Zweiter Weltkrieg: Als meine Stadt zur Festung wurde
Zweiter Weltkrieg Als meine Stadt zur Festung wurde
Ich war 15 Jahre alt, als im August 1939 nächtelang Wehrmachtsverbände durch meine Heimatstadt Arnswalde, das heutige Choszczno in Westpommern, rollten. Im Radio wurde Marschmusik gespielt. Stundenlang sah ich dem düsteren Theater zu und zitterte. Es handelte sich, wie es hieß, um Reservisten, die zu Militärübungen eingezogen wurden. Am 1. September 1939 dann sagte mein Vater zu mir: "Es ist Krieg." Früh am Morgen hörten wir in der Ferne das Grollen des Krieges. Am Himmel zogen Flugzeuge gen Osten.
Mein Vater wurde 1942 eingezogen und ich selbst zog als Freiwilliger in den Krieg. Zuerst kämpfte ich in Nordafrika. Dort wurde ich verletzt und kam in britische Gefangenschaft. In den folgenden Jahren verschlug es mich in verschiedene Kriegsgefangenlager in den USA, bis ich zurück nach Europa kam, wo ich vor meiner Freilassung 1946, in Belgien inhaftiert war. Mein Vater war zuerst in Dänemark Soldat und wurde noch während des Krieges als Bahnhofswächter wieder zurück in die Nähe von Arnswalde versetzt.
Erst nach dem Kriegsende und meiner Rückkehr nach Deutschland erfuhr ich aus Berichten und Büchern, was in Arnswalde im Februar 1945 geschehen war.
Statt der weißen Fahne die deutsche Reichsflagge
Arnswalde wurde in den letzten Kriegsmonaten zu einem sogenannten Festen Platz erklärt. Der Begriff bezeichnete während des Zweiten Weltkriegs Städte, durch deren Einschluss möglichst starke gegnerische Kräfte gebunden werden sollten. Die Festen Plätze sollten verhindern, dass kriegsstrategisch wichtige Orte durch gegnerische Truppen in Besitz genommen wurden.
Arnswalde wurde als Fester Platz hartnäckig verteidigt. Zusammen mit den Kampftruppen befanden sich aber auch 7000 Zivilisten in der Stadt, die nicht mehr rechtzeitig hatten fliehen können. Unter ihnen der evangelische Pfarrer und Bürgermeister der Stadt. Die Stadteliten dagegen hatten sich bereits abgesetzt.
Nach langen und zähen Kämpfen kamen am 12. Februar 1945 drei von den Sowjets geschickte deutsche Kriegsgefangene nach Arnswalde und überbrachten dem Kommandanten ein Schreiben. Um weiteres sinnloses Blutvergießen zu vermeiden, schlug die Rote Armee die Übergabe der Stadt Arnswalde am Folgetag um 10 Uhr Moskauer Zeit vor. Den Verwundeten und Kranken der Arnswalder Garnison wurde sofortige medizinische Hilfe garantiert. Für alle Offiziere, Soldaten und Volkssturmmänner sollte die umgehende Versorgung mit Nahrungsmitteln sichergestellt sein. Außerdem sollten den sich ergebenden Einheiten Uniformen, Rangabzeichen, Auszeichnungen, persönliches Eigentum und den Offizieren ihr Degen belassen werden. Zum Zeichen der Kapitulation sollte auf dem Kirchturm im Zentrum der Stadt die weiße Fahne gehisst werden.
Doch zu einer friedlichen Übergabe der Stadt kam es nicht. Als Antwort auf die Übergabeaufforderung wurde statt der weißen Fahne am nächsten Tag die deutsche Reichsflagge gehisst.
Flucht im Schutz der Nacht
Als Reaktion brach ein infernalisches Gefechtsfeuer aus Granatwerfern, Raketenwerfern und Geschützen los. Nach vier Tagen weiterer zäher Kämpfe hatten sieben SS-Panzer einer Division, die zu großen Teilen aus skandinavischen Freiwilligen bestand, den Einschließungsring der sowjetischen Truppen von Nordwesten kommend gesprengt.
Im Schutz der Nacht konnten die verbliebenen Zivilisten die Stadt verlassen, während Arnswalde in Flammen stand. Wenig später folgten sogar die Kampftruppen nach - von den sowjetischen Truppen unbemerkt. Der Kampf um Arnswalde war beendet. Unter dem Schutz der Stadt Arnswalde und der genauso lang verteidigten Stadt Pyritz hatten noch tausende Menschen aus dem Osten und aus Pommern die Oder nach Westen überquert.
Mein Vater war von sowjetischen Soldaten erschossen worden. Meine Mutter und meine Schwester waren glücklicherweise bereits Ende Januar mit einem der letzten Züge aus Arnswalde geflohen. Unser Nachbar war Lokomotivführer und hatte ihnen den entscheidenden Hinweis gegeben. Eine Woche danach wurde er von sowjetischen Tieffliegern erschossen.
Erzwungene Wanderschaft
Als der Krieg zu Ende war, trafen meine Mutter und meine Schwester in der Nähe von Wolgast in Vorpommern auf einen großen Gutstreck aus dem Dorf Stolzenfelde in der Nähe Arnswaldes. Sage und schreibe 159 Personen mit 18 Wagen, 30 Pferden und 10 Zugochsen, die man unter den schwierigsten Fluchtbedingungen noch hatte retten können, machten sich auf den langen Weg zurück nach Hause. Meine Mutter und meine Schwester schlossen sich an. Die erzwungene Wanderschaft jedoch sollte nach der Rückkehr kein Ende haben.
Bei ihrer Ankunft befanden sich im Dorf ausschließlich sowjetische und polnische Soldaten. Einigen von ihnen war der Treck eine willkommene Beute. Das Herrenhaus war in der Zwischenzeit zu einem Typhus-Lazarett für die Sowjets umfunktioniert worden. Aber das Dorf war unzerstört geblieben. Im Juli 1945 wurden alle Arbeitsunfähigen und Kinder wieder über die Oder getrieben und ihrer letzten Habe beraubt. Im August wurden auch alle anderen vertrieben.
Meine Mutter und meine Schwester lebten später in der DDR. Als ich sie zum ersten und letzten Mal nach dem Krieg im Jahre 1952 traf, erzählten sie mir, wie es ihnen während Flucht und Vertreibung ergangen war. Noch vor dem Mauerbau 1961 hielt ich sie an, die DDR zu verlassen. Aber sie entschieden sich dagegen.