Wiedervereinigungsgeschichten der Leser - DER SPIEGEL
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Wiedervereinigungsgeschichten der Leser "Ist das hier wirklich die Bundesrepublik?"

Stippvisite im Sexshop statt Fahnenschwenken am Brandenburger Tor: Die Fotos aus Berlin prägen unser Bild von der Wiedervereinigung - aber wie wurde der 3. Oktober 1990 in anderen Teilen Deutschlands erlebt? Auf einestages erzählen SPIEGEL-ONLINE-Leser, wie sie wiedervereinigt wurden.
Wiedervereinigt!: Am 3. Oktober 1990 feiern Jugendliche, am Brandenburger Tor in Berlin mit der Deutschlandfahne die Einheit.
Wiedervereinigt!: Am 3. Oktober 1990 feiern Jugendliche, am Brandenburger Tor in Berlin mit der Deutschlandfahne die Einheit.

Wiedervereinigt!: Am 3. Oktober 1990 feiern Jugendliche, am Brandenburger Tor in Berlin mit der Deutschlandfahne die Einheit.

Foto: AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"In dieser September-Nacht vor 21 Jahren, auf dem kurzen Rückweg von Zedtwitz nach Hof, schaltete ich das Autoradio ein. Es muss so gegen zwei Uhr gewesen sein.

Hof war damals das Ende der Welt. Gut, das behaupten viele von dem Ort, an dem sie aufgewachsen sind. Aber Hof war es wirklich. Im hintersten Eck der BRD, eingezwängt zwischen DDR und CSSR gab es in unserer Jugend schlicht weder einen Norden noch einen Osten. Aber für uns, die in den sechziger Jahren geborenen wurden, war die Welt eben so. Wir kannten es nicht anders. Doch etwas hatte begonnen sich zu verändern. Ganz beiläufig hatte man von DDR-Flüchtlingen erfahren, die über eine 'grüne Grenze' von Ungarn nach Österreich gelangt waren.

Doch kaum jemand schien Notiz zu nehmen. Das konnte einfach nicht sein, niemals konnte es so etwas geben, zu frisch waren die Eindrücke von den Ereignissen des Prager Frühlings. Wie lange war das her? Doch schon wieder gute 20 Jahre?

'Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise in die Bundesrepublik …', hatte Hans-Dietrich Genscher um 18:58 Uhr gesagt. Knapp sieben Stunden war das her. Die DDR hatte darauf bestanden, dass der Transport über ihr Staatsgebiet erfolgen musste und kaum einer der in der Prager Botschaft Eingeschlossenen glaubte nicht an eine Finte. Doch es gab keine Alternative.

Jetzt wurde die Ankunft des Zuges in der Bundesrepublik erwartet. In etwa zwei Stunden. Und in Hof. Ich war da. Die Erinnerungen nur Bruchstücke. Blitzlichter. Fahle Gesichter: Erschöpfung, Staunen, Zweifel, Freude, und wieder Misstrauen. Gulaschkanonen, Suppe, Wiener Würstchen. Ist das Westdeutschland? Ganz sicher? Und noch ein verunsichertes Gesicht: Wirklich, ist das hier die Bundesrepublik?

Glauben kann so schwer sein. Doch ich glaubte jetzt. Die können nicht mehr zurück. Nein, ab diesem Punkt können die nicht mehr zurück."

Eingereicht von einestages-Leser Frank Andert

In Fürstenwalde unter den Tisch gesoffen

"Ich als 1970 im Westen Geborener habe die Vorgeschichte zur Wiedervereinigung schon in den Ungarn-Urlauben mit meinen Eltern erlebt. Von Urlaubern aus der DDR erfuhren wir von der steigenden Unzufriedenheit, Gesprächen über Fluchtmöglichkeiten und -pläne. Es bestanden auch schon Freundschaften mit DDR-Deutschen. Man schrieb sich und traf sich im nächsten Urlaub wieder. Insofern war die Wende für uns überfällig, und im Moment der Ereignisse ganz natürlich, normal und gut so. Die historische Bedeutung des Ganzen wurde uns eigentlich erst deutlich später klar - als alles gelaufen war.

Als die anrollenden Trabi-Kolonnen am ersten Tag gemeldet worden waren, haben wir uns an der A8 zwischen Günzburg und Burgau auf eine Autobahnbrücke gestellt und den Anreisenden aus der DDR (man kannte ja die drolligen Autos) zugewunken. Als dann kurz darauf die Reisefreiheit klargemacht war, haben wir in einem Urlaub die DDR über Plauen und Cottbus bis Fürstenwalde aufgerollt, und bei der Gelegenheit alte Urlaubsbekanntschaften besucht.

