Zahnspange: Kühlergrill im Mund
Zahnspange Kühlergrill im Mund
Ich hasse Shopping. Mein Gaumen wird trocken, wenn ich Pumps und Sandaletten auf Drehständern vor Schuhgeschäften sehe. Beim Anblick von Kleiderstangen und Hosenstapeln tastet meine Zunge unwillkürlich die Oberfläche meiner Zahnreihen ab. Wenn ich im Sportgeschäft auf Turnbeutel und Laufschuhe stoße, meine ich zu spüren, dass die Lücke zwischen meinem Unterkiefer und den vorderen Schneidezähnen größer geworden ist.
Denn Einkaufen und der damit verbundene Ausflug in die nächst größere Stadt bedeuteten für mich früher: die Zeit vor und nach dem "Termin". "Vor" dem Termin trottete ich meiner Mutter stumm durch diverse Geschäfte hinterher, denn das Gewirr aus Draht und Plastik zwischen meinen Zähnen behinderte die sprachliche Kommunikation. Trotzdem behielt ich die Klammer brav im Mund. Noch hatte ich Hoffnung, die zahlreichen Nächte, die ich ohne das Ding verbracht hatte, in letzter Minute ausgleichen zu können.
Nach der Schreckensstunde inklusive Rüge auf dem Zahnarztstuhl blieb die Spange zwar in der Dose, dafür hatte ich nun ein übel schmeckendes Gel im Mund. "Eine Stunde einwirken lassen!", flötete die Sprechstundenhilfe mir jedes Mal hinterher. Eine Stunde lang keine Getränke, und schon gar kein Eis. Was Wunder, dass ich selten gut gelaunt war, wenn es anschließend an die Auswahl neuer Hosen und Sandalen ging. Zur körperlichen Qual kam das optische Defizit: eine Fünftklässlerin mit Kühlergrill im Mund sieht auch im apartesten Sommerkleid wie Rumpelstilzchen aus.
Mit Zahnspange und Hornbrille in Hollywood
Von diesem Effekt lebt die Dramaturgie zahlloser romantischer Kino- und TV-Produktionen à la "Verliebt in Berlin" und "Dreißig über Nacht". Wenn das deutsche Starlet Alexandra Neldel überzeugend die Landpomeranze Lisa Plenske mimt oder Hollywood-Schauspielerin Jennifer Garner ein unansehnliches Teenie-Alter-Ego braucht, dann ist die Zahnspange, gleich nach der Hornbrille, das unverzichtbare Accessoire. Merke: Der Teenager, der auf der Leinwand Zahnspange trägt, wird am Ende immer der schöne Schwan. Wie es ihm zwischenzeitlich auf dem Zahnarztstuhl ergeht, wird ausgespart. Plötzlich ist das hässliche Ding einfach weg, der Traumprinz da und die Karriere im Modebusiness geht klar.
Den Marktwert amerikanischer Teenager und ostdeutscher Landgören hatte der Görlitzer Zahnarzt Dr. Georg Klammt sicher nicht im Sinn, als er in den fünfziger Jahren den Vorläufer der modernen Zahnspange, den "elastisch-offenen Aktivator", kurz EOA, entwickelte. Der Klammtsche Gebiss-Regulierungsapparat war eine Weiterentwicklung des sogenannten "Monoblocks", der bereits kurz nach der Jahrhundertwende vorgestellt worden war. Der Name "Monoblock" war Programm: mit dem massiven Kunststoffteil im Mund konnte der Träger dieser ersten losen Zahnspange unmöglich sprechen, so dass sie nur nachts und in stillen Mußestunden zum Einsatz kam.
Klammt schwebte eine lose Zahnspange vor, die bequemer als der Monoblock zu tragen war. Er ersetzte so viele Kunststoffteile wie möglich durch Draht und machte die Zahnspange so zu einem alltagstauglichen Gerät, das Millionen von Kindern zusätzlich die Pubertät vermieste. Fortan wanderte die Klammer rein und raus im Rhythmus der Schulglocke.
