Die Mitarbeiter in einer Hamburger Klinik lernen Platt - DER SPIEGEL
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Plattdeutsch in der Klinik "Un denn wedder Bööm utrieten"

Hett dat Eten smeckt? In einem Hamburger Krankenhaus pauken Ärzte und Krankenschwestern Plattdeutsch. Der Wortschatz soll älteren Patienten Vertrauen und Geborgenheit vermitteln. Und könnte dadurch sogar die Heilung fördern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit halboffenem Arztkittel eilt Karl Hameister über den Flur, die Zeit scheint zu drängen. Gerade hat der Oberarzt seine Visite beendet, auch den letzten Patienten nach Schmerzen und Appetit befragt. Schon greift das nächste Rädchen des durchgetakteten Klinikalltags. Es gibt Mittagessen, um elf Uhr vormittags. Der Geruch von Kantine, von irgendetwas zwischen Gulasch und Hühnersuppe wabert über den Flur.

Sie haben sich Mühe gegeben auf dieser Station der Asklepios Klinik in Harburg, auf der vor allem alte Menschen die Betten hüten. Ärzte und Pfleger lächeln aus Bilderrahmen im Flur, daneben reckt sich eine Gerbera in die Höhe. Doch auch sie kann nicht hinwegtäuschen über die grauen PVC-Böden, die kahlen, gelben Wände, den roten Strich auf dem Boden, der den Beginn der Station einleitet, den Beginn der Händedesinfektionszone. Es ist schwierig, Heimeligkeit ins Krankenhaus zu bringen. Ein neues Projekt aber soll genau das schaffen - über die Sprache.

Oberarzt Hameister und eine Handvoll Schwestern lernen seit ein paar Wochen Plattdeutsch, vier Stunden haben sie bisher miteinander gepaukt. "Gerade bei den älteren Menschen hier aus dem Umland ist Plattdeutsch mitunter die tägliche Umgangssprache. Es ist ihnen sehr vertraut", sagt Hameister. "Ich könnte mir vorstellen, dass die Kommunikation leichter und vertrauensvoller wird, wenn sie merken, dass ich ihr Plattdeutsch verstehe und auch die ein oder andere verständliche Antwort geben kann."

Vertrauen erobern: kein emotionaler Firlefanz

Ursprünglich war das Plattdeutschprojekt eine Idee der Marketingabteilung. Doch bei Gesprächen mit Patienten, Pflegern und dem Arzt fallen immer wieder zwei Wörter: "Sicherheit" und "Vertrautheit". Sie zeigen, dass das Projekt mehr ist als Werbung oder emotionaler Firlefanz. Zwar traut sich Arzt Hameister noch nicht, die Patienten mit seinem neuen Wissen zu beeindrucken. Geht der Plan aber auf, und Ärzte und Pfleger können in Zukunft mit ihren Patienten schnacken - es könnte dem Krankenhausalltag an Sterilität nehmen. Und so beim Heilen helfen.

Licht, Pflanzen, Musik oder die Farben den Wänden - immer wieder zeigen Studien, dass die Atmosphäre im Krankenhaus die Gesundheit der Patienten beeinflussen kann. Eine der Pionierarbeiten entstand bereits 1984. Damals zeigte ein texanischer Architekturprofessor, dass Operationswunden schneller heilen, wenn die Patienten aus ihrem Fenster ins Grüne blicken können. Eine andere große Überblicksstudie konnte jetzt zeigen, dass Musik im Krankenhaus Patienten Ängste nehmen kann.

Beim Plattdeutschprojekt profitieren wahrscheinlich vor allem demente Patienten. Die Betroffenen verlieren zuerst ihre neuesten Erinnerungen - und reisen mit fortschreitender Demenz immer weiter bis in ihre Kindheit zurück. Gerade zu dieser Zeit haben viele der älteren Patienten Platt gesprochen. "Wenn ich sie dann mit einer Floskel auf Plattdeutsch begrüßen kann, fühlen sie sich vielleicht wohler", sagt Hameister.

Kommunikation: Arzt und Patient nie auf Aufgenhöhe

Nach seinem Lieblingswort auf Platt gefragt, beginnen Günther Holzheimers ohnehin großen blauen Augen noch mehr zu strahlen. Darmkrebs hat ihn ins Krankenhaus gebracht, seine gute Laune konnte die Krankheit dem 82-Jährigen nicht nehmen. "Schietbüddel" sagt er, das sei ein gutes Wort. Ein Kosewort. Auch wenn man es eigentlich nicht denken würde.

Dass Patienten so offen und ungezwungen sprechen, ist keine Selbstverständlichkeit. Aus Angst und Scham trauen sich viele nicht, Ärzten ihre Fragen zu stellen oder Probleme zu schildern. "White-Coat Silence" nennen Experten das Phänomen, "Weißkittel-Stille". Es ist eine Problematik, die dringend angegangen werden sollte, schreiben drei Ärzte aus den USA und Kanada in der aktuellen Ausgabe des rennomierten Medizinjournals "JAMA" . Denn jeder vierte Patient tut nicht, was der Arzt verordnet hat. Wird die Arzt-Patienten-Kommunikation als schwach bewertet, steigt das Risiko der sogenannten Therapieuntreue um 19 Prozent - und damit das Risiko, dass die Therapie erfolglos bleibt.

"Ich glaube schon, dass die Patienten auf Platt vielleicht den einen oder anderen Satz mehr sagen werden, der ihnen auf Hochdeutsch schwerer fällt", sagt Hameister. "Und dass sie sich uns Ärzten und Schwestern vielleicht mehr anvertrauen." Ärzte sind den Patienten, was ihr Wissen betrifft, fast immer voraus, eine Kommunikation auf Augenhöhe ist quasi unmöglich. Beim Plattdeutsch aber tauschen sich die Rollen.

"Es ist wie mit jeder Sprache", sagt Hameister. "Man muss sich überwinden und irgendwann einfach loslegen." Bis dahin wird er wohl noch ein paar Stunden in seinem gelben Plattdeutschwörterbuch blättern. Das hat jeden Montag seinen festen Platz, immer wenn Kurs ist. In seinem Arztkittel.


Im Video erhalten Sie Einblicke in die Kommunikation auf Plattdeutsch, in den Sprachkurs und in den Alltag mit den Patienten.