Zweiter Weltkrieg: Nackt ohne Artillerie
Zweiter Weltkrieg Nackt ohne Artillerie
Man hatte uns in den Ruinen von Wilhelmshaven zusammengepfiffen, eine Kolonne müder, hohläugiger, unsauberer Gestalten. Nach Westen sollte es gehen, hieß es, an die Front. Altgediente Soldaten mit Orden und Panzerschussabzeichen marschierten neben pickeligen Pimpfen in viel zu weiten, grauen Uniformen, die am liebsten nach ihren Müttern gerufen hätten. Außer einem Rucksack und einer klobigen Gasmaske trug ich das MG 42 auf der rechten Schulter. Es drückte sich mit jedem Schritt tiefer ins Fleisch unter dem dünnen Hemd.
Die Landstraßen mit dem buckligen Ziegelpflaster und den geraden Chausseebäumen, die wir entlang marschierten, waren typisch für das Oldenburger Land. Manche Bäume begannen schon zu knospen. "Klotz am Bein, Klavier vorm Bauch, wie lang ist die Chaussee", deklamierte einer der Soldaten und grinste blöde. Der Leutnant marschierte an der Spitze und befahl ein Lied. Murmelnd und maulend begannen wir zu singen. Der Rhythmus half, das mühsame Laufen nicht zu vergessen. Die Gamaschen rutschen rauf und runter bei jedem Schritt. Das Koppel drückte auf den leeren Bauch. Unter den gefalteten Fußlappen rann der Schweiß und mit ihm wuchsen die Blasen. Es müffelte unter der zellwollenen Uniformjacke nach vergammelndem Körper.
Ich war 19 Jahre alt, und ich träumte. Von einer fetten Sahnetorte, die ich mal aß. Von einem lachenden Mädchen, das ich mal traf. Nicht vom Führer. Und nicht von Fahnen. Auch nicht vom Ritterkreuz. Ich träumte von dem weichen weißen Sand, in den ich das Gesicht gegraben hatte. Am Tag zuvor am Strand von Sylt. Wo sie mich bis aufs Gelbe der Eier schliffen. So hatte es der Unteroffizier zähnebleckend genannt. Wo man uns auf etwas vorbereitet hatte, auf das man niemanden vorbereiten konnte. Das Grauen und die Qualen standen uns noch bevor, als wir am Strand mit Platzpatronen auf Wanderdünen schossen.
Pimpfe mit Panzerfäusten
Jetzt war der Maschinengewehrgurt mit scharfen Stahlmantelgeschossen gespickt, die bald auf den Feind abgefeuert werden sollten. Gerüchte kursierten in den Reihen: "Wir verlieren den Krieg, wir haben ihn schon verloren!" - "Schnauze, Idiot", raunten die Besonnenen, "willst du vors Kriegsgericht?" In der Ferne wummerte Artillerie. Nach längerem Marsch befahl man uns, eine Straßensperre zu bauen und gestattete uns Marscherleichterung. Die Kragen durften geöffnet werden. Wir ließen uns in der Nähe einer Scheune nieder und fragten uns, wo der Feind blieb. Ringsum waren Felder.
Obermaat Krause, der zu Hause Schlachter war, fand auf einer nahen Koppel eine Kuh und brachte sie irgendwie zu Tode. In der Scheune wurde sie unter Aufbietung aller Kräfte der Hungernden aufgehängt, so mager, so armselig, so obszön. Wie der nackte Körper eines toten Soldaten. In der Suppe schwammen ein paar Erbsen, viele Fettstücke und Fettaugen. So viele, dass es manchen ekelte. Das Fett wurde den herumgackernden Hühnern zugeworfen. Die waren verrückt danach. Im dünnen Stroh zog keiner die Stiefel aus. Mit den Blasen kriegte man sie morgens nicht mehr an und musste barfuss gehen in der Marschkolonne.
Als wir weitermarschierten winkten am Straßenrand Pimpfe mit ihren Panzerfäusten wie mit dicken Spielzeugen. Ob sie etwas trafen? Plötzlich krachte es von überall her. Geschosse pfiffen über unsere Köpfe. Jetzt war er da, der Feind. Wir wurden in den Straßengraben befehligt und bezogen dort Stellung, mit dem Gesicht im Dreck. Als ich aufsah, konnte ich das gegnerische Mündungsfeuer erkennen. Es jaulte und zwitscherte. Ich brachte meine MG 42 in Stellung, fädelte den Gurt ein und hielt drauf. Das Maschinengewehr bockte und brüllte. Der Rückstoß schmerzte so sehr, dass es kaum auszuhalten war. Der erhitzte Lauf musste gewechselt werden, aber die dicken Handschuhe hatte ich vergessen. Die Haut auf den Fingern begann sich zu schälen. Mein Nebenmann lud seinen Karabiner nach und feuerte auf irgendetwas. Ich sah in einiger Entfernung die kanadischen Panzer sorglos umherrollen. Sie haben keine Angst vor uns, dachte ich, wir sind nackt ohne Artillerie, ohne Panzerfäuste, ohne alles.
