Kalkablagerungen im Gehirn - DER SPIEGEL
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Ein rätselhafter Patient Verkalkter Kopf studiert nicht gern

Ein junger Inder kommt im Alltag nicht mehr zurecht: Er leidet unter Gedächtnisstörungen, scheitert an einfachen Aufgaben, hat Sprachstörungen. Erstaunt stellen seine Ärzte fest, dass sein Gehirn verkalkt ist. Wie konnte das passieren?
CT-Aufnahme des Kopfes: Verkalkungen im Gehirn (weiße Flecken)
CT-Aufnahme des Kopfes: Verkalkungen im Gehirn (weiße Flecken)

CT-Aufnahme des Kopfes: Verkalkungen im Gehirn (weiße Flecken)

Foto: BMJ
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein junger Mann kommt verzweifelt in das Krankenhaus im indischen Neu-Delhi. Seinen Alltag kann er schlicht nicht mehr bewältigen. Erst 25 Jahre alt ist der Patient. Er hat Schwierigkeiten, sich an Dinge zu erinnern oder aufmerksam zu bleiben. Es fällt ihm schwer, Entscheidungen zu treffen. Sein ganzes Leben habe sich in den vergangenen zwei Jahren dadurch geändert, sagt er.

Den Ärzten fällt auf, dass der Mann leicht irritierbar und ängstlich ist, außerdem gibt er an, ständig müde zu sein. Auch die Eltern des 25-Jährigen berichten von Stimmungswechseln, die ganze Persönlichkeit ihres Sohnes habe sich verändert. Auch die Leistungen des Studenten im College hätten nachgelassen, erzählen sie besorgt.

Krämpfe in Armen und Beinen

Wie die behandelnden Ärzte um Gunjan Kumar im Fachmagazin "BMJ Case Reports"  schreiben, habe der junge Mann nie zuvor unter epileptischen Anfällen gelitten. Allerdings berichtet er ihnen von Krämpfen in den Händen und Füßen, die er in den vergangenen Jahren immer wieder hatte.

Bei diesen sogenannten Karpopedalspasmen verkrampft sich die Hand, als ob man zwischen allen Fingern einen winzigen Gegenstand greifen würde. Pfötchenstellung nennen das Mediziner. Beine und Füße strecken Betroffene während der Krämpfe komplett durch. Die Erzählungen des Inders bringen die Ärzte auf die erste Spur: Krämpfe dieser Art sind ein Hinweis auf einen gestörten Kalziumstoffwechsel, auch bei schnell atmenden, aufgeregten Menschen kommt es dazu.

Bei der Untersuchung fällt den Ärzten das trockene, brüchige Haar des Mannes auf. Rund um den Mund und an den Fingerspitzen meint der Patient, ein Kribbeln zu spüren. Die Mediziner machen einen einfachen Test: Sie pumpen eine Blutdruckmanschette am Oberarm auf, bis sie den Puls am Handgelenk nicht mehr spüren können, und warten, was passiert. Erwartungsgemäß verkrampft sich die Hand des Mannes in der Pfötchenstellung - ein Hinweis, dass auch jetzt der Kalziumspiegel des Mannes zu niedrig sein könnte.

Nachdem die Ärzte Blut abgenommen haben, bestätigt sich ihr Verdacht: Der Kalziumspiegel ist viel zu niedrig, der Phosphatwert dagegen ist deutlich zu hoch. Auch die Werte der steuernden Hormone für Kalzium und Phosphat im Blut sind nicht normal. Im EKG erkennen die Mediziner Veränderungen, die durch den niedrigen Kalziumspiegel zu erklären wären.

Doch was hat den Kalziummangel ausgelöst?

Die Ärzte schieben ihren Patienten in den Computertomografen. Die Aufnahmen zeigen drastische Auffälligkeiten: Symmetrische Verkalkungen an beiden Gehirnhälften sind sichtbar. Sofort beginnen die Ärzte mit einer einfachen Behandlung - und verabreichen ihrem Patienten Vitamin D und Kalzium.

Schuld am niedrigen Kalziumspiegel sind die Nebenschilddrüsen des 25-Jährigen. Sie schütten zu wenig Parathormon aus. Dieser Botenstoff sorgt normalerweise für ausreichend hohe Kalziummengen im Blut. Eigentlich sollten sinkende Kalziumspiegel dazu führen, dass die Nebenschilddrüsen mehr Parathormon ausschütten und Kalzium aus den Knochen freigesetzt wird.

Warum das bei dem jungen Mann nicht geschieht, wissen die indischen Mediziner allerdings nicht. Häufig kommt es nach Schilddrüsenoperationen zu dieser Störung, sofern die Nebenschilddrüsen dabei entfernt wurden. Doch der junge 25-Jährige ist nie an der Schilddrüse operiert worden.

Trotz der Behandlung hinterlassen die Gehirnverkalkungen bleibende Schäden - zu lange haben sein niedriger Kalziumspiegel und die Unterfunktion der Nebenschilddrüsen angehalten. Es ist ungewöhnlich, dass in der CT-Aufnahme des Kopfes bereits Verkalkungen des Gehirns sichtbar sind.

Auch eine begleitende Verhaltenstherapie hilft dem Mann leider nicht mehr. Durch die bleibenden Einschränkungen im Alltag kann er sein College-Studium nicht beenden. Es sei, so das Fazit seiner Ärzte, einfach zu viel Zeit zwischen dem Auftreten der ersten Symptome und der Diagnose im Krankenhaus vergangen.