Mein Vater und ich sind Funkamateure. Rechtlich war damals noch nicht klar, ob wir dort nun funken durften oder nicht. Doch wir haben die Funkgeräte einfach mitgenommen und so auch noch nette Kontakte zu Unbekannten geknüpft. Unvergessen der Funkamateur in Cottbus, der nach dem Kontakt gleich für ein persönliches Treffen mit dem Trabbi zu unserem Wohnwagen getuckert kam. Dann der Jugendclub im Plattenbauviertel in Fürstenwalde, in den ich geschleppt wurde - und in dem mich die Mädels dort knallhart unter den Tisch gesoffen haben. 'Eener aus Bayern, der muss dat doch abkönnen!'

Wie es der Zufall wollte, habe ich später ein Mädchen aus Plauen kennengelernt, bin 1995 dort hingezogen. 1997 haben wir dann geheiratet. Noch 1995 wurde ich im Bekanntenkreis schräg angesehen: 'Wie, du ziehst in die DDR?!' Für mich war dieses seltsame 'Land' längst vergessen. Erst solche Sprüche haben mich überhaupt daran erinnert, dass ein Umzug nach Plauen bis vor einigen Jahren noch nicht so selbstverständlich gewesen war.

Irgendwie ist für mich das 'nach der Wende' der Normalzustand. Die DDR war ein geschichtlich bedingter Ausnahmezustand, der dann zum Glück korrigiert wurde."

Eingereicht von einestages-Leser Ralph Armin Schmid

Vieles gewonnen, eines verloren

"Wir dachten, es kann nicht wahr sein, als Schabowski seine Botschaft zur Reisefreiheit verkündete - so nebenbei auf die Frage eines italienischen Journalisten. Mir wurde einige Monate zuvor noch vom Bürgermeister das Mikrofon aus der Hand gerissen und das Wort entzogen, weil ich mich gegen die Verurteilung von 'Republikflüchtigen' aussprach. Noch am selben Tag ging da die Stasi gegen mich vor. Und nun dieser plötzliche Wandel.

Also fuhr ich mit zwei Freunden - in einem vollen Zug - in den Westen und nahm dankbar die hundert Westmark entgegen, die ich in eine Hose und ein Hemd investierte. Später verdrückte ich mich, um mal allein einen Sexshop auszuprobieren.

Es war eine sehr spannende und glückliche Zeit für uns. Wir waren oder wurden Studenten und alles ging recht problemlos. Natürlich wurden die Hochschulen umgestellt, aber das war kein Problem. Als Informatiker konnte ich locker 20 D-Mark pro Stunde nebenbei verdienen und mich mit BAfög gut über Wasser halten.

Im Nachhinein bin ich den Vorreitern der friedlichen Revolution, den vier Mächten und allen Engagierten enorm dankbar für die Wiedervereinigung. Vor allem den Westlern. Was für eine enorme Großzügigkeit und Risikobereitschaft, sich mit uns DDR-Bürgern und der DDR zu vereinen! Die Freiheit und die Möglichkeiten möchte ich heute nicht mehr missen.

Was allerdings verloren ging, ist eine in der DDR häufig vorhanden gewesene Intensität und Stabilität in Freundschaftsbeziehungen, die eine tiefe Erfüllung und Zufriedenheit schenkte. Diese ist durch die "Segnungen des Konsums" oft völlig verloren gegangen. Sehr schade. Aber das ist wohl der Preis, wenn der Wert mehr im Materiellen als im Zwischenmenschlichen gesehen wird oder die Anforderungen an ein Lebensmanagement sehr hoch sind. Den Luxus guter Beziehungen konnten wir uns in der DDR leisten - und auch dafür bin ich dankbar."

Eingereicht von einestages-Leser Michael Jäckel

Ein neues Kind, ein neues Land

"Als Genscher am 30. September gegen 22 Uhr auf dem Balkon der Botschaft in Prag stand und verkündete, die Leute im Garten dürften in die Bundesrepublik ausreisen, lag ich im Krankenhaus in den Wehen und sah das im Fernsehen. Mein Sohn wurde am nächsten Morgen gegen halb sechs geboren.

