Wien - die dunkle Seite der Stadt: Beton, Knochen, Schweigen - DER SPIEGEL
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Dunkles Wien - Orte des Schreckens und Verbrechens

Foto: Robert Bouchal

Die dunkle Seite Wiens Geschichte, die wehtut

Wien, die Stadt des Walzers, der Kaffeehäuser und Paläste. Wirklich? Zwei österreichische Autoren haben jetzt die dunklen Seiten der Stadt erkundet - und stießen auf Geschichten, die sich nicht für nette Anekdoten eignen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am 24. Oktober 1945 sorgte eine Meldung in der "Österreichischen Volksstimme" für Aufregung: Unter der Währinger Straße seien noch immer 17 "Zivilarbeiter" damit beschäftigt, "einen der größten Luftschutzkeller Wiens" zu errichten. Die Arbeiter hätten erklärt, dass sie keine Weisung erhalten haben, ihre Tätigkeit einzustellen. Rund 400 Meter lang solle der Keller werden und zwölf große Räume umfassen.

Ungewöhnlich war seine extrem tiefe Lage: 17 Meter unter der Oberfläche, beginnend auf Höhe des Palais Chotek und endend unter dem Park des Palais Clam-Gallas. Der Verwalter des Anwesens, so schrieb die Zeitung, habe erklärt, mit den Aktivitäten nichts zu tun zu haben. Die Arbeiter gaben an, ihren Auftrag vom Kanalbauamt erhalten zu haben.

Österreichs Hauptstadt Wien ist ein architektonisches Juwel, auch noch nach dem Krieg. Der Glanz der einstigen kaiserlichen Reichsmetropole zieht heute Millionen Besucher an. Sie kommen wegen Musik, Kunst und Kultur und der Schönheit zahlreicher Prachtbauten. Zwei österreichische Autoren haben sich dieser imposanten Stadt nun von einer anderen Seite genähert. Ihre These: Zur Genetik Wiens gehöre auch, "Geschichte, die wehtut" zu verschweigen.

"Dunkles Wien" heißt das Buch, in dem Robert Bouchal und Johannes Sachslehner von "Orten des Schreckens und des Verbrechens" berichten. Sie stiegen dafür in Keller hinab, überwanden Mauern, Zäune und verschlossene Tore. Ihre Recherche galt jener Geschichte, so schreiben die Autoren, die nicht in Museen oder Hörsälen präsentiert werde, sondern "sich im Laufe der Zeit in den Räumen hinter den Fassaden aus Stein und Ziegeln, aus Beton und Glas verdichtet hat". Reportageartig berichten sie von Menschen, deren Schicksal sich in oft tragischer Weise mit diesen Orten verband.

Unter Beton begraben

Als am 21. Februar 1945 gegen Mittag ein Bomberverband der 15. US-Luftflotte über Wien donnerte, liefen Menschen mit ihren Habseligkeiten zur Kirche am Wienerberg. Der mächtige Betonbau war erst wenige Jahre alt, architektonisch ein ambitioniertes Projekt und mit einem Fassungsvermögen von 3600 Menschen eine der größten Kirchen Wiens. Allein das Untergeschoss bot Platz für bis zu 2500 Menschen und war während des Krieges zum Luftschutzraum erklärt worden.

 Was nichts nützte an dem Tag, da eine Bombe direkt in der Kirche einschlug.

 Die 140 Toten, vor allem Frauen und Kinder, die teils nicht mehr identifiziert werden konnten, waren den Wiener Blättern keine Meldung wert. Stattdessen beklagte man schwere Schäden an den Wahrzeichen der Stadt: dem Rathaus, dem Gauhaus - früher das Parlament -, der Universität, der Akademie der bildenden Künste, dem Ausstellungsgebäude der Wiener Secession und dem Radiobühnentrakt im Funkhaus des "Reichssenders Wien". Die Kirche wurde in den Fünfzigerjahren wieder aufgebaut.

 Zwar gebe es durchaus "Erinnerungsorte und Denkmäler im öffentlichen Raum", konstatieren die Autoren. Das Verhältnis der Wiener und Wienerinnen zur Geschichte ihrer Stadt sei aber eher so: "Man sagt Ja zu den diversen 'Erinnerungsübungen' und klatscht Beifall zu den gefälligen Sonntagsreden, weil es so erwartet wird, aber man setzt sich nicht kritisch mit dem Erinnerten auseinander."