"Es ist aus!"
Die Tage gingen dahin. Wir hockten in unseren Einmannlöchern, die wir mit dem Klappspaten in die frühjahrsnasse Erde gegraben hatten. Das Grundwasser stand kniehoch. Ich spürte, wie mir die Fußlappen von den Füßen faulten. Lange würde das eiskalte Gehäuse nicht auszuhalten sein. Irgendwann musste ich dort raus, egal wie. Plötzlich stand in einiger Entfernung aus unseren Reihen einer der alten Unteroffiziere aus dem Russlandkrieg auf, in der Hand eine Granate. Leicht gebückt ging er auf den feindlichen Panzer zu. Ich hielt den Atem an. Ich erwartete, dass die Kanadier ihn bemerken und abschießen würden. Aber der Alte ging weiter, stieg auf den Panzer, stemmte die Luke hoch, entsicherte die Granate, schmiss sie in den stählernen Sarg und sprang runter, bevor sie detonierte.
In der Ferne rückten die Erdwerferpanzer der Kanadier vor, warfen als Vergeltung Schützenlöcher kubikmeterweise mit Schlamm zu. Das überlebte niemand. Dann kamen die Flammenwerfer. Wer unversehrt war und konnte, setzte sich von der Hauptkampflinie ab. Tote und Verwundete blieben liegen. Die Sanitäter hatten woanders zu tun, der Leutnant war nicht in Sicht. Die Truppe löste sich langsam auf und verließ das Schlachtfeld. Gab es noch Vorgesetzte? Musste man noch antreten? Wer sagte uns, was zu tun war? Wir liefen den Weg zurück, den wir gekommen waren. Einer der deutschen Soldaten steckte eine Scheune an, in der sich feinstes Wehrmachtsgut befand. Jeder klaute, was er tragen konnte. Ich nahm eine hartgeräucherte Speckseite mit und schob sie unter mein Hemd.
Wir pausierten, sangen zu dritt, tranken eine Flasche französischen Kognaks und wurden nicht mal besoffen. Nur todmüde. Aber der Krieg schien noch immer nicht zu Ende sein. Ein Stabsunteroffizier befahl uns erneut, Einmannlöcher zu graben. Sie liefen schnell voll Wasser. Ich setzte mich daneben. Ein Unteroffizier erschien. Er wusste auch nicht, was zu tun war, sagte uns aber das Datum. Es war der 8. Mai. Wir schleppten uns über den Bahndamm, auf dem schon längst kein Zug mehr fuhr. Plötzlich brüllte einer: "Es ist aus, aus, aus!" Er schmiss den Karabiner den Bahndamm hinunter. Die Wehmacht hatte kapituliert. Der Krieg war verloren.
"Gehst Du mit?"
Die Männer sahen sich an, ratlos, irre, ungläubig. Vorsichtig mit vorgehaltenen Karabinern näherten sich von hinten ängstlich die Kanadier. Wir nahmen die Arme hoch, wie betäubt, die Hirne leer. Wir hörten englische Kommandos. Wir wurden gefangen genommen und in Marschkolonnen eingeteilt. Jetzt waren es andere Uniformen, andere Rangabzeichen, die uns anbrüllten und befehligten. Wieder mussten wir marschieren, über Landstraßen, an Prielen vorbei, auf denen Enten schwammen. Irgendwo ließ man uns auf einem Feld lagern. Leiser Regen setzte ein.
Tagelang marschierten wir immer weiter, viele Kilometer durchs leere, verödete Land. Bei Ennoswonne lagerten wir auf freiem Feld, in wenigen Decken und alten Zeltresten unter dem rieselnden Regen. Es gab kein Trinkwasser, keine Suppe. Drei gelbe Kekse verteilt der Sergeant für jeden, drei Kekse für den ganzen Tag. Die Disziplin, wenn es noch eine gab, war zum Teufel. Der Klau ging um. Überfälle fanden statt in der Nacht. Wer Seife hatte zum Tauschen, der musste sich in Acht nehmen. Ich tauschte die Zigaretten gegen Brot, etwas Margarine und Vierfruchtmarmelade.
Ein Deutscher erzählt unter dem Siegel der Verschwiegenheit, Churchill habe gesagt, man wolle die deutsche Wehrmacht neu einkleiden, bewaffnen und gegen die Rote Armee marschieren lassen. Stalin sei doch nicht der große Freund. Gehst du da mit, lautete die große Frage. Eine Gruppe von kanadischen Offizieren setzte sich an einen langen Brettertisch, auf dem Stempel, Papiere und Akten lagen. Sie riefen die Männer auf, nach dem Alphabet, die Jungen zuerst. Mit neuen, vielseitig gestempelten Entlassungspapieren ließ man uns gehen. In unsere Heimat, oder was davon übrig war.