In den folgenden Wochen saß ich die meiste Zeit zuhause und stillte, so dass ich tagtäglich die neuen Entwicklungen im Fernsehen mitverfolgen konnte. Ich fand es toll, dass ich dadurch alles aktuell mitbekam.

Schade finde ich nur, dass nicht der 1. Oktober 'Tag der Deutschen Einheit' wurde - also der Geburtstag meines Sohnes. Das hätte ich als ausgleichende Gerechtigkeit empfunden. Schließlich hatte mein Vater am 17. Juni, dem Tag des Volksaufstandes in der DDR, Geburtstag."

Eingereicht von einestages-Leserin Renate Franz

Besorgnis über ein erstarktes Deutschland

"Ich war damals über den gesamten Zeitraum der Wiedervereinigung nicht in Europa. Aus Liebeskummer und sonstigem Frust hatte ich nämlich beschlossen, mein Physikstudium zu unterbrechen. Erstmal Geld verdienen bei Daimler und dann ab nach Asien. Insgesamt zwei Jahre. Nach sechs Monaten Daimler ging's dann im Juli 1989 los: Flug nach Pakistan und ab in die Berge (Nanga Parbat, K2 und so - nein, ich bin da nicht raufgeklettert). Dann ging's weiter nach Indien, wo ich später zum ersten Mal in der 'Times of India' von der Grenzöffnung Österreich-Ungarn erfuhr. Später dann in Goa hörte ich am 10. November 1989 von der Maueröffnung in Berlin.

Im späten Frühjahr 1990 war ich dann in Thailand. Da habe ich die Fußball-WM mitverfolgt. Deutschland war Weltmeister. Kurze Zeit später hab ich in der 'Bangkok Post' mit erstaunen gelesen, dass Gorbatschow und Kohl sich im Kaukasus über den Abzug der sowjetischen Truppen und den Zeitpunkt der Souveränität Deutschlands geeinigt hatten.

Dann kam der 3. Oktober 1990. An diesem Tag bin ich von Singapur nach Jakarta geflogen und hab zum ersten Mal in meinem Leben dabei den Äquator überquert. Die Fluglinie hieß 'Air China' glaube ich. Da die wussten, dass ich Deutscher bin, hatten die mir zur Feier des Tages eine Flasche (französischen!) Rotwein geschenkt - mit der Begründung, dass auch China sich wiedervereinigen muss. Die Flasche habe ich noch während des Fluges ausgetrunken. In Indonesien habe ich dann viele Australier getroffen, die sich besorgt über ein erstarktes, wiedervereinigtes Deutschland äußerten. Kurz und Gut: Weihnachten 1990 war ich wieder in Deutschland. Als ich im Juli 1989 wegflog war Honecker noch Chef der DDR, als ich zurückkam hatte die BRD fünf neue Bundesländer."

Eingereicht von einestages-Leser Mathias Völlinger

Mauerfall? Verschlafen

"Wie ich den Mauerfall erlebte? Ganz einfach: Ich habe ihn verschlafen - wohl als einer von ganz wenigen Menschen in Deutschland. Ich hatte am Donnerstag, den 9. November 1989, Kopfschmerzen und bin um 19 Uhr ins Bett gegangen. Ich habe auch gleich geschlafen und nur gemerkt, dass mich jemand schüttelte und sagte: 'Steh auf, die Mauer ist gefallen.' Kommentar meinerseits: 'Veralbern kann ich mich selber. Lass mich weiter schlafen.'

Als ich am Freitag früh aufwachte war die Mauer Geschichte ...

Die Wiedervereinigung hat nicht das gebracht, was wir uns versprochen haben und Deutschland ist leider auf einem unguten Weg in Richtung DDR. Das ist mein trauriges Fazit."

Eingereicht von einestages-Leserin Ingrid Wild

Wiedervereinigt - mit Frankreich

"'Sie sollten bedenken', sagte die Dame an diesem Tag im Frühjahr 1990 im Riesaer Reisebüro, 'der konsularische Dienst der Republik Frankreich verlangt in der Regel den Nachweis, dass der Reisende aus dem Osten über die ...', sie räusperte sich diskret, '... die notwendigen finanziellen Mittel verfügt, um seinen Aufenthalt zu bestreiten.' Die hatte ich an diesem Tag im Frühjahr 1990 nicht. So durfte ich zwar in den Westen - aber nur in den deutschen Westen. Frankreich war erstmal Neese, wie meine Berliner Mutter gesagt hätte.