Jugendstil und ein monströses Verbrechen

 Das Otto-Wagner-Spital auf der Baumgartner Höhe ist eine weitläufige terrassenförmige Anlage mit dutzenden Pavillons und Nebengebäuden. Der Architekt und Stadtplaner Otto Wagner entwarf hier eine der modernsten und größten Heil- und Pflegeanstalten Europas. 1907 wurde sie eröffnet. Das Zentrum des Jugendstilensembles bildete das "Gesellschaftshaus" mit großem Theatersaal und lichtdurchflutetem Schwimmbecken, ursprünglich ein Ort der Begegnung für Mitarbeiter und Patienten. Es erfüllte nicht lange seinen Zweck. Im Ersten Weltkrieg als Lazarett genutzt, beherbergte es später die von den Nazis mit großem Aufwand angelegte "Zentralkartei" der "erb-biologischen Bestandsaufnahme".

"Zum Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Staates in der Psychiatrie und zur Mahnung errichtet im Jahre 1988", steht auf einer schlichten Tafel im Direktionsgebäude des Klinikkomplexes. Während der Euthanasie-Mordaktion T4 waren von hier mehr als 3000 Patienten in Vernichtungsanstalten gebracht worden. Ein Teil der leeren Krankenpavillons wurde danach zur Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund, deren Kinderfachabteilung sich auf medizinische Versuche spezialisierte und mindestens 789 Kinder ermordete.

"Die Tatsache, dass das Gelände Schauplatz eines monströsen Verbrechens war, scheint hier kein großes Aufsehen mehr zu machen", schreiben die Autoren. Das Gedenken daran sei zu einem Pavillon mit einer kleinen Dauerausstellung abgeschoben worden.

Leistungsstarke Fünftonner

Zwei stark befahrene Straßen umrahmen im Stadtteil Simmering das verlassene Werksgelände der Saurerwerke, Nutzfahrzeughersteller seit 1906. 1969 wurde die Produktion eingestellt. In einem der Konstruktionsbüros fanden die Autoren noch Pläne für Luftschutzräume von August 1944.

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Dunkles Wien - Orte des Schreckens und Verbrechens

Foto: Robert Bouchal

Unter der Bestellnummer 1737/41 ging Ende 1941 bei der Firma Gaubschat Fahrzeugwerke in Berlin-Neukölln eine Bestellung des Reichssicherheitshauptamtes ein. In Auftrag gegeben wurden 30 Spezialaufbauten für "angelieferte Fahrgestelle". Die Kastenaufbauten sollten 5,8 m lang und 1,7 m hoch sein und bis zu 100 Personen "befördern" können. Bei den Fahrgestellen handelte es sich um leistungsstarke Fünftonner der Saurerwerke Wien. Eingeweihte wussten, wozu diese seltsamen Kastenaufbauten benötigt wurden: um Juden zu vergasen. Neben Spähpanzern lieferten die Saurerwerke im Zweiten Weltkrieg auch sogenannte Gaswagen.

 "Wer sich in Wien den dunklen Seiten der Stadt zuwenden möchte, erfährt wenig Unterstützung," stellten die Autoren fest. Manche Institutionen scheuten "noch immer den kritischen Blick auf die eigene Vergangenheit, es fehlt an Begeisterung und Neugier, es gibt kaum Impulse und Initiativen."

Krude NS-Forschung

 Der alte Jüdische Friedhof Währing ist von einer hohen Mauer umgeben, deren oberen Abschluss einbetonierte Glasscherben und Stacheldraht bilden. Niemand soll wagen hinüberzuklettern. Letzte Bestattungen fanden dort in den 1880er-Jahren statt. Danach nutzte die Israelitische Kultusgemeinde den Wiener Zentralfriedhof. Jener in Währing blieb unberührt - bis zu einem Beschluss der Wiener Ratsherren im Januar 1942. Danach sollte der Friedhof Grünanlage, "Vogelschutzgebiet" - und Löschteich werden.

 Etwa 2000 Gräber waren zerstört, die Knochen in Kisten gesammelt und auf den Zentralfriedhof verbracht worden, als der Altorientalist und Archäologe Viktor Christian, Dekan der Philosophischen Fakultät, sein Interesse an den verbliebenen Gräbern bekundete - konkret am "jüdischen Skelettmaterial".

Der Akademiker war Mitglied der NSDAP und der im Geheimen tätigen antisemitischen Professorengruppe "Bärenhöhle" um den Paläontologen Othenio Abel. Als ehrgeiziger Mitarbeiter der "Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe" regte Christian die "Untersuchung von historischem und anthropologischem Material auf Friedhöfen" an. Sein Traum: Anhand familienmäßig zusammengefasster Skelette die körperliche Degeneration der Juden über mehrere Generationen zeigen zu können. Im August 1942 begannen die Ausgrabungen.

 Die Forschung konnte der SS-Sturmbannführer offenbar bis Kriegsende nicht mehr in Angriff nehmen. Danach wurde er von der Universität entlassen, legte Widerspruch ein und erreichte seine Pensionierung mit vollen Bezügen. Seine Schüler feierten ihn 1956 mit einer Festschrift zum Thema "Vorderasiatische Studien", der Währinger Friedhof blieb unerwähnt. Schon im April 1947 hatte das Naturhistorische Museum der Israelitischen Kultusgemeinde 220 exhumierte Skelette übergeben.

