Zweiter Weltkrieg: Schneeglöckchen im Knopfloch
Zweiter Weltkrieg Schneeglöckchen im Knopfloch
Von einem Tag auf den anderen hieß sie Adolf-Hitler-Straße, die Bahnhofstraße, an der meine Eltern kurz nach meiner Geburt 1924 in Arnswalde eine Wohnung bezogen hatten. In dem beschaulichen Städtchen in Pommern, dem heutigen Choszczno in Polen, verbrachte ich einen Großteil meiner Kindheit. Nach der unseligen Wende, die zur Umbenennung unserer Straße führte, sollte mein Leben schlagartig nicht mehr dasselbe sein.
Die Bahnhofstraße war gerade mal tausend Meter lang und reichte vom Bahnhof zur Marienkirche, einem wuchtigen sakralen Glaubensbekenntnis: 65 Meter hoch, gegründet 1269, und vier weithin sichtbare Kirchturmuhren mit einmalig tönenden Glocken, die weit ins Land schallten. Von dort oben hatte man einen alles umfassenden Blick: Man sah den einen Kilometer entfernten Bahnhof, das Gymnasium und die Volksschule, etwas weiter hinten den Klücken- und den Stavinsee, sogar den Butterberg auf dem Weg nach Reetz konnte man sehen.
Die Marienkirche war die fruchtbare Wirkungsstätte des Superintendenten Georg Gramlow. Ich erinnere mich sehr genau an ihn: Wenn er die rechte Hand zum sogenannten Deutschen Gruß hob, dann nie bis auf Augenhöhe - wie es damals Pflicht und üblich war. Nicht mal ein gequetschtes "Heitler" kam über seine Lippen. Trotz mehrmaliger Verhaftungen kam Gramlow immer wieder zurück.
Zur Kommunion mit Schneeglöckchen im Knopfloch
Im Schatten der Marienkirche stand die "Nasse Minna", wie der Volksmund den Brunnen nannte. Die Schnitterin aus Eisen war der Mittelpunkt des großen Marktplatzes, aber ihre Tage waren gezählt. In den ersten Kriegsjahren verschwand sie, wahrscheinlich verwandelte sie sich in tödliche Geschosse.
In der Marienkirche empfing ich zusammen mit meinen Freunden die Heilige Kommunion. Das war am 19. März 1939, Palmsonntag. Meinen Bibelspruch für diesen Tag habe ich vergessen, aber dass es bitterkalt war - daran erinnere ich mich noch. Mein Vater hatte meinen ersten Anzug geschneidert. Mit einem Sträußchen Schneeglöckchen im Knopfloch flanierte ich mit anderen Konfirmanden stolz durch die Straßen. Es war keine Pflichtveranstaltung, keine Massenversammlung, kein Staatsjugendtag und keine obligatorische Jugendfilmstunde mit "Jud Süß".
Gleichzeitig endete meine Volksschulzeit an der Knabenvolksschule unter Rektor Walter Schumacher, der während der letzten beiden Schuljahre mein Lehrer war. Nach seiner Flucht aus Arnswalde im Februar 1945 hat er seine vielen heimatkundlichen Veröffentlichungen vor dem Untergang bewahrt.
Ein Anzug für eine Monatsmiete
In der Schule wurde damals noch geprügelt und zwar mit dem Rohrstock und es war nicht nur Rektor Schumacher, der zuschlug: Der jähzornige Gesangslehrer Jabusch prügelte auch auf die falschsingenden Mitschüler ein. Mein Vater kam dann auf die Idee, an der betreffenden Stelle unter der Hose ein kleines Flickenquadrat anzubringen - das milderte ein wenig den Schmerz.
Einige unserer Väter hatten das Geld nicht, ihre Söhne auf das Gymnasium zu schicken. Meiner zum Beispiel schneiderte einen Anzug gerade mal für 35 Reichsmark - das war die monatliche Miete für unsere Dreizimmerwohnung in der Bahnhofstraße. Deshalb konnte ich nur eine Lehre absolvieren, von April 1939 bis Juni 1942 bei der Landkrankenkasse. Das war kein Ruhmesblatt. Die Vorgesetzten waren allesamt bewährte Parteimitglieder und ich musste den "Völkischen Beobachter" archivieren. Natürlich las ich ihn auch!
Ein tragisches Ende seines kurzen Lebens war übrigens dem Leiter der Landkrankenkasse, Artur Rachuth, Bauer und Bauernführer im Reichsnährstand, vorbestimmt. Beim Einmarsch der russischen Streitkräfte in Rietzig, wo er seinen Bauernhof hatte, wurde er kurzerhand erschossen.
Nur ein Foto blieb von ihr
Beim Schwimmen im Klückensee lernte ich meine erste Liebe kennen, Lore Kucharski. Ihre Mutter besaß ein kleines Gut, das der Vater nach seinem Tod hinterlassen hatte. Es war Sommer. Ein kleines Bootshaus, weit draußen im See, war das Ziel. Lore schwamm voraus, ich folgte. Dort saßen wir, starrten auf den See, sprachen kein Wort und schwammen wieder zurück. Das war 1941. Es war das erste Zusammentreffen - und sollte das letzte sein.
Drei Jahre später schrieb ich ihr einen Brief. Sie antwortete und schickte ein Foto mit der Bemerkung, dass sie nach der Mädchenmittelschule in Arnswalde nun eine Schule in Schneidemühl besuche. Dort endeten ihre Tage 1945.
Meinen letzten Blick auf den Klückensee, die Marienkirche und den Wasserturm werde ich nicht vergessen. Das war am 21. Juni 1942, dem Tag vor meiner Einberufung zum freiwilligen Kriegsdienst und ein Jahr nach "Unternehmen Barbarossa", als die deutsche Wehrmacht in die Sowjetunion eingefallen war. Dieser Krieg war bereits verloren. Aber das wussten mein Freund Gerhard Weiß und ich nicht, als wir uns am 22. Juni 1942 bei der Panzerkaserne in Berlin Groß-Glienicke meldeten.
Meine Symbole für den Untergang
Es sollte mein letzter Blick auf Arnswalde gewesen sein. Den einzig möglichen Wochenendurlaub nach Hause wäre zu Weihnachten 1942 gewesen - doch den verdarb mir ein falscher Schluck zur falschen Zeit aus der Kümmelflasche, die so verführerisch versteckt im Schrank des Spießes stand. Denn der Kompaniefeldwebel kam unerwartet dazu, während ich trank, und machte mich zur Strafe an Heiligabend und über die Feiertage zum Unteroffizier vom Dienst.
Über den Untergang meiner Heimat im Februar 1945 las ich in der "New York Times" unter Zuhilfenahme eines kleinen Wörterbuches, das ich heute noch habe und benutze. Ich war damals sicher verwahrt als "Prisoner of War" in Las Cruces, New Mexico. Arnswalde wurde in dem Text als eine Großstadt mit 120.000 Einwohnern beschrieben. Belegt wurde der Artikel viele Jahre später mit einem Foto aus dem "Heimatgruß"-Rundbrief, das mich heute noch betroffen und tieftraurig macht: Ein unbekannter Soldat muss diese Aufnahme vor seiner Flucht aus Arnswalde im Februar 1945 gemacht haben. Man sieht darauf die zerstörte Marienkirche, die Reste der "Nassen Minna", einen herumirrenden Schimmel und einen deutschen "Tiger"-Panzer.