Zeuge des Holocaust "Die Liebe ließ mich überleben"
Pavel Stránský: Zeitzeuge und Bote der Opfer
Foto: Daniela Heimpel/Brücke-Most-StiftungDaniela Heimpel: Herr Stránský, viele Überlebende haben nie über die Zeit im KZ gesprochen, nicht einmal mit der eigenen Familie. Wie kommt es, dass Sie es schaffen, so offen darüber zu sprechen?
Pavel Stránský: Nun, anfangs ging es mir ganz genauso. Es hat schon eine gewisse Zeit gedauert, bis ich darüber reden konnte. Ich habe vor einigen Jahren einen Soziologen aus Konstanz getroffen, der mich dazu motiviert hat. Er meinte, es sei einfach wichtig, dass wir das Erlebte weitergeben, sozusagen Boten werden, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Und damit hat er Recht. Auch für mich selbst ist es sehr erleichternd, darüber zu sprechen. Poetisch ausgedrückt fällt einem ein Stein vom Herzen.
Heimpel: Es ist sicherlich besser, wenn man nicht die ganze Last alleine mit sich herum trägt.
Stránský: Ja, das ist es. Am Anfang fiel es mir schwer, heute ist es sozusagen Routine. Ich sehe es als moralische Pflicht an, darüber zu sprechen und es an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Das ist mein Dank dafür, dass ich überleben durfte.
Heimpel: Leider können das nicht alle jüdischen Häftlinge von sich behaupten, Tausende sind im KZ oder unmittelbar danach gestorben. Wie haben Sie es geschafft zu überleben?
Stránský: Es ist schwer, das in Worte zu fassen. Ich denke, es waren im Wesentlichen zwei Dinge, die dazu führten, dass ich nicht im KZ gestorben bin. Zum einen war ich in Auschwitz-Birkenau im Kinderblock des sogenannten tschechischen Familienlagers, also ein abgetrennter Bereich, in dem ich mich mit ein paar anderen Betreuern um die Kinder im KZ gekümmert habe. Das war mein Glück, ich war also nicht ständig den schlimmen Wetterverhältnissen und der schweren körperlichen Arbeit ausgesetzt. Ich denke, die Arbeit im Kinderblock hat mir gut getan und mich zumindest zeitweise vom Alltag im KZ abgelenkt.
Heimpel: Wie erging es den Kindern im KZ? Sie hatten doch sicherlich Angst, wenn sie gemerkt haben, was vor sich geht.
Stránský: Sie haben schon gemerkt, was passiert, schließlich waren die Gaskammern ganz in der Nähe und man hat immer wieder unzählige Fünferreihen hineingehen und nicht wieder herauskommen sehen. Die Älteren haben sich darüber unterhalten und viel diskutiert, die Kleineren dagegen nahmen Worte wie Gas, Tod oder Selektion nicht in den Mund. Auch wir Betreuer haben darauf geachtet, in Anwesenheit der Kinder nicht darüber zu sprechen.
Heimpel: Was ist dann mit den Kindern passiert? Sind sie auch vergast worden?
Stránský: Ja, die meisten sind im KZ gestorben. Anfang Juli 1944 sollten Häftlinge in verhältnismäßig gutem Gesundheitszustand von Auschwitz in Arbeitslager nach Deutschland transportiert werden. Ältere Juden und fast alle Kinder sind vergast worden. Einen Jungen aus dem Kinderblock habe ich aber noch einmal wieder getroffen, es ist schön zu wissen, dass er überlebt hat.
Heimpel: Sie erwähnten, dass es zwei Gründe gab, weshalb Sie überlebten...
Stránský: Der andere Grund war die Liebe zu meiner Frau V?ra.
Heimpel: Inwiefern hat Ihnen das geholfen?
Stránský: Wir haben einfach zusammengehalten und diese schlimme Zeit zumindest teilweise zu zweit durchstehen können. V?ra und ihre Mutter sind mit mir freiwillig von Theresienstadt nach Auschwitz-Birkenau gefahren. Um zusammen bleiben zu können, haben wir vorher in Theresienstadt geheiratet. Am Anfang waren wir noch im selben Lager, nach sieben Monaten sind wir in unterschiedliche Konzentrationslager geschickt worden. In Auschwitz selbst habe ich im Familienlager gearbeitet, während sie für den Küchendienst eingeteilt war. Da V?ra mit ein paar anderen Frauen das Essen tragen musste, hatte sie das Privileg, hinterher die Reste aus dem Topf zu kratzen. Sie hat alles abwechselnd mir oder ihrer Mutter zugesteckt, sodass wir immerhin ein klein wenig mehr zu essen hatten als die anderen, das hat uns unheimlich geholfen. Außerdem hat sie mir einfach enorme mentale Kraft gegeben.
Heimpel: Meinen Sie die Hoffnung, heil wieder herauszukommen?
Stránský: Nicht nur. Es war einfach wichtig, im Lager einen Freund zu haben, jemanden, den man liebt wie sich selbst oder sogar noch ein wenig mehr. Außerdem, da haben Sie Recht, habe ich die Hoffnung nie verloren, dass wir beide überleben, meine Frau und ich. Es heißt ja auch, die Hoffnung stirbt zuletzt.
Heimpel: Trotzdem ist es sicher schwer, die Hoffnung unter den gegebenen Umständen zu bewahren. Gab es denn Indizien dafür, dass man eine Überlebenschance hatte oder vielleicht irgendwelche Fluchtmöglichkeiten?
