen. Georges ist Oberbefehlshaber der Nordostfront und ahnt, was das bedeutet. Selbst im Kreise der Generäle kann er die Tränen nicht zurückhalten. "Die Atmosphäre ähnelte der einer Familie, die am Sterbebett eines Angehörigen steht", berichtet ein Augenzeuge erschüttert.

Der Nervenzusammenbruch ist keine Ausnahme. Die gesamte Staatsspitze ist nach dem deutschen Durchbruch schockiert. Ausgerechnet in Sedan, wo die Preußen schon 1870 Kaiser Napoleon III. vernichtend schlugen. Nur einen Tag später klingelt der französische Premier Paul Reynaud seinen Kollegen Winston Churchill frühmorgens aus dem Bett: "Wir sind besiegt", sagt er aufgeregt, "wir haben die Schlacht verloren." Der Brite versucht ihn zu beruhigen - vergebens.


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Kurzentschlossen fliegt Churchill nach Paris. Dort trifft er überall auf "tiefste Niedergeschlagenheit", wie er später schreibt. Fassungslos erfährt er bei einer Sitzung im Außenministerium, dass die französische Armee keine strategische Reserve für einen Gegenangriff hat. Verwundert beobachtet er, wie Beamte Schubkarren voll Akten in den Garten des Ministeriums karren und eilig verbrennen. Paris bereitet sich schon auf den Untergang der Republik vor.

Die mörderischen Abwehrschlachten in Verdun oder an der Somme lagen da gerade einmal zweieinhalb Jahrzehnte zurück. Danach hatte Frankreich für Milliarden Franc Hunderte Bunker entlang der Maginot-Linie gebaut und seine Ostgrenze regelrecht in Beton gegossen. Wie konnte der kriegslüsterne Nachbar dennoch so schnell den Krieg entscheiden?

In seltener Eintracht einigten sich Sieger und Verlierer danach auf eine plakative Erfolgsformel: Blitzkrieg. Demnach war Frankreich mit revolutionärer Taktik angegriffen und von einer unbesiegbaren Panzer-Lawine überrollt worden. Ein Mythos, der beiden Seiten half: Die Besiegten konnten ihre Niederlage einem übermächtigen Gegner zuschreiben. Und die Sieger versetzten die zunächst kriegsskeptischen Deutschen in einen Jubelrausch, der viele Kritiker Hitlers jäh zum Schweigen brachte. Der "Führer" wurde zum "Größten Feldherrn aller Zeiten".

Nur: In Wahrheit hat sich der Blitzkrieg nie so abgespielt. Weder wurde der Feldzug von langer Hand geplant, noch waren die Deutschen besser ausgerüstet. Nur ein kleiner Prozentsatz des Heeres bestand aus hochmodernen Panzerdivisionen. Zum größten Teil zog die Wehrmacht mit altem Material und langsamen Pferdekutschen in den "Blitzkrieg". Und auch der "Größte Feldherr aller Zeiten" entpuppte sich in Wirklichkeit als Zauderer und Nervenbündel, der den deutschen Erfolg mehrmals in Gefahr brachte.

Bis Mitte Februar 1940 hatte die Wehrmachtspitze keinen überzeugenden Plan, die alliierte Überlegenheit zu brechen. Franzosen, Belgier, Holländer und Briten stellten zusammen eine halbe Million Mann, mehr als das deutsche Westheer. Zudem: Die Westmächte hatten mehr Kampfflugzeuge und fast doppelt so viele Artilleriegeschütze. Sogar die modernsten deutschen Panzer waren den besten Modellen der Briten und Franzosen klar unterlegen. Dennoch hatte Hitler Ende 1939 seinen "unabänderlichen" Entschluss zum Angriff erklärt. Etliche Generäle hielten das für "Wahnsinn".