Arm und Reich ... und weg

 "Orte des Schreckens und Verbrechens" existierten in Wien nicht nur während des Nationalsozialismus. Bouchal und Sachslehner berichten über das Elendsviertel Krim, das Bordell an der Girardigasse, die "kaiserlich-königlichen Weiberstrafanstalt" und die "Kopfschussstation". So wurde das Lazarett genannt, das im Ersten Weltkrieg in die "Döblinger Privatirrenanstalt" zog. Orte, an die sich kaum jemand freiwillig begab, wozu wohl auch die Asylhäuser und Obdachlosenheime gehörten.

 Unter den Obdachlosen Wiens lebte ab 1910 der 20-jährige "Kunstmaler" Adolf Hitler. Laut polizeilichem Melderegister wohnte er bis zum 24. Mai 1913 im "Männerlogierhaus" in der Meldemannstraße. Entworfen von den Architekten Leopold Ramsauer und Otto Richter galt es als eines der modernsten Obdachlosenheime Europas - finanziert unter anderem durch Spenden reicher jüdischer Familien an den "Kaiser Franz Joseph I.-Jubiläumsfonds für Volkswohnungen und Wohlfahrtseinrichtungen".

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Hitler malte für seinen Lebensunterhalt. Vor allem: Wien-Ansichten. Den Stephansdom, die Karlskirche, das Rathaus, das Parlament. Um die Kosten für das Männerheim und die Malutensilien bestreiten zu können, hätte er täglich mindestens ein Bild malen müssen - eine Aufgabe, an der er scheiterte.

 In "Mein Kampf" schrieb er später: "Wien gehörte nach der Jahrhundertwende schon zu den sozial ungünstigsten Städten. Strahlender Reichtum und abstoßende Armut lösten einander in schroffem Wechsel ab (…) Vor den Palästen der Ringstraße lungerten Tausende von Arbeitslosen, und unter dieser via triumphalis des alten Österreich hausten im Zwielicht und Schlamm der Kanäle die Obdachlosen."

 Nach drei Jahren im Männerheim verließ Hitler Wien. Das kaiserlich-königliche Bezirksgericht Linz hatte die Auszahlung des väterlichen Erbteils verfügt, woraufhin sich der spätere Diktator und Kriegstreiber bei der Wiener Polizei abmeldete. Sein Reiseziel München aber verschwieg er, um sich, neu eingekleidet und mit nur kleinem Köfferchen, der Musterung für Österreich-Ungarns Heer zu entziehen.

Der Keller der Botschaft

Wiens dunkle Geschichte endete nicht mit dem Jahr 1945. Die ungarische Schriftstellerin Tünde Zsuffa erzählte von einer Begegnung im prachtvollen Rokoko-Palais an der Bankgasse 6-8, Sitz der ungarischen Botschaft. Eine Frau habe das Gebäude besichtigen wollen, sei jedoch am Eingang in Tränen ausgebrochen. Wie sie berichtete, habe sie das Haus schon einmal besucht - als Kind mit ihren Eltern. Zusammen mit der Mutter habe sie warten müssen, während der Vater in die konsularische Abteilung ging - und nie zurückkam. Die Recherchen sind noch nicht abgeschlossen, doch es gibt Hinweise darauf, dass die Staatsschutzabteilung der ungarischen Staatspolizei während des Kalten Krieges Gegner des kommunistischen Regimes im Botschaftskeller festhielt, folterte und tötete. Einige Leichen seien später in der Donau entdeckt worden.

 Keller scheinen prädestiniert für dunkle Geheimnisse. Als Bouchal und Sachslehner 2019 das Palais Chotek besuchten, unter dem noch Monate nach Kriegsende an einem Luftschutzkeller gebaut wurde, waren dort gerade wieder Bauarbeiten in Gange. Im Hof entdeckten sie eine im Boden eingelassene Tür, die in einen weitläufigen Keller führte, in dem es wiederum ein Loch im Boden gab. Ein schmaler Schacht mit rostigen Steigeisen führte zu einer weiteren unterirdischen Ebene. Ein offenbar nicht mehr fertiggestellter Gang war eingestürzt, am Boden lagen Luftfilter für Gasmasken.

 Eine Antwort darauf, warum der Ausbau noch bis zum Oktober 1945 forciert wurde und wohin der Gang hätte führen sollen, lässt sich zumindest dort unten nicht mehr finden. Die beiden Autoren waren die Letzten, die ihn zu sehen bekamen. Um dem künftigen Luxushotel mit Tiefgarage sicheren Stand zu geben, wurde der alte Keller einige Wochen später abgemauert und mit Beton verfüllt.