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Westmedienhunger in der DDR: "Hast Du keine Groschenromane?"

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Westmedienhunger in der DDR "Hast Du keine Groschenromane?"

Bürger lernten Fernsehwerbeslogans auswendig, Grenztruppen verhökerten beschlagnahmte Zeitungen und FDJ-Trupps bogen Fernsehantennen zurück auf Linie. Zu Besuch bei Verwandten in der DDR entdeckte Karl Wilhelm Meier 1968, für welchen Aufruhr westliche Medien dort sorgten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Grundgesetz der BRD garantiert Meinungs- und Informationsfreiheit. In der DDR-Verfassung gab es die auch, 1968 wurden sie in Artikel 27 verankert. Allerdings gehörten alle Tageszeitungen der SED und den Blockparteien. Deshalb wohl schien den Herrschenden ihr Ziel, über die Medien einen "neuen Menschen" zu erziehen, nicht gefährdet.

Informationsfreiheit durch Austausch publizierter Meinung zwischen den beiden deutschen Staaten fand bis Ende der sechziger Jahre nicht statt. Alles was von der jeweils anderen Seite diesbezüglich kam, galt schlicht als Propaganda. Im Westen ließ sich da gut mit dem Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) argumentieren: Zeitungen der SED, so hieß es, setzten die Propaganda der verbotenen KPD fort. Grund genug, sie einzuziehen - soviel zum Vertrauen der westdeutschen Regierung in ihr Volk.

Das wurde durchgezogen, bis 1969 jemand die Einziehung der "Leipziger Volkszeitung" vor das Bundesverfassungsgericht brachte. Dieses entschied für das Grundrecht auf Informationsfreiheit und hob den Einziehungsbescheid auf.

Antennen wurden auf DDR-Linie gebogen

Zeitungen und Illustrierte las ich Ende der sechziger Jahre schon regelmäßig. Das kannte ich so von meinem Bremer Elternhaus. Zwei- oder dreimal kaufte ich auch die UZ, "Unsere Zeit", die Hauspostille der DKP. Ich fand sie aber zu dogmatisch und außerdem stinklangweilig. Was kommunistische Zeitungen am Kiosk sonst anbetraf: Fehlanzeige.

Den DDR-Rundfunk musste ich heimlich hören. Mein Vater wollte das nicht. Er befürchtete Repressionen, falls ich erwischt werden sollte. So kannte er es aus dem "Dritten Reich".

Genauso war das wohl auch in der DDR, wenn man Westfernsehen sah: In den sechziger Jahren bekam man im Zuge der Aktion Ochsenkopf - benannt nach dem Standort eines West-Fernsehsenders - bald unangemeldeten Besuch von Mitgliedern der FDJ, der die Antennen wieder auf DDR-Linie drehte. Dieses Spiel wiederholten sie so lange, bis man schließlich entnervt aufgab. Und dennoch ließen sich die meisten Bürger der DDR das Westfernsehen nicht verbieten - und ich wollte wissen warum.

Die faschistische Presse der Klassenfeindes - verkauft von DDR-Grenzern

So bin ich 1968 das erste Mal zum Verwandtenbesuch in die DDR gefahren. Man gab mir nicht viel Informatives über den anderen deutschen Staat mit auf den Weg, eines aber war wichtig: Keine westlichen Presseprodukte einführen! Das, so schärfte man mir ein, bringe riesige Probleme mit sich. Bei meinen Mitbringseln habe ich mich dann auf die üblichen Luxusartikel beschränkt: Kaffee, Zigaretten, Schokolade.

Nachdem die verteilt waren, fragte man nach mehr: "Hast du denn keine Zeitungen, keine Illustrierten, keine Groschenromane dabei?" Nein, hatte ich alles nicht. Denn es war ja verboten.

Das blieb nicht unkommentiert: "Da musst du mal zum Magdeburger Hauptbahnhof fahren", bekam ich zu hören, "nach Feierabend, wenn die Grenzer in aller Öffentlichkeit ihre sozialistischen Überzeugungen durch das Studium der faschistischen Presse des Klassenfeindes festigen und nur gegen Geldangebote der einfachen Bürger davon ablassen." Sollten die Angehörigen der Grenztruppen damals käuflich gewesen sein?