Im Oktober 1990, ich war inzwischen wiedervereinigt worden, saß ich endlich im Zug nach Paris. Leider gibt es zwar Rückfahrkarten für Urlaubsreisen, nicht aber für Reisen in die Vergangenheit. Doch genau das hätte ich mir gewünscht - zurück nach 1973 zu fahren. Denn in diesem Jahr hatte meine große Liebe zu einer Französin ein brüskes Ende genommen.

Also saß ich am Abteilfenster, sah hinaus, las Bahnhofsnamen wie Darmstadt, Mannheim, Ludwigshafen, Kaiserslautern und Saarbrücken. Komisch. Das war nun plötzlich mein Heimatland, mein Vaterland geworden.

Zwischen Saarbrücken und Forbach - ich hatte mich schon innerlich auf eine Invasion des Zuges durch unzählige Uniformen aller Art eingestellt - wollte dann niemand meinen Pass sehen. Keiner fragte mich woher, wohin, wie lange, weshalb, ließ mich nicht meine Hose aufknöpfen, um zu sehen, ob ich nicht vielleicht an unzüchtiger Stelle meine Zeugnisse oder illegal erworbene Zahlungsmittel, die nach vollzogener Republikflucht gewinnbringend hätten versilberten werden können, verborgen hätte.

Der Westen, mit dem ich vereinigt worden war, erwies sich auf dem Weg von der Saar nach Lothringen als viel größer, als ich angenommen hatte. 1990 endete er für mich vorerst in Paris, was an der fest verschlossenen Tür zur Vergangenheit und an meinen mehr als dürftigen Kenntnissen der französischen Sprache lag. Mittlerweile habe ich den deutschen gegen den französischen Pass eingetauscht, und man könnte meinen, ich sei undankbar gegenüber dem wiedervereinigten Deutschland und habe es einfach aufgegeben.

Indes ist es genau umgekehrt. Die Wiedervereinigung, welche ich viele Jahre gefürchtet hatte, wie der Teufel das Weihwasser, hat letztendlich dann doch noch etwas geschafft, was nur höchst selten geschieht - sie hat mir die Tür zur Vergangenheit einen Spalt breit geöffnet. Ich bin hindurchgeschlüpft und habe meine Liebe von 1973 wiedergefunden."

Eingereicht von einestages-Leser Didier Scheibe

Mauerfallfeier in Caracas

"Ich lebte damals in Caracas, Venezuela. Dort leitete ich ein Vertretungsbüro. Am Morgen hatte ich für mich ein Häuschen am Meer gekauft, danach mit der Geschäftsleitung einer bedeutenden bayrischen Aluminiumfirma beim zuständigen Ministerium eine Absichtserklärung für die Errichtung einer Aluminium-Schmelzerei mit angeschlossener Gießerei (Projektvolumen: 80 Millionen D-Mark) erreicht. In ausgezeichneter Stimmung lud ich die Herren aus Bayern und meine Mitarbeiter in ein Nobel-Restaurant ein. Als ich mich dafür zuhause umzog, sah ich im Fernsehen den Mauerfall. Mir war sofort die gewaltige Bedeutung bewusst, hatte ich doch immer behauptet, ich würde (damals knapp 60 Jahre alt) eine Wiedervereinigung nie erleben. Als wir uns dann im Restaurant trafen und ich unseren Gästen aus Bayern erzählte, die Mauer sei gefallen, glaubte man zunächst an einen Scherz. Als uns dann allen bewusst wurde, was geschehen war, stieg die Stimmung und wir feierten bis in die frühen Morgenstunden."

Eingereicht von einestages-Leserin Heinz Hulden

Besuch bei "Gattrien in Lahpsch"

"Pünktlich gegen Ende der DDR meldete ich mich kurzentschlossen bei einem Club für Innerdeutsche Brieffreundschaften an. Und nur wenig später hörte ich durch meine neue DDR-Brieffreundin von einer ganz einzigartigen DDR-Stadt, von der ich zunächst gar nicht wusste, dass sie überhaupt existierte: Lahpsch (Leipzig).

Meine neue Brieffreundin hieß Kathrin, auf Sächsisch klang es aber eher wie Gattriehn. DDR-Briefmarke, DDR-Adresse, DDR-Postleitzahl, und der Reiz des DDR-Unbekannten verleiteten zu einem regelrechten BRD-DDR-und-DDR-BRD-Schreibwahn. Die Mehrheit der Fragen wurde allerdings vom Westen in den Osten gesandt. Kathrin nämlich war längst durchs früher verbotene Westfernsehen bereits bestens über Zustände jenseits des Antifaschistischen Schutzwalls informiert.

