Zweiter Weltkrieg: Chronik des 1. September 1939 - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Chronik des 1. September 1939: "Steh auf! Der Krieg hat angefangen!"

Chronik des 1. September 1939 "Steh auf! Der Krieg hat angefangen!"

Mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. einestages hat die ersten Stunden anhand von Tagebüchern und Erinnerungen rekonstruiert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wielun, 4 Uhr 40: Das Geräusch würde Eugeniusz Kolodziejczyk sein Leben lang verfolgen. Das Geräusch von Flugzeugen. Von Kampfbombern über seiner Heimatstadt im Süden Polens.

"Flugzeuge, Papa, Flugzeuge!" ruft der 13-Jährige aufgeregt seinem Vater zu, mit dem er zu dieser frühen Stunde auf einen Zug wartet. Dann fallen die ersten Bomben. Häuser zerbersten, ein Krankenhaus geht in Flammen auf. Neben Kolodziejczyk liegt ein Mädchen mit blutverschmiertem Gesicht leblos auf der kalten Straße. Der Zweite Weltkrieg hat begonnen. Noch am selben Tag werden fast 1,5 Millionen Soldaten die Grenze Polens überschreiten, angeführt von etwa 1500 Panzern.

Danziger Bucht, 4.45 Uhr: Etwa zur selben Zeit (bis heute ist umstritten, ob der Krieg hier oder in Wielun begann) springt Geschützführer Hermann Gerdau aus seiner Hängematte auf der "Schleswig-Holstein". Das Schiff, das offiziell zu einem Freundschaftsbesuch in der Bucht kreuzte, hatte sich zuvor unbemerkt der Halbinsel Westerplatte genähert. Dort befindet sich ein polnisches Munitionslager. Gerdau ist einer der Ersten, der vom Schiff auf die Westerplatte feuert. "Wir waren so nah dran, wir konnten gar nicht vorbeischießen."

Warschau, 6 Uhr: Der junge Pianist Wladyslaw Szpilman wird von fernen Explosionen aus dem Schlaf gerissen. Sicher nur wieder eine dieser Militärübungen, beruhigt er sich. Er liest ein Buch, um sich abzulenken. Zwei Stunden später steht seine Mutter in seinem Zimmer - eine Szene, die sich in seine Erinnerung einbrennt:

Wladyslaw Szpilman

Wladyslaw Szpilman

Foto: imago

Sie machte den Mund auf, doch beim ersten Wort versagte ihr die Stimme, so dass sie sich räuspern musste. Erst dann sagte sie hastig und nervös: "Steh auf! Krieg … er hat angefangen."

Berlin, 8.15 Uhr: US-Auslandskorrespondent William Shirer macht sich auf den Weg ins Funkhaus, empört über diesen "flagranten, unentschuldbaren" Akt deutscher Aggression. In sein Tagebuch notiert er:

Ein grauer Morgen mit tiefhängenden Wolken. Die Leute waren apathisch, als ich zu meiner ersten Sendung (…) fuhr. Gegenüber vom [Hotel] Adlon bauten die Arbeiter der Frühschicht am neuen IG-Farben-Gebäude weiter, als wäre nichts geschehen. Keiner der Männer kaufte die Extra-Ausgaben, die die Zeitungsjungen ausriefen.

Breslau, 8.30 Uhr: Der jüdische Handelsvertreter und Schriftsteller Walter Tausk liest einen Runderlass der Polizei, den ihm seine Hausmeisterin zeigt. "Alles fertigmachen für plötzliche Verdunkelung und gegen Flieger-Angriffe", steht da drauf. Schon vorher hatte Tausk gespürt, dass sich Schlimmes anbahnt. In sein Tagebuch notiert er am 1. September:

Keinerlei Zweifel, dass es losgeht. Das gesamte Jüdische Krankenhaus, bis auf die Gynäkologie, Siechenhaus und Altersheim, ist Knall und Fall evakuiert worden, um dreihundertachtzig Betten freizumachen. Hat man schon in der vergangenen Woche in anderen hiesigen Krankenhäusern rigoros gewirtschaftet, hier machte Gestapo und Militär eine 'negative Ausnahme', das heißt: Sie überboten sich in der Unmenschlichkeit. (…) Man evakuierte Frischoperierte, zum Beispiel Blinddärme, die kaum transportfähig waren. Man warf alte Leute, über achtzig, mit Sack und Pack raus und brachte sie bei den Siechen mit unter: alles wahllos durcheinandergemengt, hierzu kamen Irre und Halbirre.