Das Tal der Ahnungslosen

Und dann das Ostfernsehen: Die "Aktuelle Kamera", die Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, war mir einfach zu steif. Der aggressiv-agitatorische "Schwarze Kanal", strengte schon an. Karl-Eduard von Schnitzler, der den "Schwarzen Kanal" moderierte, versuchte seinen Mitbürgern die Überlegenheit des Sozialismus anhand von Ausschnitten aus dem Westfernsehen nahezubringen. Vielleicht war das ja auch einfach Kult in der DDR, so wie später das "ZDF-Magazin" mit Gerhard Löwenthal in Westdeutschland, in dem im Gegenzug immer wieder scharf das DDR-Regime attackiert wurde. Man musste es sich einfach antun, um mitreden zu können.

Und in der Tat, man sah auch Westfernsehen, am liebsten die Werbeeinblendungen. Die wurden nämlich kommentiert, auch wenn sich das auf die Wiederholung von Slogans beschränkte. Dass Konsum auch im Westen Geld voraussetzte, wurde dabei geflissentlich ignoriert.

Für die Verbreitung des Westfernsehens im Osten standen übrigens die Buchstaben ARD. Nicht die Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands war gemeint, sondern "außer Raum Dresden". Denn im Dresdner Elbtalkessel konnte das Westfernsehen nicht empfangen werden. Darum nannte man Dresden im Volksmund auch "die wunderschöne Stadt im Tal der Ahnungslosen".

Am liebsten wenig bekleidete Frauen!

Meine Verwandten hatten die Volksstimme abonniert. Davon lasen sie erst den Sport-, dann den Regionalteil. Den politischen Teil vorne nur, wenn sie sich besonders langweilten. "Liest du eine Tageszeitung in der DDR", wurde mir erklärt, "hast du alle gelesen." Wenn ich dann die Titelseiten der DDR-Zeitungen am Kiosk miteinander verglich, musste ich den Verwandten zustimmen. An diesen selektiven Lesegewohnheiten zeigte sich: Das Volk war doch klüger als das Regime ihm zubilligte.

Was die Ossis möglicherweise wirklich interessierte, habe ich acht Jahre später in Bulgarien erlebt. Auch da war die Einfuhr von Westpresse verboten. Wenn trotzdem am Strand eine "Bild"-Zeitung gelesen wurde, dann lasen viele aus dem Osten mit. So groß war der Informationshunger.

Die Ossis studierten gerne Illustrierte, und zwar die mit Fotos von wenig bekleideten Frauen und Geschichten, die man besser schon vergessen sollte, bevor man sie gelesen hat. Nein, die Ossis, bestimmt nicht alle linientreu, gaben sich als Bürgerliche, die nicht an ihrem gesellschaftlichen Bewusstsein arbeiteten, sondern einfach nur unterhalten werden wollten.

Medien sollten dem Menschen dienen

Ich aber war nicht so, ich wollte auch in Bulgarien über das informiert werden, was in der Welt da draußen passierte, während ich am Strand lag. Da es keine Westzeitungen gab, suchte ich nach anderen Zeitungen in deutscher Sprache. DDR-Blättchen gab es übrigens auch nicht. Womöglich hätte sich ihr Verkauf nicht gerechnet. Was ich fand, war eine Schweizer Zeitung, deren Inhalt ich damals aufgesogen habe. Deshalb weiß ich noch, dass in jenem Jahr, 1994, die Schweizer Armee die Brieftauben abschaffte. Diese Neuigkeit versetzte mich als Ex-Bundeswehrsoldaten natürlich in Erstaunen.

Die politische Kaste greift gerne nach den Medien, denn sie haben Einfluss auf die Menschen - und damit Macht. Wird den Regierenden der Zugriff auf die Medien verweigert, so scheuen sie sich auch nicht, die große Verbotskeule zu schwingen. Das klappt natürlich nicht, wenn sich die Bürger dagegen wehren und auf Alternativen ausweichen können.

Die Vorstellung der DDR-Führung, die Medien zur Erziehung des neuen Menschen zu nutzen war eine totale Überschätzung. Medien sollten dem Menschen dienen und nicht umgekehrt.