Und so schrieb Kathrin, dass sie ein ‘New Kids on the Block’-Fan sei, ihr Vater der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands SED angehöre, sie sogar Telefonanschluss hatten, eine 'Vierraumwohnung' mit eineinhalb Badezimmern (zwei Klos) bewohnten, eine Wochenend-Datscha mit Schrebergarten besaßen, und das Lada-Topmodell 2107 fuhren - alles weit über dem typischen DDR-Standard also. Heimlich begann ich mich zu fragen, ob Kathrins Familie vielleicht nicht doch bessergestellte Stasi-Angehörige waren.

Als Kathrin mir dann eines Tages ihre Telefonnummer zuschickte, bettelte ich meine Mutter an, mal in der DDR bei ‘Gattrien in Lahpsch’ anrufen zu dürfen. Irgendwann gab meine Mutter nach. Damals musste man noch die Auslandsvorwahl 00 und die DDR-Landesvorwahl 37 auf der Drehwahlscheibe wählen und zum Auslandstarif ins Ausland DDR telefonieren. Besetzt. Das marode DDR-Telefonnetz machte mir also einen Strich durch die Rechnung. Doch ich blieb beharrlich, und nach endlosen drei Stunden wählen und hoffen, kam ich durch. Die Verbindung knackte. Der Ost-Klingelton in der Leitung erschien deutlich heiserer, langsamer und tiefer als der bei uns im Westen.

Dann nahm Kathrins Mutter endlich ab. 'Gattrien, der Pah-Olo is am Dalafon', rief Muddi in die 'Vierraum'-Plattenbauwohnung. Dann war meine DDR-Brieffreundin endlich an der Strippe. Nur mühsam konnte ich ausmachen, was sie sagte. Es klang alles so verbeult und ausgeleiert. Wir machten aber ab, dass ich sie in Lahpsch besuchen kommen sollte.

Gesagt, getan. Nur wenige Wochen später hob die Lufthansa Maschine aus Hamburg ab gen Osten. 'Gattriens Babba', ein älterer Mann mit dicker DDR-Hornbrille, holte mich dann mit 'der Momma' vom Flughafen ab. Ich staunte nicht schlecht, als wir anstatt in den besagten, russischen Lada in einen nagelneuen, goldmetallic VW Passat GL mit 90PS, Schiebedach, und Nebellampen einstiegen.

'Der Babba' zeigte mir, dem Wessi, auf der Autobahn auch sogleich, was die neue Familienkutsche hergab: 40 Jahre lang, nach automobiler Magerkost herbeigesehnte, westlich-schnelle 170 km/h auf holprigen DDR-Plattenautobahnen waren der Alptraum eines jeden Genossen Volkspolizist. Denn deren Vopo-Viertakt-Ladas und die VEB-Zweitakt-Wartburgs wurden garantiert abgehängt.

Angekommen hielten wir vor einem mehrgeschossigen Plattenbau im Leipziger Neubauviertel Mockau-Ost. Kathrin hing erwartungsvoll aus dem Fenster. West-Musik dröhnte aus dem zweiten Stock. Obwohl dies ohne Zweifel als privilegiertes Wohnen in der DDR galt, blätterte die Farbe an der Außenfassade großflächig ab. Eine grässliche Blümchentapete zierte das Treppenhaus. Es roch muffig. In der Badewanne schwammen mehr schlecht als recht gekühlte Cola-Dosen, ein weiteres Zeichen dafür, dass man aus vollem Halse, Magen, und Herzen nun endlich ‘richtiger’ Deutscher erster Klasse sein wollte und nicht mehr nur DDR-Bürger, wenn auch mit unübersehbaren SED-Partei-Privilegien.

Kathrins Zimmer betretend, wurde ich nun als einziger Wessi ganz überraschend von mehreren Ossis kleidungsmassig von oben bis unten genaustens gemustert. Alle hatten schon durch Kathrin von mir gehört. Doch meine 60-D-Mark-Donnay-Turnschuhe von Karstadt hielten der Ost-Prüfung auf West-Chic hin nicht stand. Westlich ja, aber eben nicht westlich-teuer genug, lautete die einhellige Meinung. Verächtlich und enttäuscht wandte man sich von mir ab. Unvorstellbar: Ich hatte mich im Osten in Rekordzeit ‘ge-autet’."