Warschau, etwa zur selben Zeit: Wladyslaw Szpilman macht sich auf den Weg zum Rundfunk, wo er regelmäßig als Pianist auftritt. Er hastet vorbei an den Häuserwänden und Litfaßsäulen, die schon voll gepflastert sind mit der Botschaft des polnischen Präsidenten, der seine Landsleute über den Krieg in Kenntnis setzt. Aufmerksam beobachtet Szpilman einen älteren Mann vor einer der Säulen:

Seine Erregung zeigte sich in hochroten Flecken, die ihm Gesicht und Hals überzogen. (…) Er las, schüttelte ungläubig den Kopf und las wieder, wobei er sich den Kneifer tiefer auf die Nase drückte. Etliche Worte las er laut, empört: "Sie haben uns überfallen… ohne Vorwarnung…" Er blickte zu den Nachbarn, was die wohl sagen würden, rückte seinen Kneifer zurecht und rief laut: "Aber das ist doch unanständig!"

Kurz danach schrillt eine Sirene durch die Lautsprecher der Stadt, die provisorisch an Laternenpfähle gebunden oder in Fensterläden gestellt worden sind. "Wir rufen Alarm über der Stadt Warschau aus", brüllt der Rundfunksprecher, "Achtung!" Die Straßen leeren sich abrupt. Szpilman:

Die Frauen eilten verschreckt zu den Schutzräumen. Die Männer wollten nicht hinunter. Sie standen in den Hauseingängen, fluchten auf die Deutschen, trugen ihren Mut zur Schau und machten ihrem Ärger über die Regierung Luft, dass die Mobilmachung so ungeschickt durchgeführt wurde.

Berlin, 10 Uhr: Auch in Deutschland warten die Menschen auf eine Erklärung, die Hitler für 10 Uhr im Reichstag angekündigt hat. Gebannt versammeln sich Millionen vor den Radiogeräten.

Die Rede beginnt mit einer dreisten Lüge. Am Abend des 31. August hatte eine Gruppe SS-Männer, die sich als polnische Aufständische tarnten, den deutschen Sender Gleiwitz besetzt, um Hitler einen Vorwand für den Krieg zu liefern. Zynisch behauptet Hitler nun, Polen habe angegriffen und ruft unter Beifall die später berühmten Sätze: "Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!"

Die propagandistische Schmierenkomödie wird von vielen geglaubt, die Ansprache kommt an. Sanitätsoffizier Wilhelm Mauss notiert in sein Tagebuch:

Ich erspare es mir, im Einzelnen hier auf die Rede einzugehen. Sie wird, wie ich glaube, einst historische Bedeutung erlangen und der Ansprache Friedrich des Großen an seine Generale gleichzustellen sein.

Radiokorrespondent Shirer überträgt live in die USA. Er hat einen anderen Eindruck von Hitler:

Irgendwie klang er wenig überzeugend, und es gab auch viel weniger Hochrufe im Reichstag als bei früheren, weniger wichtigen Gelegenheiten.

Bremen, 10 Uhr: Auch der 18-jährige Werner Mork hört in seiner Firma die Rede. Er ist empört, dass seine Kollegen anschließend nicht in Jubel ausbrechen. Hätte man nicht wenigstens gemeinsam die Nationalhymne singen können? Kurzerhand beschloss er, eigenmächtig ein Zeichen zu setzen, für das er sich nach dem Krieg als überzeugter Pazifist schämen würde:

Ich ging auf den Boden, wo sich die beiden Fahnenstangen befanden, an denen die Nationalfahnen befestigt waren und schob diese mit eigener Kraft aus den Bodenluken heraus, und lustig flatterten nun die Fahnen "Schwarz-weiß-rot" und die "Hakenkreuzfahne" im Morgenwind des 1. September 1939 herunter auf die Katharinenstraße in Bremen.

Frankfurt, 10.20 Uhr: Die Schriftstellerin Emilie Braach empfindet eine "grauenhafte Unruhe". Nach den Gesetzen der Nazis ist sie jüdischer Mischling ersten Grades. Ihr Mann, ein Redakteur, ist zur Arbeit in Oppenheim, die Geschwister in den USA und Bolivien, die Tochter nach London geflohen. Braach bleibt nichts, als ihre Angst in Briefen auszudrücken, die sie aber nicht abzuschicken wagt:

Ich habe gerade die Nachrichten gehört. Es wurde unter anderem gesagt, dass das "Abhören ausländischer Sender von jetzt an verboten ist". Ob das in anderen Ländern auch so ist? Ich kann es mir nicht vorstellen. Aber solche Gedanken darf man nicht laut aussprechen. Das allein würde genügen, um einen spurlos verschwinden zu lassen. Überhaupt muss man sich beim Reden mit anderen Leuten sehr in Acht nehmen.

