Wiesengrund - DER SPIEGEL
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Wiesengrund: Das KZ vor der Haustür

Foto: Step 21/M. Scheck: Das KZ vor der Haustüre, Vaihingen 2005. Grafik: P.Klose

Wiesengrund Das KZ vor der Haustür

Tausende jüdische Zwangsarbeiter aus dem KZ Wiesengrund sollten 1944 bei Vaihingen an der Enz eine Jagdfliegerfabrik unter der Erde errichten - viele ließen dabei ihr Leben. Eine Gruppe von Schülern des Jugendzeitungsprojekts Step 21 erzählt wie die Einwohner des Dorfes nach dem Krieg mit der Erinnerung umgingen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vaihingen an der Enz war eine kleine, fast verschlafene Stadt, als im Frühjahr 1944 die jüdischen Gefangenen eintrafen. Weil die Rote Armee in Polen immer weiter vorrückte, hatte die SS das Konzentrationslager Radom im Norden des Landes aufgelöst. Mehr als 2.000 Häftlinge wurden von dort über Auschwitz nach Vaihingen transportiert. Sie wurden in dem anliegenden Konzentrationslager Wiesengrund, einem Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof, untergebracht, das zuvor in einem verlassenen Tal errichtet worden war.

Für die "Organisation Todt" von der NS-Regierung in Auftrag gegeben, sollten die Zwangsarbeiter hier eine unterirdische Fabrik zur Produktion von Jagdflugzeugen bauen - in einem alten Steinbruch. Ein "Loch, von doppeltem Stacheldrahtzaun und etlichen Wachtürmen" umgeben - so beschreibt der ehemalige Häftling Alfred Lipson den Ort.

Vorbereitet auf die "Ankunft von Kriminellen"

Da das Fachwissen der Gefangenen für den Bau der Fabrik nicht ausreichte, wurden zusätzlich Sprengmeister, Elektriker und Maurer angestellt. So arbeiteten auf der Baustelle mit dem Decknamen "Stoffel" Häftlinge und zivile Arbeiter gemeinsam. Die Menschen in Vaihingen/Enz waren offiziell auf die Ankunft von "Kriminellen" vorbereitet worden. Trotzdem steckten einige den Häftlingen immer wieder heimlich Brot, Kartoffeln und Äpfel zu. Wohl aus Mitleid, wie der Überlebende Jules Schelvis glaubt: "Wir waren stark unterernährt und sahen in unseren Lumpen absonderlich und verwahrlost aus."

Nach nur drei Monaten wurden die Arbeiten auf der Baustelle eingestellt, da die ständigen Bombardierungen der Alliierten diese zu sehr behinderten. Die Häftlinge hatten zwar einen Luftschutzstollen in den Stein gesprengt, doch sie selbst durften dort keine Zuflucht suchen.

Schon bald wurden die kräftigsten Häftlinge aus dem KZ Wiesengrund auf andere Arbeitslager in der näheren Umgebung verteilt. Aus dem Außenlager Wiesengrund wurde ein sogenanntes "Kranken- und Erholungslager" - faktisch ein Sterbelager. Täglich kamen Züge mit weiteren Gefangenen an, darunter auch russische, italienische und norwegische Juden. Ende 1944 war das Lager mit rund 2.400 Häftlingen restlos überfüllt.

Flecktyphus und Tuberkulose breiteten sich aus

Den Winter 1944/45 überstanden viele der jüdischen Häftlinge nicht. "Außerhalb der Stollen beeinträchtigten Schnee und Nässe unsere Widerstandsfähigkeit", erinnert sich Jules Schelvis.

"Wir hatten nur dünne Holzklötze unter den Füßen und Unmengen von Läusen." Darüber hinaus breiteten sich Krankheiten wie Flecktyphus und Tuberkulose rasend schnell aus. Auch der ehemalige Häftling Floris Barkels berichtet von den schlimmen Zuständen im KZ Wiesengrund: "Immer - auch nachts - wurden irgendwo Menschen gequält." Ständig habe er das Jammern und Schreien der Männer gehört.

Als die französische Front herannahte, verließen die SS-Bewacher fluchtartig das Lager. Die Gefangenen, die noch gehen konnten, nahmen sie mit und brachten sie ins Konzentrationslager Dachau. Fünf Tage lang blieb das Lager unbewacht, bis am 7. April 1945 die französischen Panzer einrollten. "Die Befreier fanden 80 tote Körper, die über das Lager verstreut waren, und 837 halbtote Gefangene", erzählt Alfred Lipson in seinem Bericht für das Buch Das KZ vor der Haustüre.

Nicht nur die Seuche sollte verschwinden

Damit der Typhus sich nicht weiter ausbreitete, wurden einige Tage später alle Baracken und Kleidungsstücke verbrannt. Doch anscheinend sollte nicht nur die Seuche verschwinden: Der zuständige Landrat Dr. Friedrich Kuhnle befahl jedem arbeitsfähigen Mann aus der Gegend zwischen 17 und 60 Jahren, für einen Tag nach Vaihingen zu kommen, um die letzten Überreste des Lagers zu beseitigen. In den Amtlichen Nachrichten vom 15. Dezember 1945 heißt es, die Spuren des "beschämenden" Konzentrationslagers müssten getilgt werden.

Ohne die mahnenden Ruinen des Konzentrationslagers ließen sich die furchtbaren Ereignisse, die vor der eigenen Haustür zu traurigem Alltag geworden waren, schneller vergessen. Doch wie sollten die Menschen begreifen können, welches Unrecht dort geschehen war? Mit der Beseitigung der Spuren wurden zugleich die Erinnerungen an das geschehene Unrecht und damit die Möglichkeit zum Gedenken genommen.

Erst viele Jahre später errichtete der Verein "Initiative KZ-Gedenkstätte Vaihingen/Enz e.V " auf den Grundmauern der ehemaligen Desinfektionsbaracke eine Gedenkstätte. Auch ein Friedhof wurde angelegt, um den Häftlingen, die im Außenlager Wiesengrund ihr Leben ließen, eine würdige Ruhestätte zu geben.

Zuerst erschienen in "STEP 21 [Weiße Flecken]", dem Jugendzeitungsprojekt von STEP 21 - Initiative für Toleranz und Verantwortung.

Von Frederik Glaser (19), Helen Hauser (18), Natascha Kastner (20), Dominique Köppen (18), Vito Masiello (18), Christian Schäfer (18) und Sebastian Schroth (19)