Selbst als der ehrgeizige Generalleutnant Erich von Manstein einen radikalen Plan präsentierte, erkannte die Wehrmacht das Potential jener Idee nicht, die später zur Legende werden sollte. Manstein hatte vorgeschlagen, alles auf eine Karte zu setzen und mit einem massierten Panzervorstoß den Gegner in kurzer Zeit an der Kanalküste einzukesseln. Erstmals sollte dabei eine ganze Panzerarmee selbständig und weitgehend ohne Infanterie operieren.

Um die Alliierten zu überraschen, wollte Manstein die Panzer durch die vermeintlich unpassierbaren Hügel der Ardennen rollen lassen, um von dort in einem Handstreich über die Maas und hinter die Front zu gelangen. Eine zweite massive Attacke im Norden sollte diese Absicht verschleiern, die Alliierten zu einem Gegenstoß verleiten - und sie so in die Falle locken.

Es war die kühne Variante des alten Schlieffen-Plans, mit dem das Kaiserreich 1914 noch gescheitert war. Doch die führenden Militärs hielten Mansteins Vorschlag schlicht für verrückt. Sie schoben den Offizier, der eine Denkschrift nach der anderen publizierte, nach Stettin ab - weg von der Westfront. Dennoch gelang es ihm, Hitler persönlich seinen Plan vorzustellen. Der war begeistert von dem Vabanquespiel, auch wenn er Mansteins Strategie wohl nie in letzter Konsequenz begriff. Doch die Grundentscheidung war gefallen.

Am 10. Mai 1940 war es so weit. 29-mal war der Angriff schon verschoben worden, die Wehrmacht war, wie Hitler intern einräumte, eine "Schönwetterarmee". Wochenlang hatte die deutsche Abwehr irreführende Gerüchte gestreut, um von dem wahren Schwerpunkt des Angriffs abzulenken. Jetzt überfiel die Wehrmacht frühmorgens die neutralen Staaten Luxemburg, Belgien und die Niederlande.

In den Ardennen begann ein Wettlauf gegen die Zeit. General Heinz Guderian, der Panzerspezialist der Wehrmacht und Verfechter von Mansteins Ideen, gab eine straffe Vorgabe für die ersten 170 Kilometer in dem bergigen Terrain: "In drei Tagen an die Maas, am vierten Tag über die Maas!" Weil seine Soldaten kaum zum Schlafen kommen würden, orderte Guderian für die I. Panzerdivision 20.000 Tabletten Pervitin, eine aufputschende Droge.

Die Operation drohte gleich zu Beginn zu scheitern. Zehntausende Fahrzeuge verkeilten sich heillos in einem Stau, der zeitweise 250 Kilometer bis an den Rhein zurückreichte. Wichtige Einheiten für den Sturm über die Maas lagen fest. Dennoch ging das Kalkül auf: Die Franzosen vermuteten den Hauptangriff der Deutschen tatsächlich weiter im Norden. Auch Kriegshelden wie Marschall Philippe Pétain waren überzeugt, dass Ardennen und Maas ein kaum überwindbares Doppelhindernis darstellten.

Was dagegen sprach, blendete die französische Führung aus. Geheimdienstberichte, die den Angriff bei Sedan vorhersagten, ignorierte Paris. Selbst als am 12. Mai ein Aufklärer mit durchsiebten Tragflächen zurückkehrte und der Pilot atemlos von endlosen Kolonnen in den Ardennen berichtete, hielten französische Spionagespezialisten das für völlig absurd. Die Deutschen steckten hilflos im Stau - und ihre Gegner versäumten die Chance zum Luftschlag.

Stattdessen startete die Wehrmacht am 13. Mai die entscheidende Attacke. Sie wurde ein Musterbeispiel für die neue Kriegstaktik, wie sie Guderian und Manstein vertraten: Luftwaffe und Panzer gemeinsam, schnell und massiert einzusetzen.

Über viele Stunden bombardierten 850 Kampfflugzeuge feindliche Stellungen an der Maas. "Die Hölle scheint losgelassen zu sein", erinnerte sich ein deutscher Infanterist. "Über dem jenseitigen Ufer steigt eine schweflig gelbgraue Wand auf … Der Erdboden zittert, Häuser schwanken. Wie mag es drüben bei den Franzosen aussehen?"