Danzig, nachmittags: Es ist Krieg, doch Heinz-Günther Wensurski macht sich auf den Weg zum Angeln. Am Heveliusplatz feuert die deutsche Artillerie auf das Postamt, das seit den frühen Morgenstunden von rund 50 polnischen Beamten hartnäckig verteidigt wird. Wensurski wird von einem Granatsplitter am Kopf getroffen und schwer verletzt, wie er nach dem Krieg der "Bild" erzählt.

Berlin, 19 Uhr: Die Hauptstadt erlebt ihren ersten Fliegeralarm. Die Jüdin Inge Deutschkron fragt sich, ob die NS-Regierung ihn nur fingiert hat, um die Menschen in Angst vor dem Feind zu einen. Sie erinnert sie sich an die Minuten im Schutzraum:

Die Leute saßen artig auf ihren Plätzen, horchten in die Stille hinaus und spekulierten in flüsternden Gesprächen, was es wohl mit diesem Alarm auf sich habe. Draußen war es unheimlich still. Der Luftschutzwart in seiner neuen grauen Uniform kontrollierte anhand seiner Liste, wer von den Hausbewohnern anwesend war und tat sich wichtig (…). Uns Juden wies er eine Ecke im Keller an, in der wir schweigend saßen und unsere "arischen" Hausgenossen nicht anzusehen wagten. Als er nach etwa 30 Minuten völliger Stille Entwarnung gab, warteten wir "respektvoll", bis die "Arier" den Keller verlassen hatten.

Auch Sanitätsoffizier Mauss flüchtet in einen Schutzraum, beeindruckt, wie schnell sich die Straßen leerten. Danach notiert er:

Die Stimmung ist allgemein ernst, doch zuversichtlich, das Vertrauen zum Führer lässt jeden die Gewissheit haben, dass wir siegen werden.

Danzig, 19 Uhr: Das Postamt ist völlig zerschossen. In den Stunden zuvor war ein Loch in die Fassade gesprengt, Benzin in den Keller gepumpt und entzündet worden. Nun ergeben sich die überlebenden Verteidiger. Die ersten beiden werden trotz mitgebrachter weißer Flagge sofort erschossen, die übrigen in den nächsten Tagen hingerichtet.

Berlin, am Abend: Alle Fenster der Hauptstadt sind mit Pappe abgeklebt. Zum ersten Mal ist die Metropole wegen der angeordneten Verdunkelung in Finsternis getaucht. Die spätere Schriftstellerin Deutschkron blickt zurück:

Gesetzestreue Bürger brüllten Drohungen zu allen jenen hinauf, aus deren Fenster ein Lichtstrahl drang. Hunderte von Berlinern machten sich auf, um Berlin ohne die bekannten Leuchtreklamen zu sehen - etwa das regelmäßig aufflammende Sarotti-Mohrchen und den ins Glas perlenden Deinhard-Sekt. Was für ein Bild! An jenem Abend war es noch Sensation. Der Mond und die Sterne beherrschten die nächtliche Szene. Die Gedächtniskirche, das hässliche Wahrzeichen des Berliner Westens aus jenen Tagen, wirkte fast schön; das Mondlicht stilisierte es zur Silhouette.

KZ-Sachsenhausen, 22 Uhr: Rudolf Höß, Adjutant des Lagerführers Sachsenhausen und späterer Kommandant von Auschwitz, führt die erste Exekution des Krieges durch. Am Morgen hatte Theodor Eicke, Inspektor der Konzentrationslager, eine stramme Rede gehalten und unbeugsames Vorgehen gegen die Häftlinge gefordert. Jetzt trifft es einen Kommunisten, der sich offenbar geweigert hatte, an einem Fliegerunterstand mitzuarbeiten. Höß schildert nach dem Krieg, wie er in einer Sandgrube einen Pfahl eingraben ließ, an den sich der Verurteilte stellen musste:

Ich führte ihn hin. Ruhig stellte er sich bereit. Ich trat zurück und gab den Feuerbefehl - er sank in sich zusammen und ich gab ihm den Fangschuss.

Berlin, 2. September, 1.30 Uhr: Reporter Shirer hat seine letzte Radiosendung beendet und taumelt durch die pechschwarze Stadt. Als er nach langer Zeit endlich ein einsames Taxi sieht, drängelt sich ein anderer Passant vor. Shirer notiert:

Schließlich teilten wir uns den Wagen, er betrunken, der Fahrer gleichfalls, und beide die Dunkelheit und den Krieg verfluchend.

Dieser Krieg war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal einen Tag alt. Erst 2075 Tage später würde Europa wieder zur Ruhe kommen.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel