Transfusionen Wenn fremdes Blut das Überleben sichert
Blut versorgt den Körper mit Sauerstoff. Geht bei einem schweren Unfall oder einer großen Operation zu viel verloren, ist das lebensgefährlich. Dann kommen Blutkonserven zum Einsatz. Längst handelt es sich dabei nicht mehr um das Vollblut anderer Menschen, sondern nur um einen Teil davon: Erythrozyten etwa, also die roten Blutkörperchen, Thrombozyten, also Blutplättchen, oder Blutplasma, die zellfreie Blutflüssigkeit.
An die 4,7 Millionen Liter solcher Blutprodukte werden Patienten laut Andreas Humpe, Direktor der Transfusionsmedizin am Klinikum der LMU in München, pro Jahr in Deutschland verabreicht. Neben Unfällen und Operationen gebe es noch einen weiteren typischen Grund für Transfusionen, sagt er: "Das sind Patienten mit Krebserkrankungen, bei denen durch Chemotherapien irgendwann die Blutbildung nachlässt."
Wann genau eine Bluttransfusion nötig wird, lässt sich nicht pauschal sagen. Zwar gibt es Leitlinien mit Grenzwerten, ab denen eine Transfusion ratsam ist. "Unter einem solchen Grenzwert nimmt der Organismus häufig Schaden, wenn er keine Transfusion bekommt", sagt Kristina Hölig, die den Bereich Transfusionsmedizin am Uniklinikum Dresden leitet und Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Transfusionsmediziner ist.
Neben den Leitlinien müsse der Arzt jedoch immer den gesamten Menschen im Blick haben: "Ein 20-Jähriger mit gesundem Herz-Kreislauf-System kompensiert viel niedrigere Werte als ein 80-Jähriger, der schon gewisse Herzprobleme hat, Durchblutungsstörungen im Gehirn oder eine Lunge, die nicht mehr richtig funktioniert."
Zur Not: Blutgruppe 0 passt immer
Wird eine Transfusion notwendig, machen sich Mediziner auf die Suche nach dem passenden Blut. Dafür werden Blutgruppe und Antikörper gecheckt und eine Verträglichkeitsprobe durchgeführt. Die Blutgruppe besagt, welche Eiweiße sich auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen befinden. Sind sie fremd, reagiert das Immunsystem auf sie, und das Blut kann verklumpen.
"Das Ganze gilt nur dann nicht, wenn wir von einem akuten Notfall sprechen, bei dem es keinerlei Zeitverzögerung geben darf", sagt Humpe. Dann wird Blutgruppe 0 gegeben, die im Prinzip jeder verträgt, weil die kritischen Eiweiße fehlen. Die Untersuchungen werden später nachgeholt.
Wie fast alle medizinischen Therapien birgt auch eine Bluttransfusion Risiken. Viele Menschen fürchten Infektionen. Diese Gefahr stuft Hölig allerdings als sehr gering ein. Seit 1998 gilt in Deutschland das Transfusionsgesetz. "Dort ist geregelt, wie man Blutkonserven herstellen und auch testen muss", erklärt Hölig. "Wenn man das nicht macht, macht man sich eindeutig strafbar."
Abgesehen davon kann es zu Unverträglichkeitsreaktionen kommen. Auslöser sind häufig verbliebene weiße Blutkörperchen des Spenders. Diese können zu Reaktionen wie Schüttelfrost oder Übelkeit führen. Dann muss die Transfusion sofort gestoppt werden, im Zweifel treten die Reaktionen jedoch auch bis zu zwei Wochen verzögert auf. Und auch ein Verwechslungsrisiko im Krankenhaus besteht.
Trotzdem betont Humpe: "Am Ende des Tages muss man sagen, dass ohne Bluttransfusionen eine Vielzahl der Therapien, die wir dem Patienten heute anbieten können, nicht möglich wären." Ihm fällt daher kein Grund ein, eine aus Arztsicht erforderliche Bluttransfusion als Patient abzulehnen. Auch gibt es kaum Alternativen für die oft lebensnotwendige Behandlung.
Eigenblutspenden, bei denen dem Patienten etwa vor einer geplanten Operation ein Vorrat des eigenen Bluts abgenommen wird, wären eine davon - sie sind aber deutlich zurückgegangen. "Bei vielen Patienten ist das durch Begleiterkrankungen oder ein entsprechendes Alter gar nicht machbar, ohne sie zu gefährden", sagt Humpe. "Gewinne ich Eigenblut, verursache ich ja letztendlich eine Blutarmut bei dem Patienten. Er muss aber in einem bestimmten Zustand in die Operation hineingehen."
Blutmanagement im Krankenhaus
An Bedeutung gewinnt hingegen das sogenannte Patient Blood Management (PBM). "Man guckt sich den Patienten vor einer großen Operation an", erklärt Ruth Hecker, Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS). "Was hat er für Erkrankungen, wie sind seine Blutwerte, was kann man tun, um diese zu verbessern, kann man ihm im Vorfeld etwa Eisen oder andere Präparate geben?" Außerdem wird ihm im Krankenhaus so wenig Blut wie möglich abgenommen. Laut Humpe sind diese Maßnahmen aber keine Alternative zur Bluttransfusion, sondern nur eine Ergänzung.
Hecker rät, vor einer Operation schon den Hausarzt zu fragen: "Wie ist mein Blut beschaffen, kann ich damit gut in eine OP gehen oder etwas unterstützen?" Dabei können Patienten auch nach dem Patient Blood Management fragen. Das Konzept braucht nämlich Zeit. Kliniken, die mit PBM werben, sind darauf aber vorbereitet: "Sie stellen dafür Sprechstunden und Ressourcen zur Verfügung", so Hecker, die an der Uniklinik Essen für die Patientensicherheit zuständig ist.
Auch wenn jemand Bedenken hinsichtlich einer Bluttransfusion hat, können diese im Gespräch geklärt werden: "Wie zu einem operativen Eingriff, bekommt man eine einzelne Aufklärung zum Thema Bluttransfusion. Auch nach einem Notfall muss man hinterher eine Sicherheitsaufklärung bekommen", sagt Hecker.