Die waren in ihren Bunkern wie gelähmt von den pausenlosen Detonationen und den schrillen Sirenen der herabstürzenden Stukas. Auch wenn die Bomben die dicken Betonwände nicht zertrümmerten, hatte das Inferno die gewünschte psychologische Wirkung. "Hier sind wir", schrieb später ein französischer Offizier, "bewegungslos schweigend, mit gekrümmten Rücken, in uns selbst verkrochen, mit offenem Mund, damit das Trommelfell nicht platzt."

Die Deutschen nutzten die Schockstarre. Sturmpioniere setzten mit Schlauchbooten über die Maas, warfen Granaten in die Bunkerschlitze und errichteten Pontonbrücken. Jetzt konnten Panzer über den angeblich unüberwindbaren Fluss rollen. "Der Franzose scheint wirklich von allen guten Geistern verlassen", notierte der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Generaloberst Fedor von Bock, "sonst konnte und musste er das verhindern."

Hysterie brach aus. Acht Kilometer südlich von Sedan flüchteten Hunderte Soldaten in blinder Panik vor den Panzern. Und das, obwohl in diesem Frontabschnitt die ersten deutschen Panzer erst zwölf Stunden später auftauchten. Selbst Offiziere verloren die Nerven und zerstörten ohne Not die komplette Kommunikationszentrale eines Divisionsgefechtsstands. Ratlos sprach ein Untersuchungsbericht nach dem Krieg von "kollektiver Halluzination".

Jetzt konnte Guderian, Spitzname "der schnelle Heinz", Mansteins Vision vom Bewegungskrieg umsetzen. Eine Einheit legte sogar 120 Kilometer am Tag zurück, ein militärischer Weltrekord. Doch der rasante Vormarsch in den Norden gelang nur, weil Guderian mehrfach Befehle seiner Vorgesetzten ignorierte. Die bestanden auf Maximen der klassischen Kriegsschule: erst das Gelände sichern, keine offenen Flanken riskieren, dann vorrücken.

Weil die Heeresspitze, anders als von Manstein vorgesehen, ihre Brückenköpfe nicht energisch mit einem Vorstoß in den Süden offensiv verteidigen ließ, bot sich der französischen Armee die Chance zum Gegenangriff auf Sedan. Doch die Franzosen scheiterten, weil ihre Generäle der Kriegsstrategie des Ersten Weltkriegs verhaftet blieben: Demnach waren Panzer Hilfswaffen der langsameren Infanterie. Beides zu koordinieren kostete Zeit. Der für den 14. Mai geplante Gegenangriff wurde um 30 Stunden verschoben und dann ganz abgesagt.

Dabei zeigte sich bei kleineren Scharmützeln, dass die Wehrmacht zu schlagen gewesen wäre. Entsetzt stellten deutsche Panzerschützen fest, dass ihre Geschosse die dicke Panzerung der französischen Modelle vom Typ "Char B" nicht durchschlagen konnten. Doch statt diese Kampfmaschinen massiert einzusetzen, verteilten die Franzosen sie umständlich auf breiter Front. Ohne leistungsstarke Funkgeräte war ein koordinierter Angriff zudem kaum möglich.

Entgegen einer verbreiteten Annahme handelten die meisten französischen Offiziere weit phantasieloser und bürokratischer als viele ihrer deutschen Kollegen. Die führten ihre Einheiten flexibel direkt von vorn - und nicht am Reißbrett, Kilometer von der Front entfernt. Sie schrieben oft nur das Ziel des Auftrags vor und ließen ihren Untergebenen ansonsten freie Hand.