Pausenbrot im Drahtgeflecht
Bonbonlutschen während des Matheunterrichts war mit Klammer im Mund nicht mehr drin. Wer sie hinter dem Rücken des Lehrers entfernte und unter die Schulbank schob, bereute es spätestens, wenn er mit leerer Zahnspangendose nach Hause kam. Dass es diese Dosen in den Achtzigern nur in den Farben knallorange und feuerrot gab, war eine weitere Schikane der Zahnspangenmafia.
Zu Beneiden waren allerdings auch die Kollegen mit den festsitzenden Klammern nicht. Die letzten fünf Minuten der großen Pause verbrachten sie vor dem Spiegel der Schultoilette und bürsteten die Reste ihrer Wurstbrote aus dem Drahtgeflecht. Bei den "Brackets" genannten Klammern wurde der Draht von kleinen Metallplatten festgehalten, und die ließen sich nicht mal eben so fürs Konfirmationsfoto entfernen. Immerhin hatte die Zunge im Mundraum freie Bahn. Wie abträglich allerdings das Knirschen von Metall auf Metall der Romantik des ersten Kusses sein kann, musste eine ganze Generation erfahren. Wenn es überhaupt so weit kam, angesichts der an "Jaws", den Beißer aus den Bond-Filmen, erinnernden Optik der leidgeprüften Brackets-Träger.
Heute wirbt der Fachverband der Kieferorthopäden verstärkt mit farblosen Kunststoff-Brackets um eine erwachsene Klientel. Prominente wie Tom Cruise, Faye Dunaway, Gwen Stefani und Til Schweigers Ex-Frau Dana haben es vorgemacht. Blendend weiße, gerade Zähne sind zum Statussymbol avanciert, die Beseitigung funktioneller Störungen ist heute fast zweitrangig. Zumindest im Fall Cruise hat sich die Behandlung offensichtlich ausgezahlt: 2002 stellte sich der Schauspieler anlässlich der Premiere seines Films "Minority Report" als einer der ersten Promis mit Brackets auf den Zähnen dem Blitzlichtgewitter. Wenig später sah man die 16 Jahre jüngere Katie Holmes an der Seite eines nun dauergrinsenden Tom Cruise. Die Zeiten, in denen sich vor allem minderjährige Fans von der Kelly Family bis zu Tokio Hotel als "Generation Zahnspange" charakterisieren ließen, sind seither vorbei.
Fashion-Victims im Beißer-Look
Offensiv wird inzwischen auch im amerikanischen Gangsta-Rap-Milieu mit den Zähnen geblitzt. Der prominenteste Kopf der Szene in Sachen "Zähne zeigen" ist der texanische Rapper Paul Wall. Als Musiker nur semi-bekannt, hat er sich als Produzent sogenannter "Grillz" einen Namen gemacht. Ab 60 Dollar aufwärts liefert er lose Edelmetallspangen für Ober- und Unterkiefer, ab einem vierstelligen Betrag bekommt der Kunde das bizarre Fashion-Accessoire auch mit Diamanten besetzt.
Bei diesem Trend stand der Beißer offensichtlich Pate, doch anders als dessen eindrucksvolle Gebissplatte sind die Grillz, die die Gangster der Nuller-Jahre tragen, nur bedingt auf kraftvolles Zubeißen ausgelegt. Worum es wirklich geht, erfährt man im Song "Grillz" des US-Rappers Nelly: "I put my money where my mouth is and bought a grill". Nach Muscle Cars, Goldketten und Luxusbabes signalisieren nun also die "Grillz", bei wem die Kohle sitzt. "Ya ya ya grill, ya ya ya grill" singt denn auch das hüftschwingende Girl, das Nellys Kumpel Paul Wall im Video zum Song ein rundes Tablett mit mehreren funkelnden Grillz zur Auswahl reicht.
Und schon wird mein Gaumen trocken und meine Zunge tastet die Lücke zwischen Unterkiefer und Schneidezähnen ab. Ich spüre das klebrige Leder des Zahnarztstuhls unter meinen Beinen und sehe die gestrenge Praxisgehilfin des Kieferorthopäden vor mir. Wie sie mir wortlos am Kopfende des Behandlungsstuhls den Drehteller zuschiebt, auf den sie das frisch gereinigte Gestell aus meinem Mund gelegt hat. Ich beneide Paul Wall um sein Zahngold wahrlich nicht.