Eingereicht von einestages-Leser Björn-Paolo Petersen

Erst Revolution von unten, dann Verwaltungsakt von oben

"Ich finde es traurig, wie wenige Menschen den Mauerfall vor 21 Jahren und die staatliche Vereinigung vor 20 Jahren auseinander halten können.

Der Herbst 1989 war: enthusiastisch, waghalsig, freudentrunken, 'Waaaaaahnsinn!', idealistisch, Revolution von unten, einsichtig (Polizisten und Grenzsoldaten, die beiseite traten, statt zu schießen), klug (Runde Tische), versöhnlich, experimentierfreudig.

Der Herbst 1990 war: Verwaltungsakt von oben, populistische Versprechen ('blühende Landschaften') und Gier (Ost: westlicher Lebensstandard über Nacht. West: Sahnestückchen der Treuhand, Absatzmarkt für Gebrauchtwagen und anderen Kram - Ja, es gab auch Idealisten, die sich ehrlich für das Zusammenwachsen engagiert haben. Aber mit der Aufbruchstimmung 89 war das leider nicht mehr zu vergleichen)."

Eingereicht von einestages-Leser Thorsten Goldberg

Feiern, bis das Tagesvisum abläuft

"Prolog im Juli 1989: Als Studentenpaar aus Darmstadt machten wir Campingurlaub in der DDR. Auf jedem Campingplatz mussten wir uns die genehmigte Route abstempeln lassen. In Dresden kamen wir vom rechten Weg ab. Wir lernen in der FDJ-geführten Kneipe "Bärenzwinger" eine Clique aus Ost-Berlin kennen. Auf irgendeinem Ost-Berliner Campingplatz stand dann Nachts ein leeres Zelt. So erhielten wir unseren Stempel, aber übernachteten lieber illegal in Köpenick bei neuen Freunden.

4. November 1989: Große Demonstration in Ost-Berlin. Wir haben zusammen mit West-Berliner Freunden den Auftrag, die 'Titanic'-Ausgabe mit Titelmädchen 'Zonen-Gabi' über den Grenzübergang Friedrichstraße zu unseren neuen Freunden nach Köpenick zu bringen. Das Vorhaben gelingt und wir feiern unsere ganz persönliche Wiedervereinigung – nichtsahnend gerade mal fünf Tage vor dem Mauerfall. Wir mussten schnell feiern. Denn um Mitternacht lief unser Tagesvisum ab.

9. November 1989: Wir hören bei einer WG-Feier in Darmstadt im Radio vom Fall der Mauer und ärgern uns krumm, dass wir nicht noch ein paar Tage geblieben sind.

1989/1990: Ost und West feiern in regelmäßigen Abständen zusammen. Meist im Osten. Weil die das definitiv besser können. Wir reisen am liebsten mit Motorrädern an. Denn das war 'damals' in der DDR verboten - auch mit Visum.

Oktober 1994: Drei Freunde stehen ganz oben auf dem World Trade Center und sind beeindruckt. Einer ganz besonders: Mein Freund Tassilo aus Köpenick. Er ruft in imitiertem sächsischem Dialekt in die Weite: 'Dange Hellmuut, dess isch des örläben darf!' Ich lache ich mich krumm."

Eingereicht von einestages-Leser Klaus Hoffmann

Unsere drei Herkunftsländer: BRD, DDR, USA

"Ich persönlich habe dem Mauerfall 1989 nicht so eine große Bedeutung beigemessen. Ich war jung und mehr auf mich fixiert als auf 'weltbewegende Ereignisse'. Jahre später holte mich die Geschichte in einer Zusammensetzung mehrerer Ereignisse wieder ein: Ich lernte meine damalige Frau in der Nähe der ehemaligen innerdeutschen Grenze kennen. Sie Ostdeutsche (geprägt durch russische Besatzung), ich Westdeutscher (geprägt durch amerikanische Besatzung). Unser gemeinsames Kind wurde zehn Jahre nach Mauerfall am 'ehemaligen' Tag der Deutschen Einheit in den USA geboren. Dort hissten wir dann auch fleißig immer am 4. Juli und am 03. Oktober die Flaggen unserer '3' Herkunftsländer: BRD, DDR und USA."

Eingereicht von einestages-Leser Kai Martin Ulrich