Kurz vor dem sicheren Sieg beging die deutsche Führung noch katastrophale Fehler. Nicht nur einige Militärs, sondern auch Hitler wurden misstrauisch angesichts des unerwartet leichten Erfolgs. Am 17. und am 18. Mai griff der Diktator persönlich in den Feldzug ein und stoppte den Vormarsch. Panzeroffiziere tobten. Warum sollten sie anhalten? Jetzt, wo sie das Millionenheer des Gegners fast umzingelt hatten?

"Der Führer ist ungeheuer nervös", notierte der Generalstabschef des Heeres, Franz Halder, in dieser Zeit. "Er tobt und brüllt, man sei auf dem Wege, die ganze Operation zu verderben." Hitler war von der Geschwindigkeit des Blitzkrieges schwindelig geworden.

Eine Woche später wiederholte sich das Drama. Inzwischen waren die Deutschen nur noch 15 Kilometer von Dünkirchen an der Kanalküste entfernt. Ausgerechnet jetzt entbrannte ein Machtkampf innerhalb der Generalität. Hitler schlug sich offen auf die Seite der Vorsichtigen. Er stärkte die Position des Chefs der Heeresgruppe A, Generaloberst Gerd von Rundstedt, und stützte dessen Ansicht, dass es besser sei, den Vormarsch anzuhalten, um die Infanterie aufschließen zu lassen.

So formulierte Rundstedt am 24. Mai seinen berühmten "Halt-Befehl", der zur größten Fehlentscheidung des Feldzugs wurde. Erst drei Tage später setzte sich die Wehrmacht wieder in Bewegung, nachdem Rundstedt und Hitler ihren grotesken Ukas aufgehoben hatten.

Inzwischen hatten die Alliierten ihre Verteidigung verbessert und Regenfälle den Boden in Morast verwandelt. Tagelang evakuierten Briten und Franzosen ihre Truppen per Schiff nach England. Luftwaffenchef Hermann Göring konnte seine großspurige Ankündigung nicht einhalten, die Alliierten aus der Luft zu vernichten. Bis die Wehrmacht Dünkirchen am 4. Juni einnahm, entkamen gut 320.000 Soldaten.

Schon damals kursierten wilde Gerüchte. Schonte Hitler die Briten, weil er auf eine Allianz mit England spekulierte? Vertraute er blind der Luftwaffe? Unterschätzte er den Gegner? Bis heute gibt es keine klaren Antworten. Womöglich wollte Hitler dem Militär auch nur demonstrieren, wer das Sagen hatte.

Dünkirchen wurde zu einem Wendepunkt im Krieg. Die Verlierer retteten zwar Hunderttausende Soldaten, aber die Briten wussten von da an, dass sie vorerst allein gegen die Nazis standen.

Hitler inszenierte den deutschen Sieg gekonnt als historisches Drama. Am 22. Juni, eine Woche nach der kampflosen Einnahme von Paris, ließ er den alten "Erbfeind" demütigen: Er diktierte den Franzosen den Waffenstillstand an genau dem Ort, an dem die Deutschen 1918 ihre Niederlage akzeptieren mussten - in einem klapprigen Bahnwaggon auf einer Waldlichtung bei Compiègne. Mit der "Attitüde des triumphalen Eroberers" erschien Hitler auf der historischen Bühne, sein Gesicht "feierlich und doch rachedurstig", wie ein US-Journalist schrieb.

Hitler war populär wie nie: die "Schmach von Versailles" getilgt, der Westen in sechs Wochen besiegt, offiziell mehr als 1,2 Millionen Alliierte gefangen. Der Diktator sprach vom "glorreichsten Sieg aller Zeiten", hielt sich vollends für einen genialen Feldherrn und entwarf noch wahnwitzigere Vorhaben.

Damit begann die Legendenbildung. Der Plan zum Westfeldzug sei das "ureigenste Werk des Führers", behauptete Göring. Und Hitler sagte in grotesker Verdrehung der Tatsachen über den Blitzkrieg, den er zeitweise zum Stehen brachte: "Von allen Generalen ... war Manstein der Einzige, der mich begriff."

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