Zweiter Weltkrieg in Farbe: Der Geist der Befreiung - DER SPIEGEL
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Kriegsende im Farbfilm: "Als würden wir durch Dantes Visionen der Hölle wandern"

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Neue Farbaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg Filmschatz einer Hollywood-Ikone

Als US-Soldat erlebte Hollywoodregisseur George Stevens das dramatische Ende des Zweiten Weltkriegs. Mehr als 70 Jahre lagerten seine Farbaufnahmen im Archiv - nun sind sie in ihrer ganzen Brillanz zu sehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als die Alliierten in den Jahren 1944/45 von den Stränden der Normandie in das Herz von Hitlers Reich vorrückten, wurden sie von einem Kamerateam begleitet, das Filmaufnahmen für die US-Propaganda drehen sollte. Doch nicht alle Szenen, die damals auf farbigem Zelluloid festgehalten wurden, waren für die Öffentlichkeit bestimmt.

Nie aufgeführt landete das mehrstündige Material in der Library of Congress in Washington - wo der Filmschatz bis heute aufbewahrt wird. Mehr als 70 Jahre nach dem Dreh sind diese Aufnahmen nun zu sehen. Für die Dokumentation "Der Geist der Befreiung - Das Ende des Dritten Reichs" hat der deutsche Regisseur Konstantin von zur Mühlen die 16-mm-Farbaufnahmen in hochauflösendem HD digitalisiert. Der Film läuft am Montagabend, 8. Mai 2017, um 20.15 Uhr auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über Sky zu empfangen ist.

Die für den Film ausgewählten Passagen wurden aufwendig stabilisiert, gereinigt und auf einzigartige Weise zusammengeschnitten. Die Sequenzen sind ausschließlich mit Berichten und Aussagen aus zeitgenössischen Wochenschauen, Dokumentationen und Interviews kombiniert, die von zur Mühlen bei monatelangen Recherchen entdeckte.

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Kriegsende im Farbfilm: "Als würden wir durch Dantes Visionen der Hölle wandern"

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Die authentischen Aufnahmen, nun in ihrer ganzen originalen Brillanz zu sehen, zeigen das Durchhaltevermögen der alliierten Streitkräfte auf ihrem Weg durch Europa bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges - hautnah dokumentiert von den besten Kameramännern ihrer Zeit.

Denn der Mann, der das Filmteam anführte, zählt heute zu den Ikonen der US-Traumfabrik Hollywood: Regisseur, Produzent und Drehbuchautor George Stevens, bekannt geworden unter anderem mit Spielfilmen wie "Mein großer Freund Shane" (1953) und "Das Tagebuch der Anne Frank" (1959). Für "Giganten" mit Elizabeth Taylor, Rock Hudson und James Dean erhielt er 1957 den Oscar für die beste Regie.

Als Mitglied einer "Special Coverage Unit" hatte Stevens 1944 von Regielegende John Ford den Auftrag erhalten, den Vormarsch der Truppen auf dem von den Nazis besetzten Kontinent zu dokumentieren. Mit in seinem Team: die Schriftsteller William Saroyan und Irwin Shaw.

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Regisseur Stevens in Hollywood: Die größten Geschichten aller Zeiten

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Wer genau die Farbsequenzen auf Kodachrome Sicherheitsfilm gedreht hat, die zwischen Juni 1944 und Juli 1945 entstanden, lässt sich heute nicht mehr klären. Da Stevens häufig im Bild zu sehen ist, wird wahrscheinlich einer aus seinem Team die meisten Szenen gedreht haben. Während John Ford mit seinen Leuten am 6. Juni 1944 an Omaha Beach landete, betrat George Stevens weiter östlich - an Juno Beach - französischen Boden.

Dort war der Widerstand geringer, und so entstanden kurz nach Beendigung der Kämpfe erste Aufnahmen von zerstörten Häusern und gefangenen deutschen Soldaten. Stevens galt als launischer Chef, der zu großem Gelächter und Wutausbrüchen neigte, aber immer darauf bedacht war, dass niemand von seinen Leuten in zu große Gefahr geriet.

Im Tross der sich langsam vorkämpfenden Amerikaner drehte Stevens' Team immer wieder beeindruckende Szenen hinter der Front. Erster Höhepunkt der filmischen Reise ist die Befreiung von Paris im August 1944. Der deutsche Stadtkommandant hatte eigentlich den Befehl, Paris bis zum letzten Mann zu verteidigen und dann die wichtigsten Bauwerke in die Luft zu sprengen. Doch seit einer Audienz beim "Führer" war General Dietrich von Choltitz sicher, dass er einem Wahnsinnigen die Treue hielt. So entschied er, kampflos zu kapitulieren und Paris vor der Zerstörung zu retten.

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Ganz Hollywoodregisseur wusste George Stevens um die Bedeutung des historischen Moments, den er unbedingt festhalten wollte. Doch die Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde fand im Bahnhof Montparnasse statt, wo es für Filmaufnahmen zu dunkel war. Um doch noch die ersehnten Bilder zu bekommen, ließ Stevens die Beteiligten die Zeremonie draußen wiederholen. Als Choltitz zögerte, soll der angetrunkene Regisseur ihn angeblafft haben: "C'est la guerre, General, so ist der Krieg!"

"Die unglaublichste Zeit meines Lebens"

Wie viele seiner Kollegen nahm sich auch George Stevens eine kurze Auszeit, um zu feiern und um wieder einmal in einem richtigen Bett zu schlafen. "Die zwei Wochen bis zur Befreiung von Paris", so schrieb er an seine Frau, "waren die unglaublichste Zeit meines Lebens."

Das Team reiste im Gefolge der amerikanischen Truppen weiter Richtung Nazideutschland, wo es unter anderem die Eroberung von Aachen und das erste Zusammentreffen von Amerikanern und Russen bei Torgau an der Elbe dokumentierte.

Kurz nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau bei München drehte George Stevens mit seinem Kamerateam besonders verstörende Aufnahmen. Viele der überlebenden Häftlinge hatten einen langen Leidensweg hinter sich, waren unterernährt und krank. Stevens filmte auch einen Zug voller Leichen - offenbar ein Transport aus einem der Todeslager im Osten.

"Es war, als würden wir durch Dantes Visionen der Hölle wandern", schrieb er in einem Bericht. So schwer es ihm fiel, Stevens wollte die Zustände festhalten, damit später niemand behaupten konnte, die Berichte über Dachau seien alliierte Propaganda.

Unverzüglich begannen Amerikaner mit der Versorgung der Überlebenden. Doch der Schock des Gesehenen blieb haften. "Ich konnte mit niemandem darüber sprechen", erinnerte sich der Hollywoodregisseur später.

Auch diese Aufnahmen sind in den Dokumentarfilm "Der Geist der Befreiung" eingeflossen - ebenso wie viele Szenen aus der Hauptstadt Berlin, die Stevens Anfang Juli 1945 mit seinem Team besuchte. Danach kehrte er zu seiner Karriere in der Traumfabrik Hollywood zurück.