Wolf Biermann in Frankfurt: Ein Unbekannter mit Starallüren
Wolf Biermann in Frankfurt Ein Unbekannter mit Starallüren
Vermutlich hätte ich die Episode mit Wolf Biermann vergessen, hätte er Jahre danach nicht politisch so viel von sich reden gemacht. Als Student der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt durfte ich im Wintersemester 1964/65 dem Kulturreferenten der Asta (Allgemeiner Studentenausschuss) bei der Vorbereitung eines Konzerts helfen. Der "Ostberliner Kabarettist Wolf Biermann" werde kommen, erklärte mir der Kulturreferent. Es war Biermanns erste Konzertreihe im Westen, eine Gasttournee auf Einladung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Ich hatte noch nie etwas von Biermann gehört.
Ich schrieb damals die folgende Tagebuchnotiz: "8. Dezember 1964. Der Kulturreferent des Asta, Schneider, plant eine Veranstaltung mit dem Ostberliner Kabarettisten Wolf Biermann. Hierfür steht ein Saal im Studentenhochhaus zur Verfügung. Da ihm dieser nicht geeignet erscheint, bemüht er sich um einen anderen. Er wendet sich an Prof. Walter Wittsack, den Chef des Instituts für deutsche Sprechkunde, wo sich ein Saal mit etwa 100 Plätzen befindet, der außerdem mit Bühne, Scheinwerfern und Mikrophon-Anlage ausgestattet ist. Der Prof. sagt zu, jedoch müsse die endgültige Entscheidung dem Rektor Prof. Wolfgang Franz überlassen bleiben. Schneider versucht, den Rektor zu erreichen. Doch dessen Sekretärin klärt ihn darüber auf, daß eine Zustimmung des Rektors nicht nötig sei, da es sich um ein selbständiges Institut handele (das aber zur Uni gehört und sich im Uni-Gebäude befindet). Schneider berichtet dies dem Prof. Wittsack, der nun seine ursprünglich gegebene Zusage zurücknimmt und nicht dafür verantwortlich sein will, 'daß etwa im Neuen Deutschland stünde, die Universität Frankfurt habe Räume für das Gastspiel eines Ostberliner Künstlers zur Verfügung gestellt'".
Irgendwie gelang es dem Asta-Kulturreferenten Schneider dennoch, sich mit seinem Wunsch, den Auftritt im Uni-Gebäude stattfinden zu lassen, durchzusetzen. Am 10. Dezember fand wie geplant das Biermann-Gastspiel statt. Ich war der einzige Zuhörer, der den Auftritt Biermanns fotografierte. Journalisten der "Welt" und der "Frankfurter Rundschau" baten mich um Abzüge. Ich musste jedoch wegen fehlender Möglichkeiten, die Fotos noch am gleichen Abend zu reproduzieren, ablehnen.
Ein besonderer Genuss war Biermanns Auftritt für mich eigentlich nicht. Er benahm sich wie ein Star, was mich irritierte. Dass er damals in der DDR schon ziemlich bekannt war, wusste ich nicht. Ich fand ihn arrogant und eitel. Auch seine Texte haben mich nicht besonders beeindruckt. Herr Schneider hatte ja von ihm als einem "Kabarettisten" gesprochen, und darunter stellte ich mir etwas anderes vor als das, was Biermann bot. Er hatte für mich etwas von einem Marktschreier.
So schlug ich das Angebot aus, Biermann zusammen mit Herrn Schneider nach dem Auftritt in den "Club Voltaire" zu begleiten. Heute bedauere ich das. Nicht nur wegen seiner späteren Berühmtheit. Sondern auch, weil ich mir damit die Chance nahm, vielleicht eine andere Seite Biermanns kennenzulernen.