Stránský: Nein, ich habe nie versucht zu fliehen, es gab einfach keine Gelegenheit dazu. Selbst wenn wir es damals aus Auschwitz heraus geschafft hätten, hätte es noch Schwierigkeiten gegeben. Ein Jude hätte in der umliegenden Gegend nur schwer eine Unterkunft gefunden. Wir hatten ja nur Lumpen an, mit einem gelben Streifen auf dem Rücken, jeder hätte uns erkannt. Außerdem, und das ist das Wichtigste, wäre ich nie ohne meine Frau geflohen.
Heimpel: Sie sagten, Sie hofften, das zusammen durchzustehen. Hat sich denn die Hoffnung erfüllt?
Stránský: Nun, nachdem wir getrennt worden waren, wussten wir nicht mehr voneinander, ob der andere noch lebt. Zurück in Prag habe ich, wie so viele andere Heimkehrer, meinen Namen und meine Adresse beim Tschechoslowakischen Rundfunk senden lassen. Bald darauf hat mir ein Mädchen die Nachricht übermittelt, dass meine Frau mit Flecktyphus im Krankenhaus lag und daher noch nicht nach Hause kommen konnte. Als V?ra erfahren hat, dass ich am Leben war, ist sie schnell wieder gesund geworden und es gab endlich das so lang ersehnte Wiedersehen. Wir sind zusammengezogen und haben in Prag ein zweites Mal geheiratet, da es Probleme mit der Anerkennung unserer ersten, rabbinischen Hochzeit gab.
Heimpel: Wie ist es ihnen weiter ergangen?
Stránský: Auch das Leben danach war insgesamt nicht einfach. Ich bin noch 1945 zum Militärdienst einberufen worden, musste aber zum Glück nur sieben Monate ableisten. Im Außenhandelsunternehmen, bei dem ich in der Folgezeit gearbeitet habe, bin ich unter einem Vorwand entlassen worden. Aber in Wirklichkeit war wieder meine Identität als Jude der eigentliche Grund.
Heimpel: Haben Sie sich später in Deutschland auch diskriminiert gefühlt?
Stránský: Nein, das habe ich nie mehr erlebt. Wobei, doch, einen einzigen Fall gab es, das war an einer Schule in Wittstock. Bei meinem Vortrag in einer Klasse hat ein Mädchen die ganze Zeit provoziert. Die Lehrerin hat sie mehrmals ermahnt und schließlich aus der Klasse gewiesen. Auf dem Gang muss sie jemand anderem, einem jungen Neonazi, erzählt haben, was passiert ist, jedenfalls ist er dann ins Klassenzimmer gekommen und hat hasserfüllt mit dem Finger auf mich gezeigt und geknurrt: "ein Jude". Das war für mich schon sehr unangenehm.
Heimpel: Wenn man mal von diesem Fall absieht, wie reagieren die Menschen sonst auf Ihre Vorträge?
Stránský: Sehr positiv. Ich war mehrmals in Deutschland, dann in Finnland, in England und dieses Jahr in Kalifornien. Ansonsten bin ich auch immer wieder mal mit Klassen unterwegs, zum Beispiel um ins KZ zu fahren.
Heimpel: In ein ehemaliges KZ? Ist das nicht besonders schwierig?
Stránský: Das hängt ganz vom Lager ab. Nach Theresienstadt fahre ich mehrere Male im Jahr, das muss auch sein, es ist für mich wie eine moralische Pflicht. Dafür fällt es mir aber sehr schwer, nach Auschwitz zu fahren. Ich mache das nur einmal im Jahr mit Schülern einer Wiener Schule.
Heimpel: Wenn Sie dort sind, kommen sicher wieder viele Erinnerungen hoch. Kann man das Erlebte überhaupt vergeben?
Stránský: Man kann nur sehr selten vergeben, aber niemals vergessen. Das sollte man aber auch nicht.
Heimpel: Trotz allem werden immer wieder Fälle bekannt, in denen jemand den Holocaust leugnet. Was würden Sie denn so einem Menschen sagen?
Stránský: Wir würden wohl nie ins Gespräch kommen, weil solche Menschen nicht bereit sind, sich auf eine vernünftige und faktenorientierte Diskussion einzulassen. Sie haben keine Argumente, daher wollen sie auch gar nicht weiter darüber reden. Ich denke, dass sich die Meinung dieser Menschen auch nie ändern wird, sie haben ihre eigene Wahrheit, und die wollen sie sich auch bewahren.
Heimpel: Meinen Sie denn, dass es heute wieder so weit kommen könnte wie damals?
Stránský: Es kann immer wieder dazu kommen. Das sieht man vor allem an anderen Ländern, in denen es auch zur heutigen Zeit noch Genozide gibt, etwa in Afrika. Was mich nur immer noch beschäftigt, ist die Frage nach dem Warum. Gerade in Deutschland mit all den bedeutenden Denkern kann ich es nicht begreifen. Bei gebildeten Menschen geht man einfach nicht davon aus.
Heimpel: Kann man Ihrer Meinung nach etwas tun, um das Geschehene in Zukunft zu vermeiden?
Stránský: Wichtig ist, darüber Bescheid zu wissen. Zu wissen, was passieren kann und wie es endet, also aus der Vergangenheit zu lernen. Ein tschechischer Künstler hat mal gesagt, dass man die menschliche Dummheit nie besiegen kann, aber dass man nie aufhören sollte, sie zu bekämpfen.