Männer-Gesundheit: Kranke Superhelden - DER SPIEGEL
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Männer-Gesundheit Kranke Superhelden

Männer erleiden doppelt so oft einen Herzinfarkt wie Frauen und sterben früher. Trotzdem fokussiert sich die Gesundheitspolitik vor allem auf Frauen.
Von Anne Seith und Jonas Weyrosta
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Peter Borchert (Name geändert) ist für seine 38 Jahre ganz schön angeschlagen. "Meine Beine haben einen Schiefstand, die Knie drückt es nach außen ", sagt er. Vor drei Jahren hatte er seinen ersten Bandscheibenvorfall. Schlimmer seien allerdings die psychischen Belastungen, die Trennung von seiner Frau, der ganze Stress auf den Baustellen, sagt Borchert. Borchert ist Walzenfahrer im Straßenbau.

Vor einigen Monaten merkte er, dass er mit den Nerven endgültig am Ende war. Damals rauchte Borchert 40 Zigaretten am Tag, fuhr gegenüber seinen Kindern leicht aus der Haut. Dabei litten auch sie unter der Trennung der Eltern und brauchten den Vater dringend. "Ich hatte das Gefühl, demnächst knallt's", sagt Borchert.

Seit fast drei Wochen sind er und seine beiden Kinder mittlerweile Gast im "Gesundheitszentrum am Spiegelwald" in Sachsen - zu einer Vater-Kind-Kur. Borchert macht morgens um sieben Uhr Kneipp Bäder, geht später zum Stressbewältigungstraining oder zum Nordic Walking. Die Kinder sind in der Kinderbetreuung. Regelmäßig sitzen alle außerdem bei einer Familientherapeutin, die ihnen hilft, auch über Themen zu sprechen, die sie sonst meiden.

Doppelt so viele Infarkte

Borchert sagt, die Kur sei "seine Rettung", und trotzdem sind solche Angebote für Väter rar. In Einrichtungen des 1950 gegründeten Müttergenesungswerks, zu denen auch das Gesundheitszentrum am Spiegelwald gehört, machten 2015 rund 50.000 Mütter eine Kur - und nur 1500 Väter.

So sei es in vielen Bereichen der Gesundheitsvorsorge, bemängelt die Medizinerin Doris Bardehle, die im wissenschaftlichen Beirat der "Stiftung Männergesundheit" sitzt: "Das liegt auch an einer Gesundheitspolitik, die sich bislang stärker auf die Frauen- und Müttergesundheit fokussierte."

Dabei ist die Zahl der männlichen Herzinfarkt-Patienten doppelt so hoch wie die der weiblichen. Auch die Zahl der Krebs-Neuerkrankungen ist bei Männern höher. Ihre Lebenserwartung liegt rund fünf Jahre unter der von Frauen, was sich allenfalls in Teilen genetisch erklären lässt.

"Einfach kein Platz"

Trotzdem führen laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nur rund 45 Prozent der Männer in Deutschland regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen durch, etwa zur Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenerkrankungen oder zu Diabetes.

Frauen fänden einfach schon in jungen Jahren einen viel leichteren "Zugang zum Gesundheitssystem", sagt Anne Starker, die am Berliner Robert Koch-Institut (RKI) seit mehreren Jahren zum Thema Männergesundheit forscht. Während viele Mädchen schon in der Pubertät beginnen, regelmäßig zum Gynäkologen zu gehen, ist die Vorsorgeuntersuchung beim Urologen für Jungs weit weniger selbstverständlich.

Für das körperliche und auch für das seelische Befinden von Männern sei "in traditionellen Familienkonzepten" einfach lange "kein Platz gewesen", sagt Starker. Vor allem psychische Krankheiten passen nicht ins klassische Männerbild.

"Sehr straffer Umgangston"

Das hat dramatische Folgen, wie ein Bericht der Stiftung Männergesundheit  aus dem Jahr 2013 zeigt, an dem auch die Krankenversicherung DKV beteiligt war. Die Experten hatten zahlreiche Statistiken und Studien ausgewertet und kamen zu dem Schluss, dass bei Frauen sehr viel öfter eine Depression diagnostiziert wird als bei Männern - dass Männer sich aber gleichzeitig dreimal so oft selbst das Leben nehmen wie Frauen.

Trotzdem seien die Gesundheitsangebote etwa der Krankenkasse schon "in ihrer Ansprache sehr weiblich", wie RKI-Gesundheitsexpertin Anne Starker sagt. "Für Yogakurse, zu denen man Wollsocken mitbringen soll, können sich noch immer relativ wenige Männer erwärmen."

Genau deshalb hat man sich am Gesundheitszentrum am Spiegelwald ziemlich viele Gedanken gemacht, wie man eine Eltern-Kind-Kur auch für Väter interessant gestalten könnte.

Die entwickelten Ideen scheinen teilweise lapidar zu sein, aber sie funktionieren. Auf dem Speiseplan steht mehr Fleisch, ins Sportprogramm wurde neben den üblichen Kursen ein neues Zirkeltraining aufgenommen, bei dem ein "sehr straffer Umgangston" gepflegt wird, wie ein Vater vor Ort schmunzelnd sagt. "Brüllsergeant" hätten sie den Trainer scherzhaft getauft, fügt Kurgast Borchert hinzu. Es macht ihm und seiner Kurgruppe offensichtlich Spaß, so auch mal ihre Kräfte zu messen.

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Auch die gemeinsamen Therapiesitzungen etwa zur Stressbewältigung laufen bei den Vätern anders ab als bei den Müttern, sagt Kurleiterin Barbara Jähn. "Das Warm-up ist bei den Männern viel länger und oft ein wenig anstrengend."

Frauen seien es gewöhnt, über Probleme und vor allem über Krankheiten zu sprechen, sagt sie. "Männer müssen sich erst öffnen." Dafür könne man gut mit Humor arbeiten, um die Atmosphäre aufzulockern. "Männern fällt es leichter, über sich selbst zu lachen."

Immerhin scheint das lange vernachlässigte Thema Männergesundheit inzwischen stärker in den Fokus der Politik zu rücken. 2010 erschien der erste "Männergesundheitsbericht". Ende Juni fand in Berlin dievierte Männergesundheitskonferenz  statt, organisiert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Neue Generation

Aus ihrer Forschung weiß RKI-Expertin Starker allerdings, dass sich Geschlechterrollen nicht von heute auf morgen wandeln. Dennoch ist sie zuversichtlich. "Es wächst eine Generation von Jungs und Männern heran, für die es ganz normal ist, über Krankheit und Belastung zu sprechen und damit auch zu einem Arzt zu gehen".

Auch Kurgast Borchert hat im Gesundheitszentrum am Spiegelwald gelernt, besser auf sich aufzupassen. Er hat mit dem Rauchen aufgehört und viel für seinen Rücken getan.

Das Verhältnis zu seinen Kindern ist obendrein noch enger geworden. "Ich hatte eine Heidenangst davor zu fragen, wie die beiden eigentlich die Trennung erlebt haben", sagt er. Mithilfe der Therapeutin gelang das Gespräch endlich.

Der schönste Moment in der Kur sei aber ein anderer gewesen, erzählte er dann noch. "Irgendwann fragte mich mein Sohn, ob ich wisse, wie man einen Superhelden ohne Mantel nennt." Die Antwort lautete: Papa.