Neue Statistik Verdachtsfälle auf ärztliche Behandlungsfehler nehmen zu
Falsche Therapie im OP: Die meisten Vorwürfe werden im Zusammenhang mit Operationen erhoben
Foto: Friso Gentsch/ dpaBerlin - Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) ist im vergangenen Jahr deutlich mehr Verdachtsfällen von Behandlungsfehlern nachgegangen als in den Jahren zuvor. Die Zahl der bestätigten Fehler im ärztlichen Bereich und in der Pflege sank 2013 allerdings insgesamt auf rund 3700, wie der Prüfdienst am Dienstag in Berlin mitteilte . Im Vergleich zum Vorjahr waren dies damit rund 200 bestätigte Behandlungsfehler weniger. Bezogen auf alle Vorwürfe bestätigte sich damit im vergangenen Jahr in etwa jedem vierten Fall der Verdacht.
Insgesamt erstellte der MDK rund 14.600 Mal Gutachten bei einem Verdacht auf ärztliche Behandlungsfehler. Das sind rund 2000 mehr als im Vorjahr. Diese Zunahme um 17 Prozent führt Stefan Gronemeyer, stellvertretender Geschäftsführer des Prüfdienstes, "auf die Aufklärungsarbeit der vergangenen Jahre und die gestiegene öffentliche Aufmerksamkeit" zurück.
Zudem zeige auch das 2013 in Kraft getretene Patientenrechtegesetz Wirkung, betonte Gronemeyer. Das Gesetz hat den Anspruch der gesetzlich Versicherten auf Unterstützung durch die Krankenkassen bei Behandlungsfehlern gestärkt und räumt ihnen auch mehr Möglichkeiten zur Durchsetzung von Schadensersatzforderungen ein.
Am meisten Vorwürfe nach Operationen
Gut 30 Prozent der vermuteten Behandlungsfehler betrafen niedergelassene Ärzte, in knapp 70 Prozent der Fälle richtete sich der Verdacht gegen Krankenhäuser. Das hat damit zu tun, dass die meisten Vorwürfe im Zusammenhang mit Operationen erhoben wurden. Davon betroffen waren demnach vor allem die Bereiche Orthopädie und Unfallchirurgie (am häufigsten bei Knie- oder Hüftgelenksverschleiß) sowie die Allgemeinchirurgie, gefolgt von Zahnmedizin und Gynäkologie.
Der im vergangenen Jahr vorgestellte Bericht der Bundesärztekammer für das Jahr 2012hatte gezeigt, dass ein knappes Drittel (30 Prozent) der 7578 entschiedenen Anträge zu mutmaßlichen Behandlungsfehlern berechtigt war. Demnach wurden am meisten Fehler bei Knie- und Hüftgelenksbehandlungen gemacht. Die Auswertung der Beschwerden beim MDK dagegen hatte im vergangenen Jahr gezeigt, dass Behandlungsfehler bei Wurzelbehandlungen der Zähne Spitzenreiter waren.
Der MDK mahnte bei der Interpretation der Zahlen allerdings zur Vorsicht. "Eine hohe Zahl an Vorwürfen bedeutet nicht automatisch eine hohe Zahl an Behandlungsfehlern", erklärte Astrid Zobel vom MDK Bayern. So wurden die meisten Vorwürfe in der Pflege und in der Zahnmedizin bestätigt. Da es sich aber um absolute Zahlen handelt, kann laut Zobel nicht daraus geschlossen werden, welcher Bereich nun besonders risikobehaftet sei.
Ohnehin geht der MDK von einer hohen Dunkelziffer aus, weil Fehler einerseits nicht erkannt werden oder Patienten dem Verdacht nicht nachgehen.
"Wir kehren diese Fehler nicht unter den Tisch"
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte mehr Hilfe für die Opfer von Behandlungsfehlern in Kliniken und Arztpraxen. "Um die größte Not der geschädigten Patienten zu lindern, brauchen wir einen Härtefall-Fonds", sagte Vorstand Eugen Brysch, dieser solle 200 Millionen Euro beinhalten.
Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Frank-Ulrich Montgomery, erklärte hingegen, angesichts von jährlich fast 700 Millionen Behandlungsfällen im ambulanten Bereich und mehr als 18 Millionen Fällen in den Kliniken bewege sich die Zahl der bestätigten ärztlichen Behandlungsfehler im Promillebereich. In Deutschland würden bei der Behandlung höchste Standards angelegt und es werde alles unternommen, um Fehler zu vermeiden. "Wichtig aber ist", so Montgomery, "wir kehren diese Fehler nicht unter den Tisch, sondern wir lernen aus ihnen und wir setzen uns dafür ein, dass den betroffenen Patienten schnellstmöglich geholfen wird."
Auch AOK-Vorstand Uwe Deh verwies auf Fortschritte in den vergangenen Jahren. Es gebe weniger Berührungsängste in Kliniken, Fehler in anonymen Meldesystemen anzugeben. Diese sollen vor allem dazu dienen, aus den begangenen Fehlern für die Zukunft zu lernen. Checklisten wiederum sollen etwa bei Operationen helfen, Fehler zu vermeiden. Unter Ärzten ist allerdings umstritten, wie sehr eine offene und angstfreie Fehlerkultur bereits Teil der Arbeit in nach wie vor sehr hierarchisch organisierten